Therapeutisch ohne Wirkung

Nach einer groß angelegten US-Studie haben fürsprechende Gebete auf Patienten nach einer Herzoperation keinen Einfluss - trotzdem kann jeder weiterhin glauben, was er will

Da die Bush-Regierung von den christlichen Fundamentalisten unterstützt wird, wurde nicht nur die Politik auf diese ausgerichtet, was beispielsweise die Berufung neuer Richter am Supreme Court oder die Unterstützung religiöser Organisationen betrifft. Geld kam auch Programmen zu, die vor vorehelichem Sex warnten und dies mit oft wenig wissenschaftlichen Untersuchungen zu begründen suchten. Und gefördert wurden auch wissenschaftliche Projekte, die nachprüfen sollten, ob Gebete beispielsweise die Gesundung von Kranken beschleunigen (Die Macht des Gebets). Eine große Untersuchung hat nun für die therapeutische Wirksamkeit von Gebeten keinen Nachweis gefunden.

Betende Hände von Albrecht Dürer

Dass die Frage, ob und wie Gebete wirken, in einer Gesellschaft, die wie die amerikanische stark religiös geprägt ist, auf großes Interesse stößt, ist wenig verwunderlich. Daher wurde über die Ergebnisse der neuen Studie, die unter der Leitung des Kardiologen Herbert Benson, der Direktor des Mind/Body Medical Institute ist, auch in vielen Medien berichtet. Benson arbeitet, wie er sagt, an der Grenze zwischen Religion oder Spiritualität und Wissenschaft, aber auch zwischen West und Ost, Geist und Körper. Die Veröffentlichung der Ergebnisse der von der John Templeton Foundation finanzierten Studie, die eigentlich schon für 2002 geplant war, hatten mehrere wissenschaftliche Zeitschriften abgelehnt, bis sie nun das American Heart Journal publizierte. Viele Wissenschaftler sind gegenüber einer solchen wissenschaftlichen Untersuchung von Gebeten kritisch, weil sie davon ausgehen, dass sich dies wissenschaftlich nicht nachweisen lässt oder Auswirkungen mit den bekannten Placebo-Effekten gleichzusetzen sind.

Ein Grund für die Aufmerksamkeit ist wohl auch der, dass Benson schon lange die These vertreten hat, dass Gebete der Gesundheit und dem Wohlbefinden förderlich seien und er auf diesem Gebiet ein Guru ist, der auch sagt, dass der Mensch so verdrahtet sei, dass er an Gott glauben muss (zumindest wenn es ihm gut gehen soll). Eines seiner letzten Bücher heißt programmatisch: „The Breakout Principle : How to Activate the Natural Trigger That Maximizes Creativity, Athletic Performance, Productivity, and Personal Well-Being“. Benson hatte schon Ende der 60er Jahre begonnen, die Wirkung von Meditation zu untersuchen und stand damals in der Nähe der Transzendentalen Meditation des Maharishi Mahesh Yogi, was die Einnahmen der Gruppe natürlich steigen ließ. Später wandte er sich jüdischen und christlichen Gebeten zu und behauptet Mitte der 70er Jahre, dass die wiederholende Struktur der Gebete, Mantras ähnlich, für die Entspannung (elaxation response) gut sei und die Gesundheit fördere. Die Wirkung sei bei Gebeten allerdings größer, als wenn die Menschen nur bedeutungslose Worte sprechen. Das wurde dann von ihm „faith factor“ genannt, den er nun in allen religiösen Richtungen und überjaupt in spirituellen Zuständen suchte.

Für die Studie wurden zwischen 1998 und 2000 1.800 Patienten an sechs Krankhäusern nach einer Bypass-Operation beobachtet. Überprüft werden sollte, ob sich fürsprechende Gebete auch ohne Wissen von denjenigen, für die gebetet wird, als wirksam erweisen. Dazu wurden die Patienten in drei etwa gleichgroße Gruppen aufgeteilt. Der ersten Gruppe wurde gesagt, dass für sie gebetet werde, die zweite Gruppe, für die gebetet wurde, informierte man, dass für sie möglicherweise gebetet würde, für die dritte Gruppe wurde nicht gebetet, was ihnen auch gesagt wurde. Bei den Gebeten, die von katholischen und evangelischen Gruppen ausgeführt wurden, mussten die Vornamen und die Initialen der Nachnamen genannt werden, die via Fax mitgeteilt wurden. Während des Gebets musste nur der Satz: „für eine erfolgreiche Operation mit einer schnellen Erholung und ohne Komplikationen“ gesagt werden, ansonsten war der Text nicht festgelegt. Beginnend mit dem Abend vor der Operation wurde zwei Wochen lang für die Patienten gebetet.

Beobachtet wurde bei den Patienten der Genesungsprozess im Verlauf von 30 Tagen nach der Operation. Danach ließen sich keine Unterschiede zwischen den Patienten feststellen. Bei 59% von denjenigen, für die gebetet wurde, ergaben sich jedoch Komplikationen, während dies nur bei 51% derjenigen der Fall war, für die nicht gebetet wurde. Möglicherweise, so eine Vermutung der Wissenschaftler, erhöht das Wissen, dass für sie gebetet wird, die Ängstlichkeit der Patienten. Allerdings könnte man auch einwenden, wie in der New York Times „Experten“ angeführt werden, dass man mit einer solchen Studie nicht den Einfluss von Gebeten ausschließen kann, die Verwandte, Freunde oder Unbekannte direkt oder indirekt für Kranke machen. Dieses Hintergrundrauschen lässt sich nicht ausschließen und würde, wenn man es für zulässig hält, jeden Beweis und jede Falsifikation unmöglich machen.

Das Ergebnis der Studie ist wohl weiterhin, dass jeder glauben kann, was er will, zumal sie nur fürsprechende Gebete von Unbekannten, nicht aber von Freunden oder Verwandten betraf. Skeptiker gibt es daher nicht nur bei den Wissenschaftlern, sondern auch bei den Gläubigen, die umgekehrt ihre Grenzen ziehen und etwa sagen, dass Wissenschaft nicht Gottes Macht erfassen kann. Len Plazewski von der Catholic Diocese of St. Petersburg weist noch auf eine andere Alternative hin, die über den naiven Glauben hinausgeht, aber gleichfalls alles offen hält:

Gebete und besonders fürsprechende Gebete bitten Gott um etwas. In Wirklichkeit ist „Nein“ auch eine Antwort.

(Florian Rötzer)

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