Terror, Interessen und Mythen

Das Dreieck Terroristen, Medien und Sicherheitspolitiker, oder: Wie Bin Laden mit vergiftetem Kokain die USA heimsuchen wollte

Medien gehören ebenso wie die Sicherheitspolitiker, die nach jedem Anschlag mehr Überwachung und mehr Kompetenzen der Sicherheitskräfte und damit eine weitere Einschränkung der Freizügigkeit fordern, zum Phänomen des Terrorismus. Es ist ein Dreieck, ein Machtgefüge, das sich selbst verstärken kann, wobei keineswegs immer eindeutig auszumachen ist, wer hier wen instrumentalisiert.

Osama bin Laden, der Mastermind des islamistischen Terrorismus, der allerdings schon seit Beginn des Kriegs gegen den Terrorismus untergetaucht ist und zum Medienphantom wurde, erhitzt immer einmal wieder die Gemüter. Zumindest scheinen einige Videoaufnahmen und Tonbänder zu belegen, dass er Tora Bora überlebt und nun irgendwo Unterschlupf gefunden hat, um aus dem Untergrund heraus weiter seine Fäden zu spinnen.

Dabei ist freilich wohl relativ egal, ob Bin Laden lebt oder tot ist. Die ihm und al-Qaida zugeschriebenen Anschläge, allen voran die auf die afrikanischen US-Botschaften, und die vom 11.9. sowie seine Kriegserklärung an die USA und den ganzen Westen haben, verstärkt durch die Invasion in Afghanistan und in den Irak, ein Eigenleben des Terrors entwickelt. Bin Laden schwebt gewissermaßen als "erfolgreicher" und charismatischer Gründungsvater im Hintergrund, aber die Terrormaschinerie läuft mittlerweile von selbst. Ein Ende ist nicht wirklich abzusehen, da auch die liberalen oder moderaten Kräfte in den muslimischen Ländern, aber auch in denen des Westens zwischen den Terroristen und den Scharfmachern zerrieben oder mundtot gemacht werden.

Wenn man wenig weiß, wie dies derzeit bei den westlichen Politiker, Sicherheitskräften/Geheimdiensten und Medien im Hinblick auf den islamistischen Fundamentalismus und den (Selbstmord)Attentätern der Fall zu sein scheint, dann wird die Fantasie desto aktiver. Sie wird natürlich auch von den Medien bedient, die mit der Angst und der Faszination, aber auch der Schaulust der Beobachter aus sicherer Distanz spekulieren und sich auch von den Spekulationen der Scharfmacher einspannen lassen, wenn das die Angstlust der Rezipienten bedient.

Endlos wiederkehrend haben wir daher schon vernommen, dass Bin Laden bzw. al-Qaida nicht nur versucht haben, biologische, chemische oder nukleare Massenvernichtungswaffen zu entwickeln oder in ihren Besitz zu bringen, sondern dass etwa Atomwaffen oder schmutzige Bomben schon ihren Händen sind. Seltsamerweise wurden sie zwar noch nicht eingesetzt, aber das könnte jederzeit möglich sein. Alles ist im Zeitalter des Terrors möglich, nichts darf ausgeschlossen werden. Die Risikogesellschaft kommt gewissermaßen zu sich, indem sie über ein Risiko alle anderen ausschließt, die freilich meist bedrohlicher sind, aber weniger aufgeladen werden können.

Die Menschen brauchen die Bösen, denen sie die Schuld zuweisen können, um sie von den komplizierteren und kaum eindeutig gut/böse klassifizierbaren Verursachungsmechanismen abzulenken. Am Wirtschaftssystem beispielsweise hat jeder Teil und kann ihm nicht entkommen. In komplexen System mit vielen Akteuren, die schlicht (über)leben wollen, kommt man mit der Suche nach den wenigen Bösen nicht weit, die für alles Negative verantwortlich gemacht werden können. Möglicherweise brauchen die Gesellschaften und die Menschen eben jene Bösen, deren Rolle die Terroristen zu spielen versuchen – und dies auch meist erfolgreich tun.

Die Medien lieben die quotenbringenden Emotionen. Al.so wird auch eifrig immer mal wieder beispielsweise spekuliert, wo sich denn der Oberbösewicht aufhalten könne. Die höchstens durch Gerüchte oder gezielt verbreitete Vermutungen verstreuten Fantasien variieren dann je nach Vorlieben oder neuen Feindbildern. Manche vermuten Bin Laden in Afghanistan, Pakistan oder irgendwo an der Grenze. Seit der Iran zum Nachfolger des Irak wurde, werden aus entsprechenden Kreisen und Medien immer einmal wieder Behauptungen geäußert, der Terrorfürst residiere inzwischen in Teheran oder anderswo im Land. Syrien gab es auch schon mal, aber das konnte nicht richtig zünden. Dafür ist man jetzt wieder beim alten Feind vor dem 11.9. gelandet: bei China, obgleich die Regierung dort von Muslims oder gar Islamisten nicht viel hält und sich gerne dem Antiterrorkampf angeschlossen hat.

Ein schönes Beispiel der flottierenden Fantasie lieferte gestern die New York Post, deren Bericht, wenn man ihn so nennen will, denn auch schnell von Fox News und anderen Medien übernommen wurde. Natürlich handelt es sich um eine Exklusivberichterstattung. Die beruft sich auf Regierungsbehörden, in diesem Fall auf ein angebliches Dokument der DEA (Drug Enforcement Administration) und dann auch noch auf beliebten anonymen, aber natürlich verlässlichen Quellen ("sources"), die freilich niemand überprüfen kann.

Wie macht man also eine Meldung? "Die Informanten sagten, dass den Feds berichtet wurde …" Man habe, so die Post, ein Dokument der DEA eingesehen und "sources" befragt, die mit dem Thema vertraut sind. Das Ergebnis ist: Bin Laden soll sich 2002 "persönlich" an die Chefs eines kolumbianischen Drogenkartells gewandt haben, um über der Kauf von Tausenden von Tonnen Kokain zu verhandeln. Man wisse allerdings nicht, so immerhin die Post, wo das Treffen stattgefunden haben soll.

Ein Informant sagte, Bin Laden hätte die Absicht gehabt, das Kokain mit Gift zu mischen und so "Tausende von Amerikanern" zu töten. Mehr als beim Angriff auf das WTC. Nach dem Bericht der Post, die nur berichtet, was die Informanten und das Dokument berichten, sei der Plan aber an der schnöden Wirklichkeit der Profitgier gescheitert. Angeblich waren die Drogenbosse nämlich klug genug, hier nicht mitzuspielen, da sie zwar auf die Schnelle ein paar Millionen Dollar verdient, aber sich den Markt mittelfristig verdorben hätten. Überdies hätten sie Angst vor der Rache der US-Regierung gehabt.

Die DEA habe davon zu Beginn des Jahres erfahren, aber nichts an die Öffentlichkeit gelassen. Das aber macht nun entschlossen und investigativ die Post. Vermutlich reduziert sich die spektakuläre Behauptung auf die Vermutung, dass Bin Laden oder andere Terrorgruppen allgemein auch beim Drogenhandel mitmischen. Ob der im Frühjahr in New York festgenommene, mit der Taliban in Afghanistan verbandelte Haji Bashir Noorzai tatsächlich auch mit al-Qaida oder Bin Laden kooperiert hat, wie die Post unterstellt, weiß man nicht. Ob's stimmt, wird man wohl nie wissen, aber die Post hatte eine spektakuläre News (Bin Laden Coke Plot), die US-Regierung einen weiteren Beleg für die Gefährdung durch Bin Laden und die anderen Medien eine News, die man ausnutzen könnte – angeblich, wie die Post berichtet, nach Aussagen von Informanten ….. So werden Mythen gestrickt, so wird Angst geschürt. (Florian Rötzer)

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