Ein Großteil der arbeitenden Männer und Frauen verdient bei gleichen Faktoren gleich viel

Möglicherweise geht es aber noch kleiner, denn auch bei der "bereinigten" Lohnlücken-Rechnung sind der öffentliche Dienst, Kleinstbetriebe und die Landwirtschaft nicht mitberücksichtigt. Da vor allem im öffentlichen Dienst annähernd gleiche Gehälter gezahlt werden, müsste der Gender-Pay-Gap weiter schrumpfen.

Allerdings sieht man das beim Statistischen Bundesamt nicht so. Dort nimmt man an, dass sich die gleichen Löhne im öffentlichen Dienst und die ungleichen bei Kleinstbetrieben gegenseitig aufheben - und schließt, es gebe "keine relevanten Abweichungen" vom bereinigten 6%-Wert. Dass es in den Kleinstbetrieben ungleiche Einkommen gebe, wurde nicht berechnet, sondern ist lediglich eine Annahme. Zur Frage, ob es sich bei Kleinstbetrieben nicht oft um Familienbetriebe mit gleicher Gewinnverteilung handle, kann man sich nicht äußern.

Wie auch immer: Der hochstilisierte Equal Pay Day liegt weniger auf dem 18. März (bei 21%), als auf dem 22. Januar (bei sechs Prozent) oder sogar nur auf dem 7. Januar (bei zwei Prozent).

Man kann sogar sagen: Ein Großteil der arbeitenden Männer und Frauen verdient bei gleichen Faktoren gleich viel. Wie viel Prozent Gleichbezahlter das sind, berechnet das Statistische Bundesamt allerdings nicht. Doch damit hätten wir ein vollkommen anderes gesellschaftliches Bild. Lohnunterschiede sind dann keine Geschlechterfrage mehr, sondern eine soziale Frage.

Bereits statistische Durchschnittswerte verfälschen Realitäten. Wenn es heißt: "Deutsche werden immer reicher", oder: "Trotz Eurokrise und niedriger Renditen ist das Vermögen weiter gewachsen", sind dann "die Deutschen" reicher und vermögender geworden? Der statistische Durchschnittswert vernebelt die auseinandergehende Schere zwischen Arm und Reich. Es wird sogar das Gegenteil suggeriert. Wenn die Reichen reicher werden und mehr Geld da ist, dann behauptet die Statistik, würden auch die Armen reicher. Dann gibt es plötzlich keine Armen mehr und die soziale Frage hat sich rechnerisch erledigt.

Die angebliche Geschlechter-Gehalts-Differenz-Berechnung bewirkt dasselbe. Die Einkommensschere geht allgemein auseinander, unabhängig vom Geschlecht, also auch innerhalb der Männer und innerhalb der Frauen. Mit der reduzierten Männer-Frauen-Sicht wird aus einem allgemeinen Problem ein halbes gemacht - das von Frauen. Tatsächlich sind jenseits des Geschlechter-Schemas die Einkommensunterschiede zwischen der großen Mehrheit und einer Minderheit sehr viel größer als meinetwegen sechs oder zwei Prozent. Nämlich 1000 Prozent oder Zehntausend. 800 Euro im Monat hier, 10 000 oder 50 000 da.

Widersprüche sozialer Art, die nicht einmal mehr gesehen werden. Weil sie nicht gesehen werden sollen?

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