Texas: Der nächste System-Kollaps

Bild: Steve Rainwater/CC BY-SA 2.0

Extreme Kälte führt zu Stromausfällen, das System setzt auf "Just in Time"-Logistik und versagt im Notfall. Der Markt funktioniert wie bei einer Auktion: Wie sieht es aus mit dem Fortschritt?

"Nasa works", lautete die Fortschrittsbotschaft aus den USA in der vergangenen Woche. Der Mars-Lander Perseverance führte der Welt vor, wie unglaublich exakt und verlässlich Berechnungen funktionieren können.

Zugleich gab es auf der Erde, auf US-amerikanischen Boden in Texas, ein tagelanges Extremwetter-Ereignis, das die Fortschrittsbotschaft der neuen "Marsianer" konterkarierte. Die Berechnungen zur Stromversorgung kollabierten im Notfall. Das System war dafür nicht gewappnet.

Es gab Tote in Situationen, die man sich nur in einem Film vorstellen will, zum Beispiel durch die Folgen eines ausgefallenes Beatmungsgeräts im Privathaushalt eines an COPD Erkrankten. Oder der 11-Jährige, der in seinem Bett erfriert. Eine genaue Bilanz der durch die Auswirkungen des Extremwetters Zu-Tode-Gekommenen steht noch aus, mindestens 30 Tote wurden am Wochenende gemeldet.

Texas traf die arktische Kälte besonders und dort besonders die Ärmsten: Texas: Bibbern im Treibhaus.

In ganz Texas stieg die Zahl der Todesfälle im Zusammenhang mit dem Wintersturm weiter an, und das bei eisigen Temperaturen, weit verbreiteten Stromausfällen und einer Knappheit an sauberem Wasser. Während es Berichte gab, dass Dutzende von Todesfällen mit dem Sturm in Texas verbunden sind, sagen Experten, dass die Zahl der Todesopfer wahrscheinlich viel größer ist. Und es könnte Wochen oder Monate dauern, bis das wahre Ausmaß bekannt ist.

Texas Tribune, Winter Storm, 20.02.2021

Mittlerweile soll wieder etwas Normalität eingekehrt ein. Tausende Haushalte seien wieder an die vorübergehend unterbrochene Strom- und Trinkwasserversorgung angeschlossen worden. Geht es nach dem Netzbetreiber in Texas, Ercot, so gab es schon am Freitag Anlass, von der Rückkehr zur Normalität zu künden. Indessen werden erste Bilanzen zu den Ursachen der verheerenden Auswirkungen - allen voran Stromausfälle und damit einhergehende große Probleme mit der Trinkwasserversorgung und der Heizung - gezogen und dabei sieht die Rolle von Ercot nicht gut aus.

Den ganz großen kritischen Panorama-Blick unternimmt ein Autor im US-amerikanischen Magazin The Atlantic. Dort zieht Robinson Meyer Parallelen des klimatisch bedingten Vorsorgungsdramas in Texas zum Kollaps der Lehmann Brothers im Jahr 2008 und zum Missmanagement der Corona-Pandemie in den USA.

Die Kritik an den mangelnden Vorbereitungen auf die Extremsituation gerät zur Systemkritik. Ein zentrales Stichwort dafür gibt die "just-in-time Logistik", die durch die wetterbedingten Störungen zusammenbrach und damit die Abhängigkeit von dieser Art, Abläufe zu organisieren, offenbarte.

Ganz ähnlich wie bei der Finanzkrise und bei der Corona-Krise zeigt sich, dass Schwachstellen bzw. schon vorher wahrgenommene kritische Stellen durch ein Ereignis oder eine Ereigniskette auf eine Weise verstärkt werden können, mit der niemand ernsthaft gerechnet hat.

Abgeschnitten von der Elektrizität und entblößt vom eisigen Wetter, erlitt die texanische Infrastruktur eine Art von Multisystemversagen. Rohre begannen in Häusern zu platzen. Mobilfunknetze fielen aus und verhinderten, dass Menschen den Notruf wählen konnten. In Austin und anderswo ließen so viele Menschen ihre Rohre tropfenweise laufen (um zu verhindern, dass sie einfrieren), dass das Wassersystem einen Druckabfall erlitt, der die Wasserversorgung verunreinigte und die Bewohner zwang, ihr Wasser abzukochen, bevor sie es verwendeten.

The Atlantic

Die Planungen stimmten nicht, was dazu führte, dass man im energiereichen Texas im Notfall dann allergrößte Probleme mit der Versorgung bekam. Die Behörde, die für die Verwaltung des Netzes zuständig ist, ist die Electric Reliability Council of Texas (Ercot). "Ercot kann die Lichter an schwülen Sommertagen anlassen, wenn die Texaner mehr als 70.000 Megawatt an Strom benötigen. Während der kältesten Tage dieser Woche verlangten die Texaner wieder etwa so viel Strom (...). Doch dieses Mal konnte das Netz nur etwa 40.000 Megawatt liefern", so The Atlantic. Das habe aber nicht am Versagen der Erneuerbaren gelegen, wie schnell behauptet wurde, sondern das Problem sei die Zulieferung von Erdgas gewesen, an dem es in Texas keinen Mangel gibt.

Als die Temperaturen fielen, gefroren die Pipelines, die Gas an die Kraftwerke lieferten, und der Druck sank. Gleichzeitig beanspruchten die Haushalte, Büros und Krankenhäuser das spärliche Gas, das noch verfügbar war. Ein System, das für den Sommer gebaut wurde, war dem Winter unterlegen - und Texas, das über eine der größten Erdgasreserven der Welt verfügt, litt unter einem landesweiten Run auf Gas.

The Atlantic

Was dadurch ausgelöst wurde, habe sich nicht so sehr von dem unterschieden, was FedEx und das New Yorker Gesundheitssystem traf, als die Pandemie letztes Jahr ausbrach, so Robinson Meyer.

Es gab genug Toilettenpapier in Amerika, damit jeder es alle paar Monate kaufen konnte, aber nicht, damit jeder es in derselben Woche kaufen konnte. Just-in-Time-Logistik, ob per Pipeline oder per Frachtschiff, ist wirtschaftlich sinnvoll; sie ist billiger als ein System mit eingebautem Spielraum. Aber es hängt davon ab, dass der morgige Tag in etwa so aussieht wie der gestrige, und wenn etwas Ungewöhnliches passiert - wie z. B. das Einfrieren von Texas - versagt das System.

The Atlantic

Zum Systemversagen ist auch zu zählen, was manche für eine Wahrheit halten, nämlich dass der Markt eine verlässliche Maschinerie wäre. Der Strommarkt in Texas ist seit 1999 privatisiert und dereguliert. Die New York Times beschreibt, was seinerzeit unternommen wurde, als "landesweit umfangreichstes Experiment zur Deregulierung des Stromnetzes", das die Kontrolle über das gesamte Stromversorgungssystem des Bundesstaates einem marktbasierten Flickenteppich aus privaten Stromerzeugern, Übertragungsunternehmen und Energieeinzelhändlern überlies.

"Die Energiewirtschaft wollte es. Die Menschen wollten es. Beide Parteien unterstützten es", so die Zeitung. George W. Bush, der vor seinem Einzug ins Weiße Haus im Januar 2001, Gouverneur von Texas war, versprach: "Der Wettbewerb in der Elektrizitätsindustrie wird den Texanern zugute kommen, indem die monatlichen Tarife gesenkt werden und die Verbraucher mehr Wahlmöglichkeiten haben, was den Stromverbrauch angeht."

Daraus hat sich, wie sich nun in aller Drastik zeigte, ein System entwickelt, das funktioniert wie eine Auktion. Mit astronomischen Stromrechnungen, die keiner bezahlen kann. In der vergangenen Woche habe der Preis tagelang bei 9.000 Dollar pro Megawattstunde gelegen. Von einem Bewohner der texanischen Stadt Dallas berichtet CNN, dass er eine Stromrechnung von 7.000 US-Dollar erhalten habe. (Thomas Pany)