Teheran privat

Teheran ist wie eine Insel im Pazifik, die dem Cargo Cult frönt

Draußen, vor dem Flughafen: ein Durcheinander komplett fremder, iranischer Gesichter, die einen anlächeln. Feindseligkeit gegenüber dem Westen, Hass auf Amerikaner? Im Gegenteil. Die Leute tun so, als sei man ein längst erwarteter Verwandter, der endlich angekommen ist. Ich drehe mich um, um zu sehen, ob vielleicht eine nationale Fußballmannschaft hinter mir steht, die Willkommen geheißen wird. Nein. Diese freudige Begrüßung gilt ganz offensichtlich den eigenen Verwandten, die hier erwartet werden, aber sie schließt mich und die anderen westlichen Besucher mit ein.

Das alte Cinema Diana auf der Avenue Shah Reza, 1957. Oben auf dem Dach sieht man die Projektionsfläche des Freiluftkinos, wo an Sommerabenden Filme unter dem Sternenhimmel gezeigt wurden.

Das Lächeln gilt auch ganz konkret MIR. Es ist wie ein Film, aber es ist real. Es ist vom ersten Augenblick spürbar. Ganz Teheran lebt in einer Art Erwartungshaltung. Den Willkommenskuss, den die Amerikaner in Bagdad erwartet haben – hier hätten sie ihn bekommen können. Vielleicht nicht, wenn sie mit Panzern einmarschiert wären. Es hätte gereicht, mit 20 Millionen Touristen aufzukreuzen.

Teheran ist wie eine Insel im Pazifik, die dem Cargo Cult frönt, der „John-From“-Religion. „John from America“ brachte dort einst, im Zweiten Weltkrieg, alles Gute, und so betete man nach dem Krieg weiterhin die Flugzeuge an, weil alles Gute aus dem Himmel kommt. Obwohl die Amerikaner Teheran nie besetzt hielten, stehen auf der Erde Willkommensgrüße an jeder Straßenecke. Jedes, aber auch wirklich jedes, Straßenschild trägt den Namen in persischer Schrift und zudem auf Amerikanisch. Es ist alles so ganz anders als z. B. in Prag 1968, wo die Straßenschilder extra abmontiert wurden, um die einmarschierenden Russen zu verwirren. Hier liest man Verkehrshinweise oft nur auf Amerikanisch.

Das heutige Cinema Sepideh an der gleichen Stelle. Der schöne alte Art Deco Bau daneben steht heute leer. Im Vordergrund der allgegenwärtige Paykan, ein weiterentwickelter Hillman.

Es ist ein ungelenkes Amerikanisch, von Menschen geschrieben, die es offenbar nur fehlerhaft beherrschen. Aber es ist da, und es findet sich auf jeder Softdrink-Flasche, auf jeder Kleenex-Schachtel, und selbst wenn die Marke hier „Cheshmak“ (Äuglein oder Augenzwinkern) heißt, so ziert doch jedes Tüchlein ein „Snoopy“-Motiv. Auf jeder Brotverpackung steht eine amerikanische Nahrungspyramide, die besonders den Verzehr von Cerealien empfiehlt, und dazu dann jeweils beinhart der Firmenname ganz groß in amerikanischer Transliteration, selbst wenn er auf Amerikanisch noch so albern oder gar peinlich klingt – wie bei der Marke „Hoorsun“ („Hurensonne“).

Teheran, so spürt man, sehnt sich verzweifelt nach einer Liebesgeste Amerikas -- wie eine verschmähte Geliebte, die um jeden zärtlichen Blick bettelt, bittet, buhlt.

II.

Ich habe genau zehn Minuten gebraucht, um in absolute Ekstase zu verfallen nach meiner Ankunft in Teheran. Teheran ist wirklich eine Stadt der Musik. So stelle ich mir das New York oder New Orleans der 20er Jahre vor, die Städte des Jazz. Adrenalin pur, jugendliche Energie. Sieben Millionen? Es fühlt sich an wie 20.

Auf jeder Haupt- und Seitenstraße eine dröhnende, scheppernde Blechlawine, ein wildes Cello-Gestreiche, ein Gewusel, das selbst zu nachtschlafender Stunde noch (beispielsweise) an den Wiener Gürtel zur Hauptverkehrsstoßzeit um 16 Uhr erinnert. Synkopische Huplaute, bellende kleine Terzen, die aus dem iranischen Hillman ertönen, der hier als eigene Marke „Paykan“, unverändert seit 1966, abgasstark dahinbrummt.

Straßenschilder in Teheran sind fast durchgängig zweisprachig, wie in Erwartung der amerikanischen Touristen.

Die große Terz der amerikanischen Straßenkreuzer von einst hört man nicht mehr. Aber: Musik aus jedem Auto, Disco-Rhythmen mit schluchzenden Kitsch-Geigen à la Helmut Zacharias, hämmernde Straßenbau-Geräte, es ist eine Symphonie, die man nur abzuschreiben braucht. Dass die persische Nationalhymne von der Musik von einem der Bach-Söhne abgekupfert wurde, halte ich zwar für ein Gerücht, aber es würde dazu passen. Jeder Klang passt in diese Melange, Teheran schluckt alles. Und dann, oben in Niavaran, in den alpinen Bergregionen, wo Nord-Teheran morgens in aller Frühe wie ein taufrisches Innsbruck erwacht, zwitschern Singvögel eifrig um die Wette, Tauben, die in Wien nur ihr zweisilbiges „Blut-Hust“ von sich geben, dudeln hier ein geschäftiges Signal ab, „Du Uhudla Luda du!“ natürlich auch in öder Wiederholung immer und immer wieder, aber immerhin, welche Kreativität für eine Taube! Und die kamerascheuen Krähen sitzen auf den Bäumen und kommentieren jedes Gespräch der Menschen durchs offene Fenster. Kaum gibt es eine Redepause, hört man schon das „Krah-Krah“ von draußen, als wären nur SIE die echten Finanzexperten hier.

III.

In dieser Stadt bin ich aufgewachsen. Ich habe meine Kindheit hier verbracht. Ich war ein Straßenkind in Shemiran, ein kleiner „Farangi“, ein „Foreigner“ oder eben ein „Franke“, wie die Europäer hier heißen. Ich lebte zwischen allen Welten, wie heute immer noch. Hier bei den armenischen Millionären, dort bei den Baha’is, da drüben bei den total verarmten Lastenträgern, den „Hamals.“ Ich fühlte mich überall zuhause. Ich sprach besser Farsi als Deutsch, und dazu mit einem echten Straßenakzent, der sich erstaunlich gut erhalten hat.

Fünfzig Jahre lang hatte ich diese Phantasie, ich würde einmal hierher zurückkehren. Im Traum war ich oft wieder da, kannte immer noch jeden Winkel. Weil Teheran so riesig groß ist, sieht es nach Nichts aus, dieses kleine Stück Stadtplan, das ich damals als Sechs-, Sieben-, Acht-, Neun-, Zehnjähriger durchstromerte. Legt man es aber im gleichen Maßstab auf den Stadtplan von Wien, sagt man: Oh là!

„Hoorsun“ ist eine persische Brotmarke, doch selbst wenn der Name auf „Amerikanisch“ peinlich wirkt („Hurensonne“) wird er beinhart in westlicher Transliteration hinzugefügt.

In Wien traf ich auch den iranischen Arzt, mit Psychotherapie und Hypnose als Bonus-Tracks. „Das wäre doch ein spannendes Experiment“, sagte ich zu ihm. „Sie hypnotisieren mich und sprechen mit mir in der Hypnose Persisch. Wir nehmen das Ganze auf Video auf und ich kann nachher selber sehen, ob ich vielleicht mit einer Kinderstimme Farsi gesprochen habe!“ Er meinte dazu: „Wo denken Sie hin? Ich bin Arzt, nicht im Show-Business.“ Ich war überrascht, hakte aber nicht weiter nach. Um’s Show-Business war es mir überhaupt nicht gegangen! Ich hatte eigentlich nur an die Wissenschaft gedacht, an eine einzigartige Möglichkeit, experimentell etwas über das menschliche Gedächtnis zu erfahren. Aber egal. Stattdessen machte ich also den konkreten Trip - ich fuhr nach 50 Jahren selber wieder nach Teheran.

IV.

Hier stand ich nun in Shemiran am „Baghe Ferdous“, am Garten des Paradieses, und sagte zu meiner Begleitung: „Dort drüben gab es früher einen Sangaki“, also einen Laden, der Fladenbrot verkaufte. Und wirklich, an derselben Stelle stand er auch heute noch. „Und dort“, sagte ich, „gab es ein Hamam.“

Es war eine Art kombinierte Sauna & Badeanstalt, in der man auch von richtigen Bademeistern geschrubbt und gesäubert werden konnte, was mir als Kind allerdings immer ein wenig peinlich war. Mein Vater führte mich dort einmal in der Woche hin, um für eine gründliche Reinigung meines kleinen Körpers zu sorgen. Ich erinnere mich, wie wir dort eines Tages erfuhren, die Russen hätten gerade an diesem Tag oder am Tag zuvor einen „zweiten Mond“ an den Himmel geschossen. In den Gesichtern der Erwachsenen spiegelte sich die gleiche ungläubige Verwunderung wie in meinem. Ich hatte aber schon so viele Märchengeschichten gehört, zum Beispiel, dass der Schnee in Deutschland schwarz sei. Aber nein, dies sei wirklich wahr, versicherten die Leute im Hamam. Der russische Mond sei kleiner, aber man könne ihn am Himmel sehen, er würde bei Nacht da oben vorbeizischen.

Der Teheraner Verkehr kann unmöglich im Foto festgehalten werden. Auch dieses bietet nur einen Näherungswert.

Ich merkte mir auf alle Fälle das Datum dieses wundersamen Geschehens und den Namen, den die Russen ihrem Mond gegeben hatten. Vierter Oktober, 1957. Sputnik. Und hier, gut 50 Jahre später, stand ich vor dem gleichen Hamam. Es hatte 50 Jahre lang weiter den Betrieb aufrechterhalten. Eben erst war es geschlossen worden. Und noch ein paar Schritte weiter gab es das Eisgeschäft. Einst hatte es hier ein immer leicht verkästes Milcheis zwischen zwei runden Waffeln zum Rundumlecken gegeben, jetzt gab es im modernen Stanitzl, in der Zuckerbäckertüte, nur das einst von einem Akbar aus Mashad erfundene und daher früher als „Akbar Mashdi“ bekannte, heute als „Bastaniye sunatiye irani“, also als „iranisches Nationaleis“ apostrophierte Luxuseis. Aber es schmeckte immer noch köstlich, eine bunte Geschmacksmischung aus Pistazien und Safran, getragen auf einem starken Cardamon-Aroma.

V.

Dem Taxifahrer, Mahmud Agha, sagte ich: „Da unten kann man mit dem Auto nicht fahren, die Straße endet in Stufen. Da geht es nur zu Fuß weiter.“ „Sie kennen sich hier aber gut aus. Fünfzig Jahre waren Sie nicht mehr hier? Das ist unglaublich.“

Im Basar von Tadjrish sprach ich mit einem älteren Herrn. „Da drüben, wo jetzt das Postamt ist, war früher so ein Milch- und Käseladen.“ „Ganz genau“, sagte er. „Ich erinnere mich gut.“ „Und dort“, sagte ich, „gab es ein Freiluftkino im Sommer.“ „Das Kino ist immer noch dort, aber es ist jetzt überdacht.“ „Und hier gab es eine Klinik.“ „Da gibt es jetzt zwei.“

Merkwürdig, dachte ich. Bisher hat mich meine Erinnerung in keinem einzigen Detail getäuscht. Warum sollten also alle meine persischen Freunde in Wien glauben, ich irre mich, wenn ich ihnen erzählte, dass es in genau diesem Postamt, dem einstigen Milch- und Käsegeschäft, das ich soeben unzweideutig identifiziert hatte, früher eine Jukebox gegeben hätte, auf der ich den Schlager „Mara bebus“ („Küss mich“) von einer FRAU gesungen gehört hatte. „Unmöglich. Dieses Lied ist nie von einer Frau gesungen worden. Nicht von Haïdeh, nicht von Googoosh. Es gibt nur die Version von Hassan Golnaraghi“, sagten die Freunde.

Nun hat dieses Lied – rein musikalisch erinnert es an südamerikanische oder französische Schlager der frühen Fünfzigerjahre, eine Mischung aus „Besame mucho“ und „Les feuilles mortes“ – eine besondere Bedeutung für die meisten Iraner als eine Art Hymne des Widerstands gegen den Schah. Vielleicht gab es wirklich eine Jukebox-Version, die vor 50 Jahren das Lied als belanglosen Schlager neutralisieren sollte. Und mein Gedächtnis hat ausgerechnet diese unerwünschte falsche Tonspur konserviert. Die allerseits geleugnet wird. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf.

VI.

Bizarrerweise erinnere ich mich sogar an die Demonstrationen, im Frühjahr 1953, gegen den Schah und für Mossadegh, und dann umgekehrt, gegen Mossadegh und für den Schah. Wir bewohnten ein Apartment an der Shah Reza, Teheraner Prachtstraße, heute „Khiabane Enghelab“ (Straße der Revolution) genannt, und vom Dach aus konnte ich unten die Demonstranten sehen, die von der Universität in Richtung Innenstadt zogen.

Das alte Tor des Fuhrparks der britischen Botschaft in Gholhak. So ähnlich sah auch der Eingang zur deutschen Schule aus, die sich schräg gegenüber auf der anderen Straßenseite befand.

Heute steht das Haus immer noch. Es ist eines der vielen schönen, vermutlich von deutschen oder deutsch-jüdischen Architekten errichteten Art Deco-Häuser, die in Teheran in den Dreißiger- und Vierzigerjahren eine späte Blüte erfuhren. Heute verfallen sie alle, weil es keinen Denkmalschutz gibt, der in ihnen einen schützenswerten Bestand sieht. Daneben befindet sich das ehemalige Cinema Diana, in dem ich zum Beispiel die „Sissy“-Filme mit Romy Schneider und Karlheinz Böhm gesehen habe, ebenso einen Napoleon-Film auf Persisch, eine Seltenheit damals, „Krieg und Frieden“ mit Audrey Hepburn. Auf einem alten Foto aus den Beständen meines Vater sieht man, dass in diesem Kino gerade der Film „Zendegi shirin ast“ (Das Leben ist süß) gespielt wurde – nicht etwa, wie man meinen möchte, „La dolche vita“ auf Persisch, sondern eine iranische Eigenproduktion, basierend auf Charlie Chaplins „Lichter der Großstadt“ aus dem Jahr 1931.

Die amerikanischen Autos auf dem Foto – üblicherweise bei Teheran-Fotos aus der gesamten Schah-Zeit die genaueste Datierungshilfe – verweisen es auf das Jahr 1957. Ich erinnerte das Kino genau, einschließlich der oben nicht mehr vorhandenen Open-Air-Bühne, und bin in unserem alten Haus herumgelaufen. Ich erinnerte mich an das Dreirad, mit dem ich auf dem flachen Dach herumfuhr, an das Muster der Mosaikfliesen im Treppenhaus, an alles. Ich hätte selbst unter Hypnose nicht deutlicher die alte Realität wiedererleben können. Heute steht das Haus freilich fast leer und soll demnächst abgerissen werden.

VII.

Fräulein Jung, meine erste Lehrerin an der Deutschen Schule in Gholhak, meinte in meinem Beisein, an meinen Vater gewandt: „Das Kind ist ja schwachsinnig.“ Da war ich nun zu Ostern 1955 mit sieben Jahren eingeschult worden, ich hatte diese unbeschwerte iranische Kindheit ausgekostet, und nun, ein Jahr später, Ostern 1956, war ich in den Händen einer deutschen Lehrerin zum Schwachsinnigen mutiert. Warum?

„Schauen Sie was er geschrieben hat“, sagte Fräulein Jung. Kaum leserlich stand da auf einem Blatt Papier: „Mein Vater ist ein Tellerfresser. Er frisst den Käse und den Teller.“ (Ende der Durchsage.) Der Vater des Schwachsinnigen lachte dazu, offenbar war er selber ein ebensolcher Schwachsinniger. „Das ist natürlich falsch. Es muss heißen: 'Mein Vater ist ein Appenzeller. Der frisst den Kas mitsamt dem Teller'.“

Nun musste Fräulein Jung meinem Vater erklären, was die Aufgabenstellung gewesen war. Wir sollten offenbar ein deutsches Gedicht AB-schreiben. Ich hatte so ungefähr das einzige deutsche Gedicht AUF-geschrieben, das ich kannte. Mein Vater erklärte mir auf Persisch, was Sache war. Ich sagte ihm, was ich davon verstanden hatte. Dann übersetzte er. Und er sagte zu Fräulein Jung: „Schauen Sie, der Junge ist jetzt schon acht. Wenn er die Klasse wiederholt, ist er dann schon NEUN, wenn er in die zweite Klasse kommt. Versetzen Sie ihn doch probeweise. Er geht schließlich auf die deutsche Schule um hier DEUTSCH zu lernen.“

Die deutsche Schule gibt es nicht mehr, aber die Strasse heißt noch immer so, Kucheye Nejad. Gegenüber befindet sich das Tor zu einem Fuhrpark der englischen Botschaft. Es ist im Stil fast identisch mit dem alten Tor der deutschen Schule. Es war eine schöne und letztlich sehr moderne, fortschrittliche, fast amerikanische Schule, diese deutsche Schule, und obwohl sich dort häufig deutsche Politprominenz wie Adenauer, Kiesinger, Lübke tummelte, führt kein Weg an der Tatsache vorbei, dass sie FINANZIELL mit jährlich rund 280.000 US-Dollar aus den „privaten“ Geldern des Schahs finanziert wurde.

VIII.

Ich gehe dort vorbei, in diesem Stadtteil Gholhak, mit seinen verfallenen Villen und den großen verwilderten Parks. Eine Gegend, die bis heute „Klein-London“ heißt. Vorbei an einem Sangaki, der echtes Fladenbrot in der traditionellen Manier bäckt, aus dem ich noch die heißen Steine pulen muss. Das Areal der britischen Botschaft mit den Wohnungen der Botschaftsangehörigen und den umliegenden Parkanlagen befindet sich am nördlichen Rand von Gholhak. Ein großer Friedhof zu Ehren der gefallenen Briten im Ersten und Zweiten Weltkrieg (WAR CEMETERY, 1914-1918, 1939-1945 steht auf dem Mausoleum des Friedhofs) schließt sich im Süden dem Botschaftsgelände an.

Hier standen früher zahlreiche, echte Gholhaki in Lohn und Brot bei der britischen Botschaft. Kutscher, Fahrer, Wachpersonal, Gärtner, Mechaniker, Handwerker und dergleichen. Sie und ihre Familienangehörigen wurden von der Bevölkerung leicht schief angeguckt, schienen alle „Spione“ der Engländer zu sein. So entstand der Begriff „Klein-London“ für Gholhak - mit jenem gewissen Beigeschmack.

Hier gehe ich mit einem alten Schulkameraden entlang, den ich auch seit Jahrzehnten nicht gesehen habe, und wir bemerken den uralten Herrn Ashtiani auf dem Bürgersteig entlang der Mauer der britischen Botschaft, der auf uns zukommt. Er war der Glaser im Ort. Mittlerweile beinahe 100 Jahre alt, sieht er nicht mehr sonderlich gut und blinzelt durch seine antike Brille. Den Gehstock hat er jedoch fest im Griff. „Guten Tag, mein Lieber, Sie entschuldigen, ich habe Sie nicht erkannt. Sie kommen mir aber bekannt vor“, wendet er sich an meinen Begleiter. „Ja, Herr Ashtiani“, sagt der und nennt seinen Namen. „Aaach Jaaah“ - und es entspinnt sich ein Gespräch über Klein-London. „Glauben Sie mir, es waren Goldene Zeiten. Hi-hi“, kichert der Alte. „Das kann ich mir gut vorstellen, Agha“, sagt mein früherer Schulkamerad, der nun fast sein ganzes Leben in dieser Gegend verbracht hat. „An Ihren alten schwarzen Ford kann ich mich noch gut erinnern, mit dem Sie die Glasscheiben zu den Kunden gefahren haben." „Der alte Ford, DAS war ein schönes Auto. Gott segne Henry Fords Seele. Und ich gehe so gerne an dieser Mauer meiner alten Arbeitgeber spazieren, und denke dabei an Klein-London. Können Sie das verstehen?“ „Absolut, Herr Ashtiani, absolut!“ (Tom Appleton)