Ten Years Gender Pay Gap-Mistake - Ein Irrtum wird zehn Jahre alt

Wirklich interessant wäre ein "sozialer" "Equal-Pay-Day"

Ob falscher Equal-Pay-Day oder richtiger, wirklich interessant wäre ein "sozialer" "Equal-Pay-Day". Wie lange müssen die meisten Menschen in Deutschland arbeiten, um auf das Einkommen der Wohlhabenden und Reichen zu kommen? Um sozial gleich zu stehen. Kalendarisch lässt sich das gar nicht mehr abbilden. Dazwischen liegen Jahre, wenn nicht Jahrzehnte. Und mitunter reicht nicht einmal ein ganzes Arbeitsleben aus.

Jemand, der 25.000 Euro im Jahr verdient, hat nach 40 Berufsjahren eine Million Euro erwirtschaftet - und wieder ausgegeben. Eine Summe, die all den prominenten Spitzenverdienern in Wirtschaft, Sport oder Medien vermutlich nur ein müdes Lächeln abringen könnte. So unterschiedlich kann die Arbeitsleistung der Menschen gar nicht sein, um eine solche Differenz zu rechtfertigen. Doch das ist ein Tabu. Dann lieber Sandkastenspiele zwischen Frauen und Männern. Die Vermögenden danken es.

Hinter der Geschlechter-Frage verschanzt sich der Reichtum und versteckt sich die soziale Ungleichheit. Der Gender-Pay-Gap ist eine Falle. Eine Geschlechter-Falle - eine "Gender-Pay-Trap" sozusagen. Damit sie funktioniert, muss der Gehaltsunterschied zwischen Männern und Frauen künstlich höher beziffert werden, denn selbst sechs Prozent taugen nicht zum Skandal. Und den braucht man, um vom eigentlichen Skandal abzulenken.

Doch eigentlich soll die Mehrheit der Arbeitenden nicht mehr, sondern weniger bekommen. Ein Vorschlag zur Angleichung lautet deshalb gar, nicht die Frauengehälter anzuheben, sondern die Männergehälter auf das Frauen-Niveau abzusenken. Wobei schlauerweise offen gelassen wird, ob bei den unteren oder bei den oberen Gehältern. Die Frauen-Frage im Dienst des Sozialabbaus.

Tatsächlich sind mit der 21%-Zahl bedenkliche politische Implikationen verbunden: Die wirklichen Gehalts-Profiteure werden von der Kritik verschont. Männer sollen von berechtigten Lohnforderungen abgehalten werden. Frauen und Männer werden gegeneinander ausgespielt und entsolidarisiert.

Warum funktioniert das? Vielleicht, weil die Zahl von 21% auch ein Gegensatzdenken kennzeichnet und von einem neoliberalen Zeitgeist bereitwillig aufgegriffen wird, der auf Konkurrenzkampf setzt. Neben der jährlichen Equal-Pay-Day-Folklore manifestiert sich das zum Beispiel in Anti-Männer-Aktionen, wie jener, Männer sollten in öffentlichen Verkehrsmitteln einen Preisaufschlag von 20 Prozent entrichten. Bemerkenswerterweise wird nicht gefordert, Frauen sollten 20 Prozent weniger bezahlen. Sie hätten also gar nichts davon - sondern lediglich die Verkehrsunternehmen.

Erstaunlich bleibt, wie hartnäckig sich manche Irrtümer halten. Der Grund für den Gender-Pay-Gap-Irrtum liegt nicht etwa in einer Rechenschwäche, sondern in der binären Kraft, die entsteht, wenn Informationen, auch falsche, mit sozialen Interessen zusammenfallen.

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