Terrorismus und Prinzip der Humanität: Redeverbot an der Universität Münster

Es ist an der Zeit für alle Deutschen, dass sie aus einem verständlichen Schlaf aufwachen

Im Februar bekam ich eine Einladung von Dr. Christian Spiess vom Institut für Christliche Sozialwissenschaften an der Universität Münster. Ob ich für das nächste "Jahrbuch für Christliche Sozialwissenschaften" (2010) einen Beitrag über Terrorismus schreiben würde? Das Institut habe, so sagte er, meine kontroverse These zum palästinensischen Terrorismus bei mehreren Gelegenheiten diskutiert. Meine Meinung würde geschätzt. Ob ich auch zu einem Symposium kommen würde?

Daraufhin wurde ich von Dr. Spiess herzlich eingeladen, an der Universität Münster eine Vorlesung über Terrorismus und mein Prinzip der Humanität zu halten. Es folgten viele Emails betreffs des vereinbarten Termins (19. Mai 2009), des Honorars, eines zusätzlichen Treffens mit Studenten, der Unterkunft und der Fahrt.

Am 20. April schickte ich ein Vorlesungshandout „Terrorisms, Terrorist Wars: A Philosophical Perspective“. Kurz danach zog Dr Spiess die Einladung zurück. Er sagte, dass er im Auftrag des Direktors seines Instituts handle – „wegen des Jüdisch-Christlichen Dialogs an unserer Fakultät einerseits und Ihrer 'missverständlichen' Behauptungen andererseits“. Er sagte auch, dass er über diese Auffassung enttäuscht sei und sie nicht verstehen könne.

Am 1. Mai schickte ich dem Direktor, Prof. Dr. Dr. Karl Gabriel, eine Email. Ich brachte meine Überzeugung zum Ausdruck, dass er die Vorlesung wohl in Vorwegnahme neo-zionistischer Reaktionen gestrichen habe. Ich hätte darüber hinaus auch noch auf seine sich dem Semitismus verdankende Wahrnehmung eingehen können – auf Vorurteile und Feindseligkeiten nicht gegen Juden, sondern zugunsten von Juden. Ich bekam keine Antwort.

Am 5. Mai schickte ich eine Email an die Rektorin der Universität, Frau Prof. Dr. Ursula Nelles. Es ging in ihr um die freie Meinungsäußerung und die Verpflichtung einer Universität, diese nicht zu unterdrücken. Zusammengefasst war der Inhalt der Email folgender:

In meinen Schriften verteidige ich auf der Basis philosophischer Argumente – insbesondere mit Hilfe der Prämisse der dem Prinzip der Humanität entsprechenden moralischen Einstellung – den Zionismus: die Gründung und alle wirklich notwendigen jetzigen wie zukünftigen Verteidigungsmaßnahmen Israels – und zwar, grob gesagt, innerhalb seiner Grenzen von 1948-1967. Ich verurteile den Neo-Zionismus: dass den Palästinensern ihre Autonomie auch noch im letzten Fünftel ihrer Heimat, im historischen Palästina, genommen wird.

Was in meinen Schriften auch erklärt wird, in philosophischer Manier, auch gegen die Konvention und mit großem Begründungsaufwand, folgt meines Erachtens aus dieser Position: Die Palästinenser haben gegenüber dem Neo-Zionismus ein aus dem Prinzip der Humanität folgendes moralisches Recht auf ihren Terrorismus, ihre Selbstverteidigung bzw. ihren Befreiungskampf innerhalb des historischen Palästinas.

Sie erinnern sich vielleicht daran, so hieß es in der Email weiter, dass diese Auffassung zuerst in meinem Buch „Nach dem Terror“ ausgedrückt wurde, über das es in Deutschland 2003 eine öffentliche Debatte gab. Es ging dabei auch um die Publikation einer Übersetzung bei Suhrkamp, die nach einem Protest von Michael Brumlik und trotz der veröffentlichten Erklärung von Jürgen Habermas, wonach das Buch nicht anti-semitisch sei, aus dem Verkehr gezogen wurde, und um die Veröffentlichung einer zweiten Übersetzung durch den mutigen jüdischen Verleger Abraham Melzer.

Diese Email enthielt auch den Hinweis, dass meine Thesen zu Vortragseinladungen an circa 25 bis 30 Universitäten geführt hatten, in Deutschland, den USA, Kanada, England, Belgien, Griechenland, Zypern usw. Zum Beispiel an den Universitäten von Leipzig und Hamburg, der Katholischen Universität Brüssel, der Columbia Universität und der New School in New York, dem MIT, der Universität von Massachusetts, der Brown Universität, Toronto, Oxford, vier oder fünf Colleges der Universität von London, darunter auch der Katholischen, etwa einem Dutzend Provinz-Universitäten in England, Schottland, Irland etc.

Zudem ist vor kurzem in London und New York eine Sammlung von Aufsätzen von 15 Philosophen über den Terrorismus veröffentlich worden; wobei sich viele Beiträge auf meinen Einleitungsaufsatz über den Terrorismus in Palästina beziehen. Einer der fünf großen englischen Fernsehkanäle strahlte eine lange Sendung auf der Grundlage meines neuen Buches „Humanity, Terrorism, Terrorist War“ aus. Auf diese Sendung folgte dann die eines jüdischen Journalisten.

Da Leute wie ich anderen vielleicht verdächtig vorkommen, enthielt die Email auch einige Details aus meinem Lebenslauf. Im Postscriptum verwies ich darauf, dass ich mit Erfolg juristische Schritte gegen eine Londoner Studentenzeitschrift unternommen habe, die sich an der üblichen „Anti-Semitismus“-Verleumdung beteiligt hatte.

Auf meine oben erwähnten Emails habe ich bis heute keine Antwort erhalten. Jetzt, einen Monat später, ist es an der Zeit, ein paar Dinge öffentlich zu sagen.

Erstens: Es gibt in Deutschland auch ehrenhafte Universitäten. Genau die gleiche Vorlesung, die in Münster verhindert wurde, mit den gleichen dort unterdrückten Thesen, wurde von mir am 20 Mai stattdessen an der Universität Dresden gehalten. Die Universität Osnabrück war nicht der Auffassung, dass durch meine Palästina-Position meine am 19. Mai gehaltene Vorlesung über die Natur des Bewusstseins infiziert werde.

Zweitens und am wichtigsten: Es ist an der Zeit für alle Deutschen, dass sie aus einem verständlichen Schlaf aufwachen. Sie haben bislang nicht mitbekommen, dass sie heute eine besondere Verantwortung haben. Sie haben jetzt nicht nur die Verantwortung dafür, dass außer der Verteidigung des Neo-Zionismus auch dessen Verurteilung unter die Freiheit der Meinungsäußerung fällt, sondern auch dafür, dass sie sich der Verurteilung selber öffentlich anschließen. Das wird eine besondere, ja sogar eine einzigartige Wirkung haben. Es bricht ein langes, dem Holocaust geschuldetes Schweigen.

Es besteht die Möglichkeit, dass Präsident Obama nach der weiteren Bestialität des Gaza-Massakers moralisch angemessen handeln und den Neo-Zionismus beenden wird. Diese Geschichte hat keine zwei Seiten; wie auch die Geschichte einer Vergewaltigung keine zwei Seiten hat. Deutsche können Obama dabei helfen. Würde Schweigen nicht bedeuten, neue Schuld auf sich zu laden?

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