Terrorschule oder Medienterror?

War die Debatte um die Rütli-Schule vor allem ein Medienhype?

Ein einziger Brief hatte ausgereicht, um die Medienmeute von der Leine zu lassen. Tagelang belagerte sie die Rütli-Schule in Berlin-Neukölln auf der Suche nach den gewalttätigen Jugendlichen. Nachdem ein Brief des Lehrerkollegiums bekannt geworden war (Klassenkampf in Neukölln, der als eine Kapitulation vor der Gewalt der Schüler interpretiert wurde, gaben sich Journalisten und Politiker die Klinke in die Hand.

Dass manche Journalisten die Meldungen selber fabriziert haben, die sie dann produzierten, ist einer der Vorwürfe, die die langjährige Rektorin der Schule Brigitte Pick jetzt in einem Interview erhoben hat:

Wenn Pressevertreter Kinder mit Geld zum Steinewerfen animieren, wundert mich nichts mehr. Mir ist sogar zu Ohren gekommen, dass Reporter Steine mitgebracht haben sollen. Das ist keine Terrorschule. Das ist Medienterror.

Die Rütli-Schule im Zentrum der Aufmerksamkeit

Auch in anderen Punkten stellt die aus Krankheitsgründen pensionierte Pädagogin manches in Frage, was wir seit einer Woche über die Rütli-Schule zu wissen glauben. Sie bestreitet nicht die Probleme in der Schule, vor allem die Bildungsunwilligkeit der Jugendlichen, sieht aber die Ursache dafür nicht in erster Linie bei den Schülern, sondern bei der Schulbehörde. Die sei dafür verantwortlich gewesen, dass Lehrer aus Ostberlin, deren Schulen man im Zuge des Rückgangs der Schulpflichtigen geschlossen hatte, an die Rütli-Schule zwangsverpflichtet wurden. Nur hatten sie keinerlei Erfahrung im Umgang mit Schülern mit migrantischen Hintergrund. Lehrer mit entsprechenden Qualifikationen seien aber nicht eingestellt worden.

Das andere Bild der Rütli-Schule

Nur wenige Medienvertreter erinnerten daran, dass die Rütli-Schule schon seit Jahrzehnten bekannt ist. Schließlich existierte unter Schülern und Lehrern der Schule in der NS-Zeit eine antifaschistische Widerstandsgruppe. 6 Angehörige diese von der Gestapo Rütli-Gruppe genannten Antifaschisten wurden im Dezember 1942 hingerichtet. Die Kombination dieser Geschichte mit der Lage der Schule in einem sozialen Brennpunkt machte sie im Ausklang der Studentenbewegung für junge linke Lehrer mit viel Idealismus interessant.

So wählten Angehörige der Roten Zelle an der Pädagogischen Hochschule Westberlin die Rütli-Schule für ihren Schulkampf aus. Daraus ist zwar nichts geworden, doch die linken engagierten Lehrenden machten die Schule zu einem Modellprojekt. Unter den Schülern wurden Streitschlichter ausgebildet, Sprachkurse eingerichtet und der Kontakt mit dem Quartiersmanagement im Stadtteil intensiviert. Durch die Politik der Schulbehörden wurden diese Konzepte systematisch finanziell ausgetrocknet und demontiert.

Nun stellt sich die Frage, warum nach dem Brief des Lehrerkollegiums diese Politik und ihre Folgen nicht im Fokus der Kritik standen. Darin spiegelt sich zumindest auch die generelle Abwertung des Sozialen im Zeitalter des Neoliberalismus wider. Wenn es Probleme gibt, wird nicht nach den sozialen Hintergründen geforscht, sondern nach Tätern gefahndet. So spricht der Lehrerbrief über renitente Jugendliche auch von Intensivtätern. Auch sonst ist in dem Brief alles enthalten, was man von Neukölln scheinbar schon lange wusste. Ein Stadtteil mit einem starken Bevölkerungsanteil mit migrantischem Hintergrund, dazu noch eine Hauptschule, wo Schüler aus arabischen und türkischen Elternhäusern die Mehrheit bilden. Da brauchte es nicht viel, um die Bilder von Parallelgesellschaften und rechtsfreien Zonen sowie das Scheitern der multikulturellen Gesellschaft abzurufen. Gegenstimmen wie das Interview der bekennenden Alt-68erin Brigitte Pick, aber auch Einsprüche von Neuköllner Schülern gegen ihre Stigmatisierung haben es da schwer, gehört zu werden.

Mittlerweile bemüht sich auch das Kollegium der Rütli-Schule um Schadensbegrenzung. Der neue Rektor Helmut Hochschuld bat die Medien und die Politiker, die Schule wieder in Ruhe zu lassen und nicht in den beginnenden Wahlkampf zum Berliner Abgeordnetenhaus hineinzuziehen. Auch Schulsprecherin Katrin El-Mahmout wandte sich mit einem Appell an die Presse: Es sei absolut unzutreffend die Schule als Hass-Schule zu bezeichnen. (Peter Nowak)