Tellerwäscher bleibt Tellerwäscher

Das Versprechen von der Durchlässigkeit der Klassen und der sozialen Mobilität der Marktwirtschaft bleibt für die Meisten, die in der Falle der Armut stecken, nur ein leerer Traum

Ähnlich wie in Deutschland und anderen Ländern wächst nicht nur die Kluft zwischen den Armen und Reichen, sondern erstarrt gleichzeitig auch die soziale Mobilität. Der Glaube an diese Mobilität, also dass es möglich ist, von ganz unten nach oben - vom Tellerwäscher zum Millionär - aufzusteigen und es keine systemimmanente Blockade wie etwa im Feudalismus gibt, hat in kapitalistischen Staaten dazu beigetragen, eine relative soziale Ruhe zu garantieren. Das Motto: Wer es nicht schafft, ist selber schuld. Schließlich ist angeblich jeder seines Glückes Schmied – und jeder kann, wie die Erfolgreichen gerne sagen, die das Erreichte nur ihrer eigenen Leistung zuschreiben wollen, im Prinzip alles erreichen, wenn er nur will

Die OECD-Studie Intergenerational Transmission of Disadvantage - Mobility or Immobility Across Generations (2007) von Anna Christina d'Addio macht anhand von empirischen und soziologischen Untersuchungen deutlich, dass es eine "freie Mobilität" in den westlichen Gesellschaften zwischen den Schichten nicht gibt.

In Deutschland wurde anhand der PISA-Studien deutlich, dass Kinder aus armen Schichten und Familien mit Migrationshintergrund in der Bildung systematisch benachteiligt sind (Vererbte Chancenlosigkeit). Allgemein sind Menschen, die in der armen Schicht und den entsprechenden Wohngebieten aufwachsen, ihr ganzes weiteres benachteiligt. Das hat, so die OECD-Studie, einen "tiefen Einfluss auf die künftigen Lebenschancen" – angefangen von Gesundheit und Ernährung über Bildung und Einstellungen bis hin zum größeren Risiko, kriminell zu werden, und der hohen Wahrscheinlichkeit, auch im Hinblick auf das Arbeitseinkommen nicht aufsteigen zu können. Was die Bildung betrifft, ist Verbau der Zukunft in Deutschland und Belgien besonders stark ausgeprägt, was die soziale Mobilität im Hinblick auf das Einkommen betrifft, ist dies in den USA und in Großbritannien am schlechtesten, Deutschland liegt hier eher in der Mitte, die skandinavischen Länder können auch hier mit größerer sozialer Durchlässigkeit punkten.

Eine vom Sutton Trust in Auftrag gegebene, von der London School of Economics und der University of Surrey ausgeführte Studie bestätigt die Erstarrung der britischen Gesellschaft. Untersucht wurde dabei die generationenübergreifende Einkommensmobilität von denjenigen, die zwischen 1970-2000 geboren wurden. Zwar hat sich diese nach einer starker Verschlechterung gegenüber den 1958 Geborenen seit 1970 nicht noch weiter verschlechtert, aber sie wurde auch nicht besser.

Der familiäre Hintergrund der Kinder hat weiterhin einen "sehr bedeutsamen Einfluss auf die Bildungskarriere", heißt es in der Studie. Kinder aus dem ärmsten Fünftel der Haushalte, die mit drei Jahren zur Gruppe der Intelligentesten gehören, fallen bei Intelligenztests im Alter von fünf Jahren von 88 Punkten schon auf 65 zurück. Bei den Kindern aus dem reichsten Fünftel ist es genau umgekehrt. Wer hier im Alter von drei Jahren zu den am wenigsten begabten zählt, steigt von 15 Punkten im Alter von drei Jahren auf 45 im Alter von fünf Jahren. Zwar sinkt auch die Leistung der Kinder aus den reichen Familien von 88 Punkten auf 75 im Alter von fünf Jahren und steigt die Leistung der schlechtesten Kinder aus den ärmsten Familien auf 25 Punkte im Alter von fünf Jahren, aber die Leistungssteigerung der Kinder aus reicheren Familien ist weitaus größer. Das sieht man auch daran, dass der Abstand zwischen den intelligentesten Kinder aus den armen Haushalten und denjenigen aus den reichen Familien, die am schlechtesten abgeschnitten haben, von 70 Punkten im Alter von drei jahren auf 20 Punkte im Alter von 5 schrumpft. Würde dieser Trend anhalten, so die Autoren, dann würden die Kinder aus den reichen Haushalten die aus den armen im Alter zwischen 5 und 10 Jahren überholen.

Diese Ungleichheit führt schließlich zum Ergebnis, dass 44 Prozent der jungen Menschen aus dem reichsten Fünftel der Haushalte einen Hochschulabschluss machen, aber nur 10 Prozent aus dem ärmsten Fünftel. Aus den übrigen 60 Prozent der Haushalte machen 21 Prozent einen Hochschulabschluss. Kinder aus dem ärmsten Fünftel der Haushalte, die 2000 geboren wurden, erreichen bei Intelligenztests durchschnittlich 40,4 Punkte (1991: 38,4), die Kinder aus den reichsten Familien durchschnittlich 58,4 Punkte (1991: 52,7), die Kinder aus den mittleren 60 Prozent kommen auf 51,3 Punkte

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