Tee-Trinken...

... und Abwarten

Ich bin Tee-Trinker. Damit, so scheint es, befinde ich mich aber, global besehen, in der Minderheit. Überall auf der Welt sind nämlich die Kaffee-Trinker im Vormarsch. Bloß in Wien nicht.

Weil: Ironie der Geschichte: Wien gehört seit eh und je schon mit Leib und Seele dem Kaffee. Da musste er nicht erst antanzen. Er war immer schon da. Der gute Wiener Kaffee, elegant betont auf der zweiten Silbe, und je nach Verflüssigungsgrad mit Phantasienamen wie Einspänner, Melange, oder Großer Brauner belegt, verwöhnt den Gaumen des Kenners seit Jahrhunderten.

Dafür war hier der Tee von Anfang an ein Minderheitenprogramm. Und nicht nur das. Er wurde regelrecht stiefmütterlich behandelt. Als Tee-Trinker hat man es auch heute noch nicht leicht. Denn, bestellt man in einem Café "eine Tasse Tee", erhält man oft ein Gläschen der Marke arcoroc©, angefüllt mit lauwarmem Wasser, und einem verträumt daneben auf der Untertasse geparkten Teebeutelchen, das noch selig in seiner Originalverpackung jenes Tages harrt, da es dereinst in Verwendung genommen werden wird. Der Zweck dieser Gepflogenheit ist es offenbar, dem Kunden zu versichern, dieses Teebeutelchen sei vorher noch von niemandem anderen benutzt worden. Es sei frisch und jungfräulich und warte darauf, vom heutigen Kunden zum ersten Mal ins Wasser getunkt zu werden.

Mich erinnert das immer ein wenig an das "Studentenfrühstück" früherer Tage. Ein Glas Wasser, eine Zigarette, und ein Streichholz. Der Unterschied zu heute ist, dass das Studentenfrühstück für irgendeine nominelle Kopeke zu haben war, während das Tässchen Warmwasser mit Teebeutel stolze Europreise einfordert. Meistens wird der so offensichtlich fehlenden Substanz des "Tees" mit etwas Kaffee nachgeholfen. In Form einer neben dem Teebeutel sitzenden und in Schokolade verkleideten Kaffeebohne oder eines in Plastik eingeschweißten würzigen Spekulatiuskekses. Kein Wunder, dass auch der eingefleischte Tee-Liebhaber an dieser Stelle vorzugsweise zum Kaffee greift.

Nun geht es mir freilich so, dass ich den Geruch von Kaffee wesentlich lieber mag als seinen Geschmack. Frisch gerösteter Kaffee riecht wunderbar. Sogar aufgebrühter Kaffee riecht von ferne noch ganz angenehm. Mit dem Trinken von Kaffee habe ich so meine Probleme. Ich trinke Kaffee aus Geselligkeit, aber ohne rechtes Vergnügen. Glücklicherweise wird in traditionellen Wiener Cafés zum Kaffee stets ein Glas "Gemeinde Wien" dazu gereicht. Trinkwasser Marke Wasserhahn. Damit man den unangenehmen Geschmack hinunterspülen kann. Und als das öffentliche Rauchen noch erlaubt war, roch und schmeckte man von dem Kaffee ohnehin nicht viel.

Mittlerweile ist die türkische Invasion Wiens, kulinarisch gesprochen, perfekt, und auch der Kaffee nach türkischer Rezeptur ist in Wien heimisch geworden. Parallel zum amerikanischen Kaffee samt amerikanischem Café. Und dem Siegeszug des "Latte", eines dickflüssigen Milchschaums mit einem Anflug von Kaffeegeschmack und einer kunstvollen Kakaopulververzierung auf der Oberfläche. Bei uns in der Familie wurde diese Art von Kaffee als "Kaffee verkehrt" bezeichnet. Also kein "Kaffee mit Milch" sondern "Milch mit Kaffee". Eine Art Kindergetränk. Oder ein Kaffee für Menschen, die nicht die ganze Nacht glockenwach und mit Herzklopfen senkrecht im Bett stehen wollten. Die noch vor 20 Jahren in Amerika und anderswo so beliebte "bodenlose Tasse", bei der man sich, für einmal Zahlen, mehrfach nachschenken konnte, ist mittlerweile den gnadenlosen Gesetzen des Marktes zum Opfer gefallen.

Den besten Kaffee, für mein Empfinden, bereitet man auf Hawaii. Eine große Tasse mit einem leichtflüssigen, aber nicht unbedingt "verwässerten" Kaffee, verfeinert mit einem Hauch Macadamia-Nuss. Dazu eine Zimtschnecke von geradezu pazifischen Dimensionen. Wer könnte dem widerstehen? Indessen: Als Tee-Trinker muss ich mich freuen, dass der Tee-Beutel bei McDonald’s in aller Regel bereits in der Tasse mit heißem Wasser besprüht wird, was der Sache grundsätzlich nur nützen kann.

In manchen Cafés und Restaurants wird mittlerweile auch ein kleines Tee-Ei - ein metallener Teebeutel - in die Kanne gegeben, womit der Tee immerhin die Chance erhält, ein wenig zu ziehen. Leider meinen die meisten Leute, sie müssten das Tee-Ei schon nach einer Minute entfernen, weil der Tee sonst "zu stark" würde. Einen Zuschlag an Heißwasser für einen Zweitaufguss gibt es auch so gut wie nirgends. Ein Darjeeling hat unter solchen Bedingungen natürlich gar keine Chance, da er seinen speziellen Geschmack und sein Temperament erst nach längerem Ziehen offenbart.

Die Farbe von Granatapfelkernen sollte eine gute Tasse Tee auszeichnen. Dazu serviert man Milch und Zucker und einen schlichten Keks ohne Schokolade. Alle Bilder: Tom Appleton

In den meisten türkischen und persischen Restaurants erhält man einen Tee, der idealerweise die Farbe von Granatapfelkernen aufweist. Dazu wird oben auf dem Samowar ein Teekesselchen mit einem superstarken Tee-Sud in Aktion gehalten, von dem dann, für jedes Gläschen, zwei Zentiliter abgefüllt werden. Der Rest ist heißes Wasser. Ich persönlich trinke den Tee aus diesem Teekessel gerne unverdünnt, eine Angewohnheit, die im Iran gewissermaßen den "Tariaki", den Opiumrauchern vorbehalten ist.

Riesen Samowar im Nationalen Teppich Museum, Teheran

Freilich ist auch in den iranischen "Tschai-Chanehs", den "Tee-Häusern", der Samowar aus der Mode gekommen. Im Teppich-Museum von Teheran gibt es ein Café, in dessen Mitte auf einem Podest ein gigantischer Samowar steht, gut zwei Meter hoch, bis unter die Decke reichend. Aber er ist nurmehr ein historisches Artefakt, ein Museumsstück aus dem zaristischen Russland. Der Tee, der dort serviert wird, kommt aus dem Teebeutel. Die Marke "Lipton" ist dementsprechend auch im Iran allerorten ein Garant für Qualität. Und dem rauchfreien Trend unserer Zeit entsprechend ist sogar die Wasserpfeife aus vielen iranischen Teehäusern gewichen.

Englische Tee Reklame der Marke "Lipton" aus dem Iran

In Neuseeland, einst, wie England, ein Land der Tee-Trinker, ist der Tee fast vollkommen aus dem öffentlichen Leben verschwunden. Täglich sieht man Menschen auf der Straße, die in der Hand zwei oder drei Pappbecher in einem Pappgestell tragen, das einer Eierschachtel ähnelt. "Coffee to go", "Kaffee zum Mitnehmen", nennt sich das. Was man dann, irgendwo und irgendwann, wenn man endlich angekommen ist mit dem Getränk, zu sich nimmt, kann man wohl nur als "kalten Kaffee" bezeichnen. Vorbei die Tage des schlichten Pulverkaffees und Tauchsieders. Vorbei aber auch die Tage des "Billy Tea", als man Wasser in einem Henkeltöpfchen aus Aluminium auf dem offenen Feuer erhitzte, und ein paar Handvoll zerbröselte Teeblätter hineinwarf.

Manche Leute liebten den Tee sogar erst, nachdem er eine Zeit lang richtig aufgekocht hatte. Natürlich mit Milch und Zucker zu genießen. Es gab philosophische Diskussionen darüber, ob der Tee zuerst und dann die Milch, oder erst die Milch und dann der Tee in die Tasse gegossen gehörte. Bei Versammlungen der Stadtverordneten und jeder anderen öffentlichen Zusammenkunft von Menschen gab es die große metallene Teekanne, in der der Tee gute 20 Minuten und länger vor sich hin gebraut hatte. "Hm, ein köstliches Tässchen", meinten die Versammelten dazu und tunkten ihre etwas altbackenen Kekse hinein. Auch der "Railway Tea", der auf den nächtelangen Bahnfahrten zwischen Auckland und Wellington gereicht wurde, erreichte fast mythische Qualitäten. Aber: Vorbei...!

Die Farbe ist es, die den Unterschied macht. "Wenn das Tee ist, hätte ich lieber Kaffee. Wenn das Kaffee ist, geben Sie mir lieber Tee", sagt man, wenn das Gebräu farblich zwischen rotbraun und schwarz laviert. Letzten Endes aber ist der Unterschied zwischen Tee und Kaffee wohl ein rein ideologischer. In Amerika gilt Kaffee als "amerikanisch", weil Tee - bereits seit der Initialzündung zur amerikanischen Revolution, der "Boston Tea Party" - als "britisch" gilt. Wer im traditionell revolutionstreuen Concord, Massachusetts "eine Packung Tee kaufen" möchte, erhält im feinsten Delikatessen-Geschäft der Stadt einen teuren Import-Artikel - aus England. Tee-Trinken gilt als Kuriosität. Ein Mann, der Tee trinkt, ist wohl auch sonst nicht ganz Ernst zu nehmen.

Ähnliche Reaktionen kenne ich auch aus Deutschland und Österreich. Bietet man jemandem eine Tasse Tee an, hört man als Antwort nicht selten: "Wieso? Ich bin doch nicht krank!" Die Vorstellung davon, was "Tee" eigentlich ist, hat sich inzwischen auch sehr, sehr weit von Kakuzo Okakura’s "Das Buch vom Tee" entfernt. Ein gemächliches Tee-Zeremoniell, die Verwendung verschiedener Tee-Sorten, die Einstimmung auf Duft und Geschmack und die einen umgebende Natur -- das alles ist zu bohemienhaft, zu etepetete, zu zeitraubend. Man trinkt einen Kräuter- oder Früchte-Tee vor dem Einschlafen, oder einen Eistee aus dem Tetrapack, wenn man den "Durst" eben mal rasch "löschen" will. Alles andere ist eher zu englisch. Und das bedeutet eigentlich, zu riskant.

"Everything stops for tea", sagte man in England. Nicht der starke Arm des Arbeiters ließ dort die Maschinen stille stehen. Es war die Teepause. "Abwarten und Tee trinken", sagte man auch auf Deutsch. Dazu hat heute keiner mehr die Zeit. Und man sieht ja, wie der Tee gewirkt hat. Den Engländern kostete es die Vorrangstellung in der Welt, das Empire ging bachab, und Indien erlangte die Unabhängigkeit. Heute ist Kaffee vermutlich das neoliberale Getränk in Reinkultur. Es putscht auf, treibt zu erhöhter Arbeitsleistung an, ist fett-und zuckerfrei und ersetzt die Frustzigarette. Wer 15 Stunden täglich am Computer wach bleiben will, muss Kaffee trinken. Und auch die Prekarier unserer Tage, im Vor-und Nach-Arbeitslosenstadium, tun gut daran, sich Kaffee einzuflößen, damit sie an der Stange bleiben und ihnen nicht alle Felle davonschwimmen. "Tee trinken...und abwarten" ist dagegen eine Parole ganz unzeitgemäßer Art. Aber das hat doch auch sein Gutes. (Tom Appleton)

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