Tief unten in Arkadien

Die Skandalnudel Pete Doherty war da und erwies sich dabei wieder mal als genialer Dilettant

Schon im Herbst 2006 hatten wir uns schon einmal in den Besitz von Karten gebracht, als wir hörten, dass Pete Doherty, die babygesichtige Skandalnudel des britischen Punkrocks, sein erstes Gastspiel auf dem deutschen Festland geben würde. Seinerzeit hatte er, nachdem er in Geldnot seinen Bandkollegen Carl Barât von den Libertines um etliche Gegenstände erleichtert und damit seinen Rausschmiss von der hoffnungsvoll gestarteten Britcombo provoziert hatte, gerade mit seiner neuen Band, den Babyshambles, zur Überraschung aller, „Down in Albion“ gezeugt. Einen „romantizistischen Kater“, wie ein Kollege der Berliner Zeitung damals über deren erstes Album treffend urteilte, das beim Anhören ebenso verkatert, verfixt, überdreht und versoffen klang wie der Kopf der Band seinerzeit schon zu leben pflegte.

Zwar kam es unseres Wissens noch zu einem Konzert in Köln, das katastrophal endete. Der Sänger, der in London-Heathrow von der britischen Polizei festgehalten worden war, absolvierte weit nach Mitternacht vor einer geduldig wartenden Menge im vollkommen derangierten Zustand seinen Gig. Doch aus den geplanten Auftritten in Berlin und München wurde dann nichts mehr, aus Unpässlichkeitsgründen, wie es offiziell hieß. Halboffiziell war jedoch zu hören, dass die Band den Manager der Tour wegen des dringenden Verdachts gefeuert habe, Zeugnisse von Pete’s Kokaingenuss bewusst der britischen Presse zugespielt zu haben.

Spätestens seit diesen Tagen, es war der 15. September 2005, war und ist Doherty bekannt wie ein bunter Hund, berühmter vielleicht als Prinz Harry und Joanne K. Rowling zusammen. Nicht nur auf der Insel, sondern weltweit. An jenem Tag hatte der „Daily Mirror“, eines der berühmt-berüchtigten britischen Klatschblätter, jenen Moment auf ihre Titelseiten gebannt („Cocaine Kate“), die Doherty im Plattenstudio gemeinsam mit dem fünf Jahre älteren Supermodel Kate Moss beim Schnupfen von Kokain zeigte. Fortan hatten die britischen Blätter, und nicht nur sie, ein neues Skandalpaar gefunden, das ein bisschen an die wilden Tage von Keith Richards und Anita Pallenberg, von Mick Jagger und Marianne Faithfull in den Swingin’ Sixties erinnerte. Aber da waren die Zeiten auch noch andere, die Massenmedien noch nicht so diversifizert und geil auf Affären und Skandale.

Seitdem vergeht für Doherty kaum noch ein Tag, an dem nicht irgendeine Agentur oder Zeitung genussvoll über einen seiner zahlreichen Fehltritte berichtet, über kreisende Crackpfeifen in Hinterzimmern und geplatzte Termine, über Verhaftungen oder mit Eigenblut beschriebene Hotelzimmerwände, über Reha-Aufenthalte in absurdteuren Klinken oder Magenimplantate, die er sich angeblich einpflanzen ließ, um seine Sucht einzudämmen. Ausführlichst berichteten die Medien über die „amour fou“ des Paares, über diverse Ultimaten, Trennungs- und Versöhnungsdramen des Models und des Sängers. Sie zahlten Unsummen für verfängliche Fotos, Filme oder Videos an Paparazzi, die „La Belle er la Bete“ beim Liebesspiel, beim Erbrechen oder beim Drogenmissbrauch ablichteten.

Für die ebenso bleichgesichtige wie schmalbrüstige Ikone des „Cool Britannia“, die einst den „Heroin Chic“ der 1990er kreieren half, schien die Beziehung mit Doherty das vorzeitige Karriereende zu bedeuten. Alle Modefirmen, die vormals mit ihrem Gesicht und ihrem Körper warben, Chanel, H&M oder Burberry, wollten oder konnten dem bunten Treiben der Königin des britischen Lifestyles nicht mehr länger zusehen und kündigten ihre Verträge mit ihr. Es dauerte Monate, währenddessen sie eine längere Entziehungskur in der Meadows-Klinik in Arizona hinter sich bringen musste, bis die Modewelt sie wieder in Ehren aufnahm und sie die Cover der Vogue und anderer großer Magazine zieren durfte.

Im Nachhinein weiß ich nicht mehr genau, was uns seinerzeit bewegt hat, uns Konzertkarten zu besorgen. War es nur popkulturelles Interesse oder auch die pure Neugier des Chronisten, Zeuge einer „kulturellen Bewegung“ zu sein, wie es das Mutterland des Rock’n’Roll seit den seligen Tagen von Oasis nicht mehr erlebt hat? Oder war es doch einfach die Lust am voyeuristischen Sehen, der Wunsch, denjenigen leibhaftig auf der Bühne zu erleben, der seit Monaten vorgeführt und wie ein Nasenbär schnupfend, kotzend und rumpelnd durch den Boulevard gezogen wurde. Denn Fans oder gar Liebhaber seiner Songs waren wir bislang eher unbedingt. Dafür waren sie uns zu unfein, roh und kantig und, vor allem, produktionstechnisch unausgegoren und viel zu übersteuert. Dies galt im Übrigen auch für die „Libertines“, die Anfang des neuen Jahrtausends von den Kritikern gnadenlos überschätzt worden waren, als man sie zur Neugeburt oder Revival des Punkrocks erklärt und als britische Antwort auf den achtziger Gitarrenrock der Strokes gefeiert hatte.

Zwar zeigte sich Doherty als durchaus akzeptabler und begabter Songschreiber, der vor allem bei Frauen wegen seines pausbäckigen Aussehens punkten und dort evolutionsbedingt schlummernde Muttergefühle auslösen kann. In außergewöhnlicher Weise verstand er es, in seinen Texten die dunklen Seelen von William Blake, Arthur Rimbaud und vor allem Joris-Karl Huysmans mit den Sex, Drugs and Rock’n’Roll-Mythen eines Ray Davies’, Joe Strummer’s oder Morrissey’s zu verbinden. Es hatte den Anschein, als ob hier die Todessehnsucht und melancholische Dekadenz, die das Fin de siècle charakterisierte, auf die fortgesetzten Selbstexzesse der mythischen Popgestalten des ausgehenden zwanzigsten Jahrhunderts trafen. Doch beschlich uns beim Hören der Songs immer auch das leise Gefühl, als ob sich Doherty mit Gesang und seinem technisch unausgereiften Gitarrenspiel einfach das falsche Metier ausgesucht habe, um sich anderen mitzuteilen oder die expressiven Seiten seiner Seele auszuleben. Gäbe es eine Rangliste der falschesten Töne, die jemals auf einen Tonträger gepresst worden sind, dann stünden die Dohertys sicherlich ganz weit oben.

Mit diesem Widerspruch, den Peter Gente und Heidi Paris vom Merve Verlag einmal in den paradoxalen Begriff des „genialen Dilettanten“ gekleidet haben, findet sich jeder konfrontiert, der sich seine Songs zu Gemüte führt, die der Sänger eine Zeitlang zur Freude seiner Fangemeinde haufenweise zur Verfügung gestellt und kostenlos auf einer Webseite zum Downloaden feilgeboten hat. In ihnen wird der Hörer fast immer Spuren und Anflüge von Genialität finden, die im nächsten Moment sofort und in linkischer Art von einem Hang zur Schlampig- und Schludrigkeit abgelöst oder zerstört werden.

Es mag den einen oder anderen Popkritiker geben, der gerade in dieser Skizzenhaftigkeit, Unfertigkeit, Zerfahrenheit und Rohheit jene Authentizität des Rock wiederentdecken will, die sich diametral vom sorgsam gepflegten Zynismus der Branche unterscheidet, der nur das an die Öffentlichkeit kommen lässt, was vorher mehrmals und ausgiebig gebrieft worden ist. Einen gewissen Charme hat das durchaus, vielleicht auch den des Morbiden, den man Doherty gerne andichtet. Und möglicherweise erfüllt der artiste maudite damit auch die Sehnsucht vieler Puristen des Rock’n’Roll, die nach Balsam für ihre geschundenen Seelen suchen und ständig von der Einheit von Kunst und Leben, von Musik und Politik träumen. Auf Dauer wirkt das Gejammere und bloße Dengeln auf den Gitarren aber eher ärgerlich und nervtötend für die Ohren des Hörers – genauso wie übrigens die bisweilen überaus miese Ton- und Aufnahmequalität.

Ob das Chaos, das er dabei hinterlässt, nur an seinem überstark ausgeprägten Freiheitswillen liegt, der ihn am ausführlichen Üben und Feilen an den Songs hindert, wie seine Kollegen, der Drummer Ficek und der vormalige Gitarrist Walden, versichern; ob nur sein flatterhaftes Wesen daran schuld ist, das sich mehr von Stimmungen als von Selbstkontrolle, Liebe zum Detail oder Wunsch nach Perfektion treiben lässt; oder ob es Mick Jones, dem ehemaligen Mitglied und zweiten Songwriter der Clash und Produzent von Platten und Band, einfach nicht gelingt, Dohertys Potential, Begabung und Talent in vorzeigbare Produkte zu bündeln und ihn zu mehr harter Arbeit, Schliff und Gradlinigkeit zu animieren, ist schwer zu sagen. Vermutlich wird es eine Mischung aus allen dreien sein, die dem Hörer bislang das Gefühl gegeben hat, einem von Journalisten geschickt beförderten musikalischen Medienhype aufzusitzen.

Anders ist es sonst nicht zu erklären, warum eine so fragmentarische, teilweise desaströse und zur Hälfte nahezu unhörbare Scheibe wie „Down in Albion“ in dieser Form jemals die Pforten des Studios verlassen und die Ohren der Öffentlichkeit erreichen konnte. Lichte Momente wie das fantastische „Albion“ oder das herrlich lakonische „Back From The Dead“ ändern an dieser Einschätzung wenig. Auch die danach rasch auf den Markt geworfene EP „The Blinding“, die zwar klanglich und technisch eindeutig besser produziert war, aber nicht gerade durch Spiritualität und Einfallsreichtum glänzt, ließ alsbald sogar die große Anzahl seiner Bewunderer ratlos zurück und endgültig an seiner Begabung zweifeln.

Umso überraschender mutet es an, dass die „Kleinen Chaoten“, wie man den Namen der Band übersetzen könnte, Ende September letzten Jahres, fast unbeobachtet von der Öffentlichkeit, mit „Shotter’s Nation“ ein ebenso spektakuläres wie grandioses Album aus dem Ärmel gezaubert haben. Wie die Band das trotz all der Affären, Skandale und Drogenexzesse um Doherty geschafft hat, wird für Außenstehende vermutlich ein ewiges Geheimnis bleiben. Statt eines solchen fulminanten Neustarts hatte man eher befürchtet, dass Doherty entweder Sid Vicious oder Keith Moon nachfolgen oder wie Syd Barrett, David Crosby oder Shaun Ryder als geistiges Wrack enden würde. Längst lagen wie im Falle Amy Winehouse oder Britney Spears, bei denen man sich auch wundern muss, wie sie trotz ihres ebenso unsteten wie verlustreichen Lebenswandels großartige Werke haben vorlegen können, auch über ihn Nachrufe in den Schubladen der großen Agenturen und Zeitungen, die nach seinem Ableben auf ihr Erscheinen warteten (Amy und Britney, Szenen der Selbstzerstörung).

Doch genau das Gegenteil scheint der Fall. Gewiss klingt "Shotter’s Nation" immer noch brüchig und fragmentarisch, es franst ab und an aus oder wird von falschen Tönen durchzogen. Anders als das Debut wirkt es aber ungemein rau und frisch, melodiös und harmonisch, es ist von vorne bis hinten exakt durchkomponiert, nicht nur dynamisch im Spannungsaufbau und Spannungsbogen, sondern auch wohldosiert mit einfühlsamen, harten und rotzigen Elementen und, für Babyshambles-Verhältnisse, technisch einwandfrei produziert.

Man kommt nicht umhin, vor dem den Hut zu ziehen, was der neue Produzent Stephen Street, der unter anderem Morrissey und Blur betreut hat, aus der Band herausgeholt hat. Ihm ist es gelungen, Dohertys Potential auszureizen. Auch, indem er mit alten Gewohnheiten und Traditionen, auf denen die Band versessen schien, gebrochen hat. Bloße Kinks- und Clash-Anleihen gehören danach endgültig der Vergangenheit an. Der rigorose Verzicht auf Ska-Elemente, die Doherty so liebt, sowie die Einarbeitung klassischer Indie-Elemente, wie sie einst für die Musik der Pavement stilbildend waren, wirken richtiggehend befreiend auf die Band. Jetzt rumpelt, poltert und schrammelt es tatsächlich sympathisch frech dahin, ab und an zwar immer noch schräg, aber längst nicht mehr unangenehm die Ohren des Hörers traktierend. Im Gegenteil, je öfter man die zwölf, allesamt großartigen Songs hört, desto mehr lernt man sie schätzen und lieben.

Schon die ersten Töne, eine jaulendes Zwiegespräch zwischen der beiden Gitarristen Doherty und Whitnall, ziehen den Hörer in seinen Bann. Vor allem, wenn sich gleich danach die Stimme Dohertys über die dreckigen Riffs legt, die nicht mehr kränkelt und beißt, sondern nun stimmlich gehoben und geglättet, abgemischt und dem Sound angepasst erscheint, und von den allseits bekannten Hauptthemen künden, den Trugbildern des Ruhm und der Prominenz, der Vergänglichkeit des Lebens, der Liebe und dem Drogenrausch. Das ist gewiss nicht neu. Schrecken und Schönheit, Elend und Reichtum, hedonistische Verschwendung und materialreicher Verlust – all das war und ist auch vorher in all den Songs präsent gewesen. Doch diesmal passt endlich auch der Sound zum Text, der Punk zum Inhalt, die Riffs zum Gesang. Sie verleihen dem Schlaf der Vernunft, der vom Selbstverlust träumt und sich dem exzessiven Selbstgenuss hingibt, eine eigentümliche, bislang unbekannte Eleganz.

Man durfte daher also gespannt sein, was die Band bei ihrem zweiten Ausflug auf das Festland diesmal bieten würde, nachdem ihr ein solches Meistwerk aus der Hand geflutscht ist. Wird die Band ihre Termine einhalten? Wird es wieder Absagen hageln? Oder wird Doherty nach einer halben Stunde doch wieder die Lust am Musizieren verlieren?

Die Berichte über die Gigs in Berlin (Pete Doherty predigt den jubelnden Massen; Sexy strapaziert; Vergiss die Ewigkeit; Gutes Ende langweilt nicht), in Köln (Zu Kopfe steigen Ruhm und Schmerz) oder Zürich (Sie waren da, wir waren weg), klangen durchweg ermutigend, mitunter sogar euphorisch. Trotz der einen oder anderen Unzulänglichkeit, die die Kritiker ausfindig gemacht haben wollten, hatte es den Anschein, als ob wenigstens der Termin in der seit Wochen restlos ausverkauften Tonhalle in München stattfinden würde.

Und in der Tat überraschte der Künstler Fans, Beobachter und Publikum mit einer bislang nie bekannten Pünktlichkeit. Kurz vor halb zehn, als die vorwiegend jungen Fans sich noch ausgelassen mit ihren Kumpels unterhielten, sprang Doherty unvermittelt ganz in schwarz und ohne Union Jack, dabei immer noch den Ring von Kate Moss tragend, mit seinen drei Mitstreitern auf die Bühne, die ohne Videowand, Farbspiele oder ähnlichen Firlefanz, nur mit zwei Lampenschirmen und einem alten Kleiderschrank aus den miefigen 1950ern sparsamst dekoriert war. Er griff zur Rickenbacker, schaute rundum in den von zwei Scheinwerfern grell ausgeleuchteten Innenraum, nuschelte etwas Unverständliches ins Mikrofon und fing an, heftig in die Saiten zu dengeln. Wie auf Befehl begann die Menge bei den ersten Klängen und Gesangsteilen von „Carry On Up The Morning“ sofort zu pogen. Sie geriet außer sich und grölte lauthals die Refrains mit, ohne dass Doherty zunächst die Stimme erheben musste. Ein durchaus erhebender, Ästhetiker würde wohl gar von einem erhabenen Moment sprechen.

Als sich danach „Delivery“ anschloss, mit dem die Band an Allerheiligen einen gespenstischen, knapp vier Minuten währenden Auftritt bei den MTV-Awards in der Münchner Olympiahalle absolviert hatte, schien der Abend ein gutes Ende zu nehmen. Doherty schien gut drauf zu sein, auch wenn er um den Mikrofonständer taumelte, seinen ungekämmten Pilzkopf in die Höhe streckte und heftig mit seinen von tiefen Augensäcken gezeichneten Froschaugen rollte. Das Publikum dankte dem Babyface seine schmachtenden Blicke mit unzähligen Plastikbechern, die es als Zeichen seiner Freude und Verbundenheit mit dem Künstler auf die Bühne warf.

Als er zum zweiten Mal am Kopf getroffen wurde, konnte er nicht umhin, dem Publikum den Mittelfinger entgegenzustrecken. Nichtsdestotrotz harmonierte und kommunizierte er prächtig mit seinen Nebenleuten, die meist stoisch ihre Instrumente bearbeiteten, und trank dabei, wie die anderen auch, aus einem großen Becher, der wohl nicht ausschließlich mit Orangensaft gefüllt war.

Doch urplötzlich war es mit der musikalischen Spiellaune vorbei. Die Pausen zwischen den Songs wurden immer länger, das Konzert streckte sich. Erstes Gähnen machte sich breit. Nach einem guten Viertel, als Doherty sich animiert fühlte, jemandem vor der Bühne ein Autogramm zu geben, drohte das Konzert zwischenzeitlich sogar vollkommen abzuschmieren. Nur mit Mühe gelang es fortan der Band, die Spannung aufrecht- und das Programm durchzuhalten, was wohl ausschließlich an Dohertys Strahlkraft, seiner charismatischen Kraft und Stärke lag.

Deutlich wurde, dass die Band, zumindest aber Doherty und Whitnall, bis zu den Haarspitzen zugedröhnt waren. Der Festtagsstimmung der Fans tat das aber keinen Abbruch. Während sich in den hinteren Reihen bald einige Lücken auftaten, erkennbar hatten einige genug gesehen und gehört, waren sie dagegen bester Laune. Offensichtlich auch die Berichterstatterin der „Süddeutschen Zeitung“, die ebenso "genial neben der Spur" davon nichts bemerkt haben will.

Warum auch! Sie lieben ihren Pete, den sie für so sexy halten wie weiland den jungen Mick Jagger; sie verehren ihn kultisch und verzeihen ihm jeden Lapsus, den er begeht; und sie sind genügsam und schon mit einem Winken, einem Lächeln oder einen kleinen Gabe zufrieden zu stellen. Und sei es auch nur mit einer fürchterlichen Ska-Nummer oder das anscheinend unvermeidliche „Fuck Forever“ als Dreingabe, mit dem Doherty eine Hymne auf die Widersprüche der liberalen Gesellschaft des Westens gelungen ist. Nirgendwo wurde die extreme Diskrepanz, innerhalb derer sich Doherty bewegt, deutlicher als in diesem Moment: der scheußliche Krawall, den die Band produzierte, auf der einen, die lasziven und selbstvergessenen Bewegungen des Sängers auf der anderen Seite.

Noch deutlicher wurde Haltung und Einstellung des Publikums zu seinem Helden, als sich ein kleiner Teil der Fans nach dem Konzert vor der Garderobe des Künstlers versammelte. Dort, im ersten Stock, machte Doherty mit nacktem Oberkörper und einem vom anhaltenden Drogenkonsum mittlerweile pummelig geratenen Körper den Kaspar. Er öffnete und schloss immer wieder das Fenster mit grinsendem Gesicht, er posierte für die allgegenwärtigen Fotohandys, warf Kusshändchen, offene Wasserflaschen, Kekse und einen angebissenen Apfel in die Menge und schüttelte kräftig Hände, die sich ihm entgegenstreckten.

So gesehen erfüllte das Münchner Konzert genau die Erwartungen. „Fit wie ein Turnschuh“, wie Doherty sich im Vorfeld charakterisierte, sieht anders aus. Obwohl die Tontechniker vorzügliche Arbeit geleistet hatten, gelang es der Band nicht, ihr zweifellos vorhandenes Potential abzurufen und das Niveau ihrer Studioplatte auch nur annähernd zu erreichen. Stattdessen gab sie sich den allseits bekannten Akten der Selbstzerstörung hin. Ob sie mehr als bloße Posen waren, weiß man nicht so genau.

Die Masken, Schminke und Mimikry, mit der einst die Mythen und Legenden des Rock’n’Roll zugekleistert und ornamentiert worden sind, sind längst auf dem Müllhaufen der Geschichte zu bewundern. Genau das macht die Großartigkeit des Films von Anton Corbijn aus. In „Control“ werden weder neue Legenden gestrickt, noch wird das Leben von Ian Curtis, des Sängers von Joy Division, verklärt oder beschönigt. Ungeschminkt wird der graue Alltag des Rockstars geschildert, seine Sorgen und Nöte in realen Farben gemalt und mit dem Mythos des „Lebe wild und gefährlich“ gründlich aufgeräumt.

Was im Gedächtnis bleiben wird, ist jener wehmütig-sehnsüchtige, von trauriger Morbidität gezeichnete Blick, mit dem Doherty frei von allen Starallüren halb belustigt, halb entrückt auf seine mal wild kreischende, dann wieder laut johlende Fangemeinde hinunterblickte. In ihm, so kam es uns vor, schien sich Albion zu spiegeln, jenes Arkadien, das er tief unten in seiner Seele vermutet und das von seiner unkündbaren Liebe zur Musik kündet. Sie kann und wird ihm niemand nehmen. Nur der Tod. (Rudolf Maresch)

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