Teurere Lebensmittel

Wer sahnt ab?

Milch, Sahne, Butter, Quark, Käse und andere Milchprodukte werden bis zu 40 Prozent teurer. Die Preise für Brot steigen ebenfalls. Bereits im Frühjahr hatte der Geschäftsführer des Deutschen Brauer Bundes angekündigt, dass die Deutschen wegen höherer Einkaufspreise für Gerste auch für ihr liebstes Getränk künftig mehr bezahlen müssen – fürs Bier.

Wurde auch endlich Zeit, könnte man meinen. Denn die Bauern haben in den vergangenen Jahren immer weniger Geld für ihre Produkte bekommen. Der Durchschnittsverdienst eines Hofes liegt derzeit bei unter 2.000 Euro Brutto im Monat, einschließlich der Subventionen aus Brüssel. Letztere spiegeln die drastischen Einkommensunterschiede zwischen Kleinbauern und industriellen Großbetrieben: Während drei Viertel der Bauernhöfe weniger als 10.000 Euro pro Jahr erhalten, bekommen ein Prozent der Empfänger über 100.000 Euro und insgesamt 30 Prozent der Brüsseler Subventionen (Die Kuh zum Melken und zum Schlachten). Zu letzteren gehören landwirtschaftliche Großbetriebe und Lebensmittelkonzerne wie Nestlé und der Düngemittel- und Pestizidproduzent BASF. Der Klassenunterschied in der Landwirtschaft ähnelt dem zwischen einem Vorstandsvorsitzenden und einem Hartz IV-Empfänger.

Vier Euro monatlich mehr allein für Milchprodukte müssen die Verbraucher künftig ausgeben. Für Peter Hartz ist das nichts, einen Erwerbslosen trifft dies hingegen schon. Anders als es der Deutsche Bauernverband suggeriert, kommt das Geld nur zu einem Bruchteil den einkommensschwachen Landwirten zu Gute, zu denen die meisten Milchbauern zählen. Bestenfalls bekommen sie künftig pro Liter 33 Cent, das sind fünf Cent mehr als heute, also nur 15 Prozent. Den Löwenanteil der bis zu 40 prozentigen Preiserhöhung, die sich zudem nicht am Erzeugerpreis der Bauern, sondern am Verkaufspreis im Supermarkt orientiert, sahnen Molkereien und Discounter ab. Sie profitieren von der gestiegenen Nachfrage, zum Beispiel nach Milchprodukten in asiatischen Ländern, die das Angebot verknappt und die Preise steigen lässt.

Der Bundesverband deutscher Milchviehhalter fordert nicht 33, sondern 40 Cent pro Liter Milch für die Landwirte, von denen viele um ihre Existenz kämpfen. Im letzten Jahrzehnt musste die Hälfte der Milchbauern aufgeben. Denn die Literpreise für ihr Produkt liegen heute noch auf dem Niveau der 70er Jahre, während die Kosten für die landwirtschaftlichen Betriebe und die Lebenshaltung enorm gestiegen sind. Inzwischen haben sich 24.000 Milchbauern im Bundesverband deutscher Milchbauern organisiert und dem konservativen Deutschen Bauernverband den Rücken gekehrt, weil der eher die Interessen der Molkereien vertritt, die den Preisdruck der Discounter stets auf die Bauern abgewälzt haben.

Dabei handelt es sich nicht nur um ein nationales Problem, sondern es reicht weit über die Grenzen Deutschlands hinaus. Seit Ende 2005 haben sich Milchbauern in einer europaweiten Organisation zusammengeschlossen. Sie drohen mit einem „Milchstreik“, den der Bundesverband der deutschen Milchviehhalter allerdings lieber „Lieferboykott“ nennt, weil sich die meisten seiner Mitglieder noch immer als eigenständige, unabhängige Unternehmer und nicht als abhängig Beschäftigte verstehen.

Es gibt einen weiteren Grund, warum die Preise für Lebensmittel steigen – nicht nur in der Milchwirtschaft. Land und Ackerflächen sind begrenzte Ressourcen. Pflanzen zur Produktion von Nahrungsmitteln werden künftig nicht nur mit Pflanzen in Konkurrenz treten, die als Futtermittel für die Viehhaltung und damit dem Fleischkonsum dienen, sondern auch mit dem oftmals staatlich geförderten Anbau von Energiepflanzen, die die ständig wachsende Nachfrage nach Strom, Wärme und vor allem Treibstoff stillen sollen. Angeblich wird damit der CO2-Ausstoß reduziert und der Klimawandel aufgehalten. In der Europäischen Union sollen deshalb bis 2020 insgesamt zehn Prozent des Treibstoffes durch sogenannten Biosprit ersetzt werden.

Doch OECD- Landwirtschaftsdirektor Stefan Tangermann warnt, dass schon für dieses Zehntel ein Drittel der gesamten Ackerflächen in Europa für Energiepflanzen genutzt werden müssten. Deswegen will die EU Energiepflanzen aus Ländern wie Brasilien, Indonesien und dem Senegal importieren. Dabei ist der neue Sprit nicht einmal ökologisch verträglich. Denn für die Energiepflanzen werden riesige Monokulturen benötigt, in der Herstellung energieintensive Kunstdünger und Pestizide verbraucht und Regenwälder abgeholzt.

In den USA werden die Ethanol-Destillerien bereits 2008 die Hälfte der einheimischen Getreideernte zu Treibstoff verarbeiten und treiben damit den Weltmarktpreis vor allem für Mais – das wichtigste Grundnahrungsmittel im Nachbarland Mexiko – weiter in die Höhe.

Tatsächlich hat der Boom des Energiepflanzen-Anbaus weniger mit dem Klimawandel zu tun, als mit den langfristigen Marktstrategien großer Konzerne, die auch bei versiegenden Erdöl-Quellen weiterhin den Energiemarkt beherrschen wollen. British Petroleum ist z.B. groß ins Geschäft mit den Energiepflanzen eingestiegen. Auch Agrarkonzerne wie Südzucker bauen derzeit große Ethanol-Anlagen. Und Bundesminister Horst Seehofer versucht derweil, mit dem „Bio“-Label des Pflanzentreibstoffs Konzernen wie Monsanto und Syngenta das Tor für ihre gentechnisch manipulierten Produkte hierzulande weit zu öffnen: Denn, so seine schlichte Logik, Energiepflanzen seien ja zur Herstellung von Bioenergie und nicht zum Verzehr geeignet, würden also auch keine gesundheitliche Gefährdung darstellen.

Der internationale Kleinbauernverband La via Campesina weigert sich hingegen, überhaupt vom „Bio“-Sprit oder „Bio“-Energie zu sprechen. Das sei ein Euphemismus. Sie nennen die neuen Energien schlicht „Agro-Sprit“ oder „Agro-Gas“ und bezeichnen Anbaugebiete für Energiepflanzen als „grüne Wüsten“. Von diesen Monokulturen würden, so kritisiert der Verband weiter, nicht die Kleinbauern, sondern Großgrundbesitzer und Konzerne profitieren – auf Kosten von vielen Millionen Kleinbauern, die zum Beispiel in Brasilien schon lange um ihr Überleben kämpfen.

Auch die jüngsten Entwicklungen in Deutschland weisen in diese Richtung: Kleinere Biogasanlagen, wie sie bereits seit einigen Jahren von Landwirten hierzulande betrieben werden, müssen größeren Produktionsanlagen der Energiekonzerne weichen. Der Hauptgrund dafür: Der Preis für Mais ist allein seit 2004 um 50 Prozent gestiegen und hat inzwischen seinen Höchststand erreicht. Die Produktion von „Bio“-Gas wird deshalb für viele Kleinproduzenten in Deutschland zum Verlustgeschäft.

Die meisten Verbraucher hierzulande werden dennoch nicht unter Strommangel leiden müssen und ihren Magen und den Tank ihres Autos weiter füllen können. Den höchsten Preis für den individuellen Personenverkehr und den grenzenlosen Energieverbrauch werden viele Menschen in Ländern wie Brasilien und Indonesien zahlen, deren Mägen noch lauter knurren werden, während der neue Hybridmotor hierzulande leise unter der Haube surrt und der dritte Flachbildschirmfernseher im Haushalt die Sinne und das Hirn vernebelt.

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