The stories are out there

Fanfiction - Amateurliteratur im Internet

Fernsehserien, Filme, Popgruppen, Animes, Romane, Comics und Computerspiele, alles kann als Inspiration für Fans dienen, die einem besonderen Hobby nachgehen: sie schreiben die Geschichten ihrer Helden weiter. Mit dem Internet hat die Fanfiction-Gemeinschaft ein Medium gefunden, das aus der Subkultur ein Massenphänomen macht. Diese Fangeschichten stellen Vorstellungen von geistigem Eigentum, Kommerzialisierung von Kultur und Copyright in Frage, die auch in anderen Bereichen der digitalen Technologien eine Rolle spielen.

Collage von "PTP" (empatricia@hotmail.com)

In einer der letzten Folgen der Kultserie "Akte-X", die Aliens und Regierungsverschwörungen in die Prime-Time-Fernsehunterhaltung eingeführt hat, fleht die neue Spezialagentin Leyla Harrison um Versetzung in die im Mittelpunkt stehende FBI-Abteilung. Agent Harrison kennt alle Einzelheiten der alten Fälle und stellt die kleinlichen Fragen, die auch Fans auf den Nägeln brennen.

Leyla Harrison gab es tatsächlich. Eine Freundin bat Frank Spotnitz, Autor und Co-Produzent der Serie, Leyla zu schreiben, als diese mit Hautkrebs diagnostiziert wurde, was dieser auch tat. Als er hörte, dass sie der Krankheit erlegen war, ergab sich diese perfekte Möglichkeit, ihr und den anderen Fans mit der Namensnennung Tribut zu zollen. Leyla Harrison war allerdings kein "normaler" Fan, der Paraphernalien der Serie sammelte und ihr Zimmer mit Mulder- und Scully-Actionfiguren zierte. Sie gehörte zu einer sehr aktiven Gruppe von Leuten, die das Internet benutzen, um ihrem Hobby nachzugehen: Sie schrieb Fanfiction.

Fanfiction sind Geschichten, die die Figuren und das Setting von Fernsehserien, Filmen oder Büchern als Ausgangspunkt benutzen, um sie weiterzuspinnen oder neue Abenteuer zu erfinden, die wenig mit dem Ursprungsmaterial zu tun haben müssen. Bei Kirk/Spock-Geschichten (aus "Raumschiff Enterprise") geht es zum Beispiel um die sexuelle Beziehung zwischen Captain Kirk und seinem ersten Offizier Mister Spock. Das ist natürlich nicht in der offiziellen Geschichte der Serie vorgesehen. Nichts destotrotz ist Slash, wie es wegen des Schrägstrichs zwischen den zu verkuppelnden Figuren genannt wird, eines der ältesten und beliebtesten Genres in der Fanfiction.

Aber die Fans schreiben auch Hetero-Liebesgeschichten, Krimifälle, Science Fiction-Romane oder Charakterstudien. Die Website fanfiction.net bietet allein im Bereich Fernsehen Fanliteratur zu 320 Serien: 'Remington Steele', 'Xena', 'The Avengers' und 'Babylon 5' und dutzende andere, deren Namen nur unerschütterlichen Fans noch ein Begriff sind. Zusätzlich gibt es Fanfiction zu Comics, Büchern oder Computerspielen. Die Länge der Texte variert genauso wie die Qualität. Viele der Geschichten können sich durchaus mit gedruckter Unterhaltungsliteratur professioneller Autoren messen.

Nur um einen Eindruck von der Anzahl der Texte und der Zugriffe zu bekommen: 835.000 mal monatlich rufen Leser Geschichten von den drei in den USA stehenden Gossamer-Webservern ab, dem größten Akte-X-Fanfiction-Archiv, und erzeugen damit etwa 32 GB Traffic. Insgesamt liegen auf Gossamer 860 MB Ascii-Daten, was ausgedruckt etwa 344.000 Seiten entspräche. Nicht vergessen, Gossamer archiviert ausschließlich Akte-X-Fanfic. Die anderen großen Fandoms, wie "Buffy - Im Bann der Dämonen" oder Star Trek, generieren mindestens ebenso viel Texte.

Buffy fiction Archive (BFA). A Buffy the Vampire Slayer/Angel: The Series Fanfiction Archive

Copyright und Plagiarismus

Fanfiction operiert in einer legalen Grauzone, da die Werke, die die Autoren als Ausgangspunkt nehmen, Copyright-geschützt sind. Der Pressesprecher der Produktionsgesellschaft Fox, die unter anderem "Buffy" und "Akte X" produziert, Steven Melnick, gesteht allerdings zu, dass Fanfiction-Sites von den Studios toleriert würden:

"Solange die Geschichten nicht in einem kommerziellen Kontext auftreten oder für kommerzielle Zwecke angefertigt werden, haben wir kein Problem damit. Fox und andere Copyright-Halter geben den Fans das Recht, die Figuren in eigenen fiktionalen Arbeiten zu benutzen, solange sie irgendeine Art von Verzichtserklärung mitschicken, welche die Copyright-Eigner klar benennt."

Manche Firmen haben allerdings Schwierigkeiten mit Fanfiction, die von sexuellen Beziehungen handelt. Lucasfilms, die Porduktionsfirma von Star Wars, versuchte eine Weile lang, das Vorkommen von Slash-Fanfiction zu kontrollieren, da es ihrer Meinung nach das "Familienimage" ihrer Filmreihe störte. Dabei war es allerdings schwierig, diese Kontrolle durchzuführen, ohne die Fans zu verärgern.

Die offiziellen Autoren fühlen sich in der Regel geschmeichelt, dass ihre Schöpfungen von den Fans so angenommen werden, dass sie neue Geschichten in ihrem Universum schreiben. "Es ist ein ungeheures Kompliment. Wenn Leute Fanfiction schreiben, dann ist das ein ziemlich eindeutiges Zeichen, dass diese Figuren so lebendig für sie geworden sind, dass sie Zeit und Gedanken in sie hineinstecken wollen," meint Frank Spotnitz von "Akte X". Allerdings müssen die offiziellen Autoren aufpassen, dass die Geschichten, die im Fernsehen laufen, nicht zu sehr an die Geschichten der Fans angelehnt sind. Marion Zimmer Bradley, eine der bekanntesten Fantasy-Autorinnen, musste auf Grund einer solchen Streitigkeit mit einem Fan, die auch vor Gericht ging, die Arbeit an ihrem "Darkover"-Romanzyklus aufgeben. Daher müssen viele Autoren in ihren Verträgen unterschreiben, dass sie keine Fanfiction lesen.

Haven for the FBI's most Unwanted, von (www.idealistshaven.com)

Fan-Sein hat kein gutes Image

"Fan fiction is written by hundreds of thousands of people across the globe. Fan fiction is read by millions. With the advent of the internet and its permeation deeper into our society, it is no longer something locked into paper zines. Fan fiction is something with a history and culture all its own. Fan fiction is about writing and kinship with people. It's a method of connecting to others who share your interests through writing." Homepage Writer's University

Auf den ersten Blick mag es seltsam scheinen, dass Leute ihre Zeit damit verbringen, Fernsehserien weiterzuschreiben. William Shatner, der Darsteller von Captain Kirk in "Raumschiff Enterprise", empfahl vor Jahren den Fans "to get a life!", ein eigenes Leben zu führen. Wenn man jedoch genauer nachschaut, dann haben die meisten Fans schon ein Leben. Fanfic-Autoren kommen aus allen möglichen sozialen Schichten und Altersgruppen und schreiben aus den verschiedensten Gründen. Auch die Leser entsprechen nicht dem Bild des lebensunfähigen Nerds mit mangelnder sozialer Kompetenz. Es sind Studenten und Anwälte, Webdesigner und Hausfrauen, Menschen aus allen sozialen Schichten.

Fanfiction-Leser gibt es überall: Vera Heinau, die zusammen mit drei anderen Administratoren das schon erwähnte Gossamer Project für Akte-X-Fanfiction betreibt, stolperte schon 1992 zufällig über die Newsgruppe alt.tv.x-files.creative und war fasziniert. "Durch Zufall habe ich dann mitbekommen, dass es viele Interessenten im deutschen Wissenschaftsnetz, ja sogar an der Freien Universität selber gab, die Schwierigkeiten mit dem Download aus USA hatten," erzählt sie. Da sie als Administratorin den FTP-Server der Freien Universität Berlin betreute und zum Testen einen privaten Mirror des Archivs angelegt hatte, machte sie ihn öffentlich.

Fanfiction ist im engen Sinne kein kollaboratives Schreiben, sondern folgt den traditionellen Linien von Autorschaft, auch wenn sich diese in Pseudonymen äußert. Die Verbindung von Lesern und Autoren ist allerdings eng und aus einem Leser kann jederzeit und problemlos ein Autor werden. Die "garantierte Aufmerksamkeit des Publikums", wie es eine Fanficautorin nennt, ist für alle Autoren ein wesentlicher Vorzug von Fanfic gegenüber der herkömmlichen Schriftstellerei. Auch für die Leser ist dieser direkte Austausch reizvoll. Man kann Anfragen für Geschichten schicken, direkt den Autor kritisieren oder loben und mit ihm/ihr über den Plot diskutieren. Fan-Communities sind daher sehr wichtig. Sie bilden sich um Mailinglisten, Newsgroups oder Webforen. Auch wenn es zum Teil manchmal heftig zu geht, bilden sie doch eine lebendige und enge Gemeinschaft.

Banner zu trekiverse.org

Moderne Volkskultur

Ein Ergebnis der industriellen Revolution war die Privatisierung von Kultur und das Auftauchen des Konzepts von geistigem Eigentum, das davon ausgeht, dass kulturelle Werte den schöpferischen Werken individueller Autoren entspringen. [...] Fans reagieren auf diese Situation, indem sie die traditionellen Praktiken der Volkskultur auf die Massenkultur anwenden, und Filme oder Fernsehen als Rohmaterial dafür benutzen, ihre eigenen Geschichten zu erzählen und ihre eigenen Gemeinschaften zu zusammenzuschmieden.

Henry Jenkins: The Poachers and the Stormtroopers, Red Rock Eater Digest 1998

Fanfiction ist ein Beispiel für eine offene partizipatorische Kultur, die unspektakulär daherkommt. Fernsehen wird oft mit geistlosem Konsum gleichgesetzt, so dass trotz der weiten Verbreitung Fanliteratur immer noch ein Undergroundphänomen bleibt, das viele Fans ihrem "normalen" Umfelt verheimlichen. Wenn man dann noch erzählt, dass man Geschichten, womöglich noch erotischer Art, über eine Fernsehsendung schreibt (oder auch nur liest), wird man in vielen Fällen als totaler Spinner abgestempelt.

Henry Jenkins, Autor eines Buches über Fan-Kultur und Fanerzeugnisse, sieht Fanfic als moderne Volkskultur, die die Märchen und Sagen früherer Zeiten ersetzt. Mit der Industrialisierung entwickelte sich die Idee von Privatisierung von Kultur und das Konzept des geistigen Eigentums wurde erfunden, das kulturelle Erzeugnisse dem genialen Einzelnen zuschrieb. Die Verwertungspraxis unserer Tage ist die Konsequenz daraus. Fanfic-Autoren entreißen die Geschichten den Medienkonglomeraten, die stromlinienförmiges Mittelmaß erzeugen und eignen sich die Charaktäre der Fernsehserien an. Sie reagieren auf die Medienumgebung, in der sie leben, auf kreative Weise und genauso wie die Volkskulturen in vorindustrieller Zeit. Sie unterlaufen die kapitalistische Logik: Buffy und Spike, Scully und Mulder, Picard und Janeway gehören mindestens genauso sehr den Fans wie den Produktionsfirmen.

Fanfic ist eine Möglichkeit, aus dem passiven Medienkonsum ein aktives Hobby zu machen. Selbst als einfacher Leser ist man eingebunden in eine Gemeinschaft, die interpretiert, kommentiert und den Text des Ursprungsprodukts erweitert. Für viele ist die Aktivität in der Fangemeinschaft wichtiger als die wöchentlichen Ausstrahlungen im Fernsehen. Immer noch aktive Fans von Serien, die seit Jahren nicht mehr laufen, beweisen das. Fan-Erzeugnisse sind zum Teil mindestens genauso spannend und gut konstruiert wie ihre kommerziellen Vorbilder - manche sagen sogar, dass sie besser sind. Ohne Druck zum kommerziellen Erfolg lassen sich Plotentwicklungen und Figurenkonstellationen in immer neuen Variationen durchspielen, was das Lesen von Fanfiction auch ohne den Anspruch auf totale literarische Qualität zu einem Vergnügen macht. Aber Vorsicht: Man kann danach süchtig werden und vielleicht eines Tages selbst zu den Geeks ohne eigenes Leben gehören!

Zusätzliche Lesetipps

Die Zahl von Fan Fiction Websites geht in die Tausende. Eine repräsentativen Überblick zu geben, ist nicht möglich, da viele Seiten einfach verschwinden, wenn sich der Autor zurückzieht oder den Server wechselt. Hier ist eine sehr subjektive und beschränkte Auswahl. Über die Linklisten der genannten Sites (auch der aus dem Text) ist es aber nicht schwer, weitere Quellen zu finden.

Fanfiction.net
Alle möglichen Fandoms von Fernsehserien bis zu Computerspielen.

COCO CHANNEL and The Society for Slash Diversity Archive
Wie der Name schon sagt, findet man hier hauptsächlich "Star Trek: The Original Series" Slash Geschichten, aber auch Essays und Links.

Primal Screamers' Fanfic Primer
Klassische X-Files Fanfics

Archive of the alt.startrek.creative newsgroup
Allgemeines Star Trek Archiv.

Artikel über Fan Fiction

Nancy Schulz, The E-Files, The Washington Post, 29. April 200
Artikel mit vielen O-Tönen von AutorInnen und der Leyla-Harrison-Geschichte.

Mark Dery, Slashing the Borg: Resistance is Fertile
Ein Essay über Slash

News

alt.startrek.creative
alt.tv.buffy-v-slayer.creative
alt.tv.x-files.creative
Als Tip hier nur die drei größten Fanfic-Newsgroups. Eine Suche bei Google sollte jedermanns und jederfraus Lieblingsserie ausgraben.

Bücher

Henry Jenkins, Textual Poachers: Television Fans and Participatory Culture (Studies in Culture and Communication), New York/London (Routledge) 1994.
Eine kulturwissenschaftliche Verteidigung von Fan Fiction.

Constance Penley, NASA/TREK: Popular Science and Sex in America, London/New York (Verso) 1997. Penley zeigt die Verbindungen zwischen der amerikanischen Weltraumbehörde NASA und der Fernsehserie StarTrek. Der zweite Teil ist eine schöne Analyse der subversiven Slash-Community. (Vali Djordjevic)

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