"Think you have a Poltergeist? Or is it the pipes?"

Ghost Hunting Groups in den USA und in Deutschland

Durch die technischen Möglichkeiten moderner Netzwerkmedien ist es leicht wie nie, verschiedene Personen zu sozialen Gruppierungen zu vernetzen, Interessen und Wissen auszutauschen und sich öffentlich darzustellen. Ein besonderes Beispiel derartiger medial gestützter sozialer Gruppierungen sind die so genannten Ghost Hunting Groups, die sich nach eigenem Bekunden der Untersuchung von vermeintlichen Geisterphänomenen und Spukschauplätzen mit Hilfe diverser technischer Mess- und Aufnahmegeräte widmen. In den letzten Jahren wurden vor allem in den USA eine ganze Reihe dieser Gruppen gegründet, sodass man von einer ganzen "Geisterjäger-Szene" sprechen kann. Auch in Deutschland gibt es mittlerweile einige Ghost Hunting Groups, die sich stark an die amerikanischen Vorbilder anlehnen, aber auch interessante Unterschiede aufweisen. Die zunehmende Verbreitung dieser Gruppierungen ist aus wissenschaftssoziologischer und psychologischer Perspektive kritisch zu bewerten.

Was ein Geisterjäger im technischen Zeitalter so alles benötigt. Screenshot vom Shop der Website Ghostvillage.com

Samstag, am späten Nachmittag: Anja, Kevin, Leon, Sabine und Ulrich1 prüfen noch einmal die Funktion der Videokameras und Fotoapparate, der Audioaufnahme-, Magnetfeld- und Temperaturmessgeräte, der Taschenlampen und Stirnlampen sowie verschiedener anderer technischer Apparaturen, bevor die Geräte in die eigens dafür angefertigten Hartschalenkoffer verpackt werden. Der Akku des Laptops ist frisch aufgeladen, ebenso der Ersatzakku. Topografische Karten sowie Lagepläne in zweifacher Ausführung sind schon im Van verstaut, in den nun auch die Instrumentenkoffer geladen werden. Schließlich ist alles bereit und man kann endlich los.

Es wird auch langsam Zeit, denn die Gruppe will rechtzeitig die alten Gemäuer der Burg erreichen, um sich noch vor Einbruch der Dunkelheit einen Eindruck von der Anlage und der näheren Umgebung zu verschaffen. Obwohl es nicht das erste Mal ist – obwohl man also schon einige ähnlich gelagerte Einsätze hinter sich hat, herrscht eine gewisse Spannung und leichte Nervosität: Kommt man in dieser Nacht zu interessanten Ergebnissen? Gelingt es, reiche "Beute" mit nach Hause zu bringen? Hat sich schließlich der doch erhebliche Aufwand über den Thrill hinaus, den der Einsatz allein schon mit sich bringt, gelohnt? Immerhin hatte man im Vorfeld historische Recherchen angestellt und die volkstümlichen Geschichten, die sich um das Zielobjekt ranken, analysiert, um schon eine Ahnung davon zu bekommen, wie die "Beute" aussehen könnte.

So ähnlich kann man sich die Situation in einer der sich in den letzten beiden Jahren vermehrt gebildeten Ghost Hunting Groups (GHGs) vorstellen, während sie im Begriff ist, ihrem etwas seltsamen Hobby nachzugehen.

Was man auf den ersten Blick als eine – vielleicht etwas bizarre – neue Modeerscheinung ansehen mag, birgt bei einer genaueren Analyse einige beachtenswerte Aspekte, die zur Reflexion anregen, spiegeln sie doch ein nicht unproblematisches Verhältnis von Globalisierung und sozialer Vernetzung, Medienspektakel, Technikfaszination und Wissenschaftsverständnis wider. Ohne die Möglichkeiten des Internets als Plattform für soziale Vernetzung und Wissensaustausch, aber auch von kulturell geprägten Modellen und Matrizes ist eine Entwicklung wie die der Ghost Hunting-Szene in der aktuellen Form nicht denkbar.

Um einen Überblick über die Größe der "Ghost-Hunting-Community" zu bekommen, lohnt ein Blick auf die Seiten von ghostvillage.com, wo mittlerweile schon ca. 1000 verschiedene Gruppen von "Paranormal Investigators" aufgelistet werden. Ein wichtiger Einflussfaktor für das plötzliche Aufblühen der Ghost-Hunting-Szene in den USA, aber auch für die Struktur der GHGs, sind – neben der schon erwähnten extensiven Nutzung des Internets – einschlägige Medienangebote im Fernsehen und Kino, die Deutungsmuster, Formen und Inhalte für die GHGs vorgeben.

Schließlich spielt auch die Möglichkeit, die für diese Form der "Geisterjägerei" notwendigen technischen Geräte leicht und mit relativ geringem finanziellen Aufwand erwerben und bedienen zu können, eine wichtige Rolle. Kostengünstige oder freie Software zur Bild-, Audio- und Videobearbeitung ermöglicht auch technischen Laien einen unkomplizierten und oftmals nahezu professionellen Umgang mit den erhobenen Daten. Wie sich mittlerweile jedermann mit entsprechender Soft- und Hardware ein eigenes Tonstudio im Keller einrichten kann, kann auch das "wissenschaftliche Labor" in die häuslich-private Sphäre integriert werden.

Eine für die meisten GHGs charakteristische Hightech-Ausrüstung trägt dazu bei, eine gewisse Aura der Wissenschaftlichkeit zu erzeugen. So gehören Magnetfeld- und Temperaturmessegräte, Bewegungsmelder, Aufzeichnungsgeräte für akustische Signale, Video- und Fotokameras sowie Software und Hardware zur digitalen Speicherung und Bearbeitung der aufgezeichneten Daten zu Standardausrüstung einer GHG. Die beiden erstgenannten Geräte tragen dabei der Vorstellung Rechnung, dass sich bei dem Erscheinen von "Geistern" oder Spukphänomenen Magnetfeldschwankungen (EMF = electromagnetic field) bzw. Veränderungen der Umgebungstemperatur ("cold spots") zeigen. Vermeintlich unerklärliche Bewegungen auf Videoaufzeichnungen, "anomale Extras" auf Fotos und rätselhafte Geräusche auf Tonaufnahmen wie zum Beispiel Klopfgeräusche ("raps") und angebliche "Geisterstimmen" (electric voice phenomena) werden von den GHGs in der Regel als "Beweise" oder zumindest starke Indizien für die Existenz "paranormaler Aktivitäten" bzw. von Geistern und deren Anwesenheit am jeweiligen Untersuchungsort betrachtet.

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