That's capitalism

Wie das geschätzte Hamburger Stadtmagazin "Szene" seinen Chefredakteur verlor, nun der inhaltlichen Verflachung anheim zu fallen droht, und sich die Autoren der "Szene" mit einem Protest-Heft dagegen wehren. In den Nebenrollen: Ronald Schill und die SPD.

Hamburg ist eine herrliche Stadt. Hamburg ist so schön und sympathisch und undeutsch, dass sich viele derer, die hier leben, nicht vorstellen können, wo sie sonst leben sollten in diesem Land, wenn eben nicht in oder zumindest ganz nah dran an Hamburg. Man freut sich hier über die kulturelle Vielfalt, über die lebendige Hoch- und Subkultur, die bisher auch der rechtslastige, kultur-killende CDU-Schill-Senat nicht totkriegen konnte, der seit drei Jahren an der Macht ist.

Im Gegenteil: In Hamburg veranstalten Musiker und Künstler aus sich selbst heraus noch Benefizkonzerte und Protestaktionen, wenn der tatkräftige Senat zum Beispiel einen Platz mit friedlichen Bauwagenbewohnern räumen lässt, wie Ende letzten Jahres geschehen, und unter dem Schlagwort "Bambule" in die Medien geraten (vgl. Die Stadt gehört allen) In einer Beziehung jedoch ist Hamburg auf hinterbayerischem Niveau: Die Tageszeitungslandschaft wirkt wie ausgebombt.

Es gibt die "Bild" (hetzerisch, Boulevard, Springer), das "Hamburger Abendblatt" (erzkonservativ, Bleiwüste, Springer), die "Hamburger Morgenpost" (gemäßigt, Boulevard, Gruner & Jahr) und den ultradünnen Lokalteil der "Tageszeitung" (engagiert aber zu dünn). Kurzum: Es gibt keine vernünftige Tageszeitung in Hamburg. Wenn man sich bisher über aktuelle Belange aus Kultur und Politik informieren wollte, wenn man andere Perspektiven auf die Dinge erfahren wollte außer die immer gleichen, vorgeformten und eingeschränkten der drei großen Presse-Schlachtschiffe der Stadt, dann griff man einmal im Monat zur "Szene Hamburg", einem Stadtmagazin.

Dessen oberstes Anliegen war es zwar, den Leser auf dem Laufenden zu halten, was das kulturelle Angebot in der Hansestadt angeht, doch nebenbei berichtete die "Szene" sehr oft mit wohltuend differenzierten und engagierten Gestus darüber, wenn etwa anschaffende Ausländerinnen von der Reeperbahn oder Transsexuelle in der Talstraße mit Übergriffen im Polizeigewahrsam zu tun hatten, wenn die Stadt Steuergelder verschluderte, wenn Polizisten auf einer Schülerdemo zu viele Teenagerschädel mit Schlagstöcken traktierten, wieder ein Bauwagenplatz geräumt wurde oder überhaupt jemand durch unangebracht heftig angewandte Staatsgewalt zu Schaden kam - dann war die "Szene" da, und schrieb, was andere nicht schrieben.

In den letzten drei Jahren geschah das ziemlich oft. In einer grundsätzlich wegen ihrer Liberalität geschätzten Stadt, in der seit drei Jahren ein martialischer, populistischer als "Richter Gnadenlos" berühmt gewordener Hardliner namens Ronald Barnabas Schill den Innensenator spielt, und seine nicht minder dilletantisch agierende Kultursenatorin Dana Horakova die Kulturschaffenden in Angst und Schrecken versetzt - in einer solchen Stadt waren es oftmals die eindringlichen Artikel in der "Szene" und die scharfen Kommentare ihres Chefredakteurs Christof Twickel, die sich wohltuend von der allgemeinen medialen Tatenlosigkeit absetzten. Und dabei muss erwähnt werden, dass die im Herbst 1973 gegründete "Szene Hamburg" keineswegs ein linksintellektuelles Ideologie-Blättchen ist, sondern ein qualitativ hochwertiges, erfoglreiches, geschätztes Magazin, ein Autoren-Blatt, das monatlich an die 30.000 Hefte verkauft(e). Das ist in etwa doppelt so viel, wie das Kölner Musikmagazin "Spex" pro Ausgabe los wird - bundesweit.

Nun steckt, wie jeder weiß, fast die gesamte Printmedienlandschaft in einer dicken, fetten Krise. Die Verkäufe gehen zurück, es wird mit schwäbischer Beharrlichkeit gespart, wo es nur geht. So auch bei der ‚Szene Hamburg'. Auch die Hamburger Stadtillustrierte Verlagsgesellschaft (HSI), zu der die ‚Szene' gehört, stellte Anfang des Jahres einen Rückgang in den Anzeigenannahmen fest, beklagte das Sinken der Auflage um 2000 auf etwa 29.500 Exemplare und somit ein klaffendes Loch in den Kassen. Es wurden Stellen abgebaut, Kündigungen geschrieben und Gehaltskürzungen vorgenommen - wie überall. Es muss im Juni gewesen sein, als die HSI bekannt gab, die Titelseite der "Szene" künftig käuflich zu machen, quasi als Anzeigenseite zur Verfügung zu stellen - wer genug zahlt, kommt drauf. Kaum dass der Verlag die neue Richtung bekanntgab, protestierte Chefredakteur Christoph Twickel in einer Stellungnahme. Die "Szene", befand Twickel, "verabschiedet sich damit optisch aus dem Kreis der journalistisch relevanten Printmedien".

Kurz darauf landete die Kündigung auf seinem Tisch. In Zukunft werde einer der drei Geschäftsführer seinen Posten übernehmen, und natürlich habe diese Personalie nichts mit der Arbeit des werten Herr Twickel zu tun, vielmehr müsse man sparen, und da fange man praktischerweise mit dem Chefredakteur an, der ja am meisten verdiene, hieß es lapidar von oben. Natürlich glaubte das niemand, der Fall war sonnenklar: Twickel war unbequem und stand der Neuausrichtung der "Szene" in Richtung Mainstream und Markttauglichkeit im Weg. Damit verlor die Hansestadt einen ihrer engagiertesten Journalisten, eine mediale Kraft und Opposition, die bitter nötig war und ist. Um so verwunderlich erscheint die Personalentscheidung der HSI - der seit vier Jahren die Mehrheit an der "Szene" besitzt -, wenn man weiß, dass die HSI zu 75 Prozent der Deutschen Druck- und Verlagsgesellschaft gehört. Die wiederum gehört der SPD, die wiederrum vor Schill 44 Jahre lang regiert. Hallo? Genau.

Das rigorose Absägen des Chefredakteurs zog Empörungen nach sich, zuallerst bei den festen und freien Schreibern der ‚Szene', dann in einigen wenigen überregionalen Tageszeitungen, Medienmagazinen und Journalistenverbänden. So sagte der Sprecher der Deutschen Journalisten-Union, Fritz Gleiss: "Wenn die HSI-Verlagsführung glaubt, den Chefredakteur durch einen Geschäftsführer ersetzen zu können, liegt die Vermutung nahe, dass die ‚Szene' sich von einem qualifizierten und engagierten Journalismus verabschiedet." Vor allen aber fühlten sich die Mitarbeiter der ‚Szene' vor den Kopf gestoßen. Da wurde ihnen mir-nichts-dir-nichts der beliebte und geschätzte Chef nebst Chefgrafikerin Ariane Semmler weggenommen und durch den Geschäftsführer Gerhard Fiedler ersetzt, der vielleicht ein passabler Geschäftsmann ist, auf keinen Fall aber ein Journalist. Und plötzlich war er aus der Traum von einem qualitativ hochwertigen Autorenmagazin, das erfolgreich war, trotzdem eine Meinung hatte und das totale Gegenteil darstellte zu den konkurrierenden Stadtmagazinen auf dem Markt wie ‚Prinz', ‚Kulturnews' etc., welche sich in erster Linie damit hervortuen, Redaktionelles und Werbung fest ineinander zu verweben, und in ihrer schwammigen Meinungslosigkeit bestenfalls als bebilderte Termindatenbanken taugen. Für viele Autoren war die "Szene" eine Art Familie, die meisten anderen ihrer Auftraggeber gehörten dagegen zum Haifischbecken der journalistischen Verflachung, in das man nur sprang, weil Auf-dem-Trockenen-zu-sitzen nicht als überlebensfähige Alternative taugte. In all den Jahren war in der "Szene" noch nicht mal jemand auf die Idee gekommen, einen Betriebsrat zu gründen.

"Als dann die Nachricht von der Kündigung des Chefredakteurs kam, waren wir entsetzt. Wir konnten nicht glauben, dass es wirklich passieren würde", erinnert sich Anne Otto, langjährige "Szene"-Autorin und eine der OrganisatorInnen der folgenden Protestaktion. Was Anne Otto und ihre Kollegen anfangs nicht wahrhaben wollten, wurde bald darauf Gewissheit: Twickel durfte noch nicht mal die Juni-Ausgabe fertig machen, musste umgehendst gehen. "Da hat sich dann der Widerstand formiert", sagt Otto. Fast alle "Szene"-Autoren trafen sich, überlegten, was zu tun sei. Schnell stand die Idee, von einem einmaligen Protestheft, welches man in Eigenregie herausbringen wollte, und in dem die ganze Misere thematisiert werden sollte. Die festen Redakteure der "Szene" klinkten sich spätestens hier aus - aus Angst um ihren Arbeitsplatz.

Doch die etwa 20 Macher waren auch so tatkräftig genug: Alles gestandene und geschätzte Autoren, erfahrene Journalisten, Schreiber wie Detlef Diedrichsen, Lars Brinkmann, Julian Weber und Jan Möller. Man hockte sich zusammen, grübelte ein bisschen, tippte dann wie wild auf diversen Tastaturen rum - und fertig war ein 23-Seiten starkes Heftchen, hübsch layoutet und voller heißer Texte. "BreitAUFGESTELLT" nannten die Macher ihr Protestblatt, von dem sie 3.000 Stück drucken ließen, was 1.000 Euro kostete; Geld, das wieder reingeholt wurde durch eine Party. Am Ende gab es also keine Kosten, freilich auch kein Honorar für die Schreiber, dafür jedoch ein spannendes Blatt, dass in der Stadt verteilt wurde und in den üblichen Kneipen und Klubs auslag. "Das Ding ging total schnell weg", sagt Anne Otto.

Drin zu lesen gibt es eine Beschreibung der "Szene"-Situation, das Protokoll des gescheiterten Versuchs, mit dem Chef der zur SPD gehörenden Deutschen Druck- und Verlagsgesellschaft ein Interview zum Thema zu führen, ein Bericht über die Geschichte der deutschen Stadtmagazine, die - kaum verwunderlich - damit endet, dass bisher aus allen diesen journalisten Magazinen belanglose Anzeigenblättchen wurden; bis auf eine Ausnahme, die auf Seite 9 beschrieben wird: die Kölner "StadtRevue", das letzte überlebende Stadtmagazin mit Meinung und Biss. Es gibt im "BreitAUFGESTELLT" Artikel über die Medienkrise im Allgemeinen, über Idealismus und Hamburg und noch einen großen, langen Text, den man wohl als das Herzstück des Protestblattes bezeichnen kann: "That's capitalism." heißt er, stammt von Detlef Diederichsen. Diederichsen muss die ganze Posse um die "Szene Hamburg" vorkommen wie ein laues Deja-Vu.

Vor 20 Jahren nämlich wurde das bundesweite Stadtmagazin "Tango" gegründet. Diederichsen war einer der Macher, und was er berichtet über den Niedergang des ambitionierten und gleichwohl erfolgreichen Heftes, macht Gruseln und mal wieder klar, dass es alles schon mal gab, alles in Zyklen passiert und die, die andere Wege gehen, die Idealisten also, dass die irgendwann, früher oder später immer auf die Fresse kriegen. Am Ende geht es immer nur darum, trotzdem weiter zu machen - irgendwie, irgendwo.

Auch die ‚Szene'-Autoren wollen weitermachen, obwohl ihr Protestblatt an der eigentlichen Situation nichts geändert hat. Die Geschäftsführer der inhaltlich gestrandeten Kulturbarkasse reagierten in keinster Weise auf den gedruckten Protest. Die an selbigem beteiligten Autoren dürfen auch weiterhin für die "Szene" schreiben. Man hält still in der Chefetage und wartet, bis der Wind sich gelegt hat. Die Macher des "BreitAUFGESTELLT" denken derweil über eine Fortsetzung nach. "Die ganze Sache hat Riesenspaß gemacht", sagt Anne Otto, "weil es eine große Sehnsucht gibt, frei über die Dinge zu schreiben, die einen berühren, auch, wenn es kein Geld dafür gibt". Und weiter: "Vielleicht gibt die Sache ja einen kleinen Anstoß, eine Fanzinekultur wieder aufleben zu lassen". So ist das in Hamburg: Wenn Scheiße passiert, dann wird darauf reagiert, dann wird der Not tugendhafterweise mit Aktionismus begegnet. Im besten Fall kommt dabei die Neuorganisierung eines gewissen Widerstandgedankens bei raus. Man weiß wieder, wogegen man ist und hat Grund genug, für das zu kämpfen, an das man glaubt. Wenigstens das.

PS: Wer "BreitAUFGESTELLT" lesen möchte, melde sich bitte direkt bei Anne Otto: anotto@gmx.net (Tino Hanekamp)