Teufelskreis der Angst

Erinnerungen werden intensiver gespeichert, wenn eine schreckliche Erfahrung erwartet wird

Schon lange wird darüber spekuliert, dass die Erwartungshaltung mit darüber entscheidet, wie wir etwas erleben und uns dann später daran erinnern. Gefühle spielen für unser Gedächtnis eine große Rolle. Eine neue Studie zeigt anhand von Aufnahmen des Gehirns, dass die Reaktion auf Fotos davon abhängt, wie viel Angst vor ihrem Anblick jemand vorab bereits aufgebaut hat. Wenn die Vorahnung bereits negativ geprägt ist, graben sich die Bilder umso tiefer in die Erinnerung ein.

Was sich in unseren Hirnen besonders verankert, sind emotional wichtige Momente, sowohl die besonders positiven wie die besonders negativen. Aufwühlende Erlebnisse wie Gewalterfahrungen oder der Tod eines geliebten Menschen brennen sich unauslöschlich in unsere Erinnerungen ein, während wir ständig die alltäglichen Vorkommnisse vergessen. Das ist längst nachgewiesen und entspricht zudem den Alltagserfahrungen. Dennoch sind die Vorgänge im Gehirn immer noch weitgehend unverstanden.

Das menschliche Hirn (Bild: Franklin Institute)

Inzwischen begeistern die Forscher regelmäßig die Öffentlichkeit mit bunten Bildern, die verschiedene Formen von Gehirnaktivität abbilden, meist erstellt mit Hilfe der funktionellen Magnetresonanztomografie (fMRI). Schön anzuschauen, aber oft in ihrer Aussagekraft nicht restlos überzeugend, denn die Komplexität des Netzwerks Hirn lässt eindeutige Aussagen nur sehr bedingt zu (Bei Pepsi-Trinkern leuchtet es im präfrontalen Cortex). Dazu kommt, dass die Studien häufig mit sehr ausgewählten Gruppen und geringen Fallzahlen operieren (Asthma, Chaos und Stress und Legasthenie auf Chinesisch).

Vieles in der Informationsverarbeitung und Gedächtnisspeicherung ist noch rätselhaft. Wie wir uns das Gesehene und Erlebte merken, ist ein sehr komplexer Vorgang (Das Gedächtnis). Kristen L. Mackiewicz von der University of Colorado sowie Issidoros Sarinopoulos und Kolllegen von der University of Wisconsin schauten mit Hilfe des bildgebenden Verfahrens der Kernspintomografie in die Hirne von 40 gesunden Studenten. Freiwillig mit dabei waren 18 junge Frauen und 22 Männer, alles Rechtshänder. Ihre Ergebnisse veröffentlichen die Forscher in der Zeitschrift The Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS) unter dem Titel The effect of anticipation and the specificity of sex differences for amygdala and hippocampus function in emotional memory.

Die Angst vor der Angst

Das Resultat der Studie verdeutlicht, dass die Erwartung einer furchterregenden Erfahrung bereits vorab zu verstärkter Hirnaktivität führt. Die Wahrnehmung wird durch die Angst intensiviert und das Erlebte langfristig im Gehirn gespeichert. Den Wissenschaftler geht es um Grundlagenforschung, damit künftig Fehlfunktionen des Gedächtnisses besser behandelt werden könne. Kristen Mackiewicz erklärt:

Die Hauptmotivation für diese Studie war klinisches Interesse, im Sinne eines besseren Verstehens und des angewandten Wissens über Erinnerungen, damit wir Störungen, die maßgeblich mit dem Gedächtnis zusammenhängen – wie die posttraumatische Belastungsstörung – besser behandeln können.

Die Wissenschaftler kündigten den Probanden an, wenn ein bestimmtes Signal auftauche, würden sie danach besonders grausame Fotos zu sehen bekommen, z.B. blutüberströmte Körper. Ein anderes Signal kündige dagegen harmlose Bilder an. Tatsächlich begannen die Gehirne der Versuchsteilnehmer bereits verstärkte Aktivitätsmuster zu zeigen, sobald das Ankündigungs-Signal für grauenhafte Bilder erschien. Zwei Regionen der Hirne aktivierten sich: die Mandelkerne (Amygdala), in der Großhirnrinde liegende mandelförmige Strukturen, die bei Angst und anderen Gefühlen eine wesentliche Rolle spielen, und der Hippocampus), der wesentlich für das Langzeitgedächtnis ist.

30 Minuten, nachdem die Teilnehmer die Bilderserien gesehen hatten, wurden sie gefragt, an welche Motive sie sich am besten erinnerten. Dabei zeigte sich deutlich, dass die Probanden, die voran das Signal für grausame Bilder wahrgenommen hatten, die Fotos deutlich verstärkt im Kopf hatten. Ein Befund, der durch eine weitere Erhebung zwei Wochen später bestätigt wurde. Je stärker die für die Angstverarbeitung zuständigen Hirnregionen aktiviert worden waren, umso mehr der Fotos hatten die Probanden tatsächlich im Gedächtnis behalten.

Kristen Mackiewicz ist überzeugt, dass diese Studien-Erlebnisse belegen, dass die Erwartung einer unbehaglichen Situation einen „Erregungs- oder Angst-Kreislauf“ ("arousal or fear circuitry") im Hirn initiiert:

In der Zukunft könnten wir Wege finden, um diese Erregungsreaktion bei Patienten zu dämpfen, so dass negative Erinnerungen nicht so leicht hervorgerufen werden.

Die Resultate der Studie müssen aber erstmal durch weitere Untersuchungen mit mehr Versuchsteilnehmern aus verschiedenen Altersgruppen abgesichert werden. (Andrea Naica-Loebell)