Tische als Schutz vor Terroranschlägen

New York hat einen neuen Notfallratgeber mit einigen erstaunlichen Expertenhinweisen herausgegeben

Nach dem 11.9. herrschte eine Mischung aus Angst vor weiteren Anschlägen und einem Gefühl der Notwendigkeit in den USA, durch bessere Informationsbeschaffung, Sicherung und Überwachung weitere Anschläge zu verhindern oder zumindest, wenn ein Attentat gelingen sollte, sich darauf vorzubereiten, um die Schäden zu minimieren. Die US-Regierung beutete die Angst aus, um mit der Unsicherheit ihre kriegerische Politik nach außen und die Sicherheitspolitik nach innen durchzusetzen. Anstatt Freiheit hieß es eher "Be prepared". Die von Behörden veröffentlichen Hinweise zur Vorbereitung für mögliche Terrorkatastrophen sind manchmal auch, wie jetzt wieder New York zeigt, unfreiwillig komisch.

Die Politik der Bush-Regierung erinnert nicht nur an den Kalten Krieg, sie versucht die Politik des Kalten Kriegs wiederzubeleben, schließlich stammen wichtige Regierungsmitglieder dieser Zeit, viele sind bereits unter Reagan in die Politik gekommen. Nur die Feinde, die Bedrohung und die Bekämpfung haben sich verändert. Das einstige "Reich des Bösen" hat sich pluralisiert in eine "Achse des Bösen", die politische und wirtschaftliche Ideologie des Kommunismus wurde vom Islamismus abgelöst, Feinde stammen zwar aus dem Islamischen Umfeld haben sich aber über die ganze Welt verbreitet und auch die USA infiltriert. Und das Szenario des Atomkriegs zwischen Ost- und Westblock hat sich verwandelt in eine terroristische Bedrohung durch Massenvernichtungswaffen.

Die im Kalten Krieg kultivierte Angst vor einem Atomkrieg war natürlich ebenso wenig irrational wie die heute verbreitete Angst vor einem Terroranschlag. Die Amerikaner hatten bereits in Hiroshima und Nagasaki vorgeführt, was Atombomben bewirken können, mit dem Wettrüsten konnte im Prinzip jeder Konflikt, wie etwa die Kuba-Krise gezeigt hat, zu einem Auslöser werden. Auch damals gab es mitunter rührende Hinweise zum Selbstschutz, falls eine Atombombe abgeworfen wird. Der notorische Bunker mit allem Notwendigen, um sich für einige Zeit unter Erde zu halten, war nur das Schwergewicht. Empfohlen wurden auch Betonmauern um das Haus, Asbestbeschichtung an den Wänden von Fabriken oder beim Neubau der Verzicht auf Ziegel und die Reduzierung von Fensterflächen. Sonnenbrillen zum Schutz der Augen, Aktentaschen zum Schutz des Gesichts, Einrollen auf dem Boden, der Sprung hinter eine Mauer oder unter einen Tisch wurden als Mittel empfohlen, die ersten Folgen einer Explosion abzumildern.

So ganz anders schauen die Selbstschutzmaßnahmen heute auch nicht in dem Land aus, in dem noch anderthalb Jahre nach den Anschlägen vom 11.9., auf die keine weitere Attacke erfolgt ist, von der Regierung die Warnstufe weiterhin auf "gelb" oder "erhöht" gehalten wird, was bedeutet, dass es eine "ernsthafte Gefahr terroristischer Angriffe" gibt, die Behörden zu erhöhter Wachsamkeit aufgerufen sind und umfassende Notfallpläne vorhanden sein sollen. Das neue Heimatschutzministerium rechtfertigt so immerhin seine Existenz, die mit der Beschneidung zahlreicher Bürgerrechte einherging. Auf den zwei untersten Sicherheitsstufen war die Warnung noch nie. Vorgesehen ist auch nur die Stufe "gering", was nur bedeuten kann, dass eine Gefahr nie ganz ausgeschlossen werden kann (und soll).

Schon bei der "Are you Ready"-Kampagne des Heimatschutzministeriums (Name, Adresse und Spezialmenüs), die zur Sensibilisierung der Menschen für den Feind kurz vor dem Irak-Krieg durchgeführt wurde, wurde beispielsweise geraten, zur Vorsorge für einen Angriff mit Massenvernichtungswaffen einen Raum einzurichten und diesen mit Plastikfolien und Klebeband abzudichten (Are you ready?). Nachdem dieser Vorschlag zu einem Ausverkauf von Klebebändern und einige Spötteleien geführt hat, wird in New York nur noch vom Schließen der Türen und Fenster gesprochen. Dafür aber gibt es wieder den Tisch, unter den man sich bei einer Bombenattacke in einem Haus flüchten soll.

Am letzten Donnerstag veröffentlichte New York den Ratgeber Ready New York: A Household Preparedness Manual, in dem den Bürgern empfohlen wird, wie sie sich bei allen denkbaren Katastrophen verhalten sollen. Terrorangriffe stehen dabei natürlich im Mittelpunkt. Das erste solche Handbuch wurde übrigens 1960 herausgegeben. In New York hält das Heimatschutzministerium die Risikogefahr noch immer für "hoch", es wird also weiter unter dem "code orange" gelebt, weswegen ein Notfallratgeber unabdingbar ist. Wie Bürgermeister Michael Bloomberg im Vorwort betont, ist der Ratgeber, der über das Internet und mit 500.000 Druck exemplaren unters Volk gebracht wird, das Ergebnis der Zusammenarbeit von 20 Behörden und Institutionen. Auch wenn die Stadt hart daran arbeite, um auf Notfälle vorbereitet zu sein, müssten doch die Bürger auch etwas zu ihrem eigenen Schutz leisten:

Alle New Yorker sollten ihren Nutzen an dieser wertvollen Informationsressource ziehen.

Da gibt es die üblichen Checklisten, was man alles Zuhause haben sollte, also beispielsweise Trinkwasser in Flaschen, die bekannten Dosen mitsamt Öffner, Taschenlampen, Radio, eine Pfeife, Jodtabletten usw. Höchst informativ ist natürlich der Rat, in Häusern Schutz zu suchen, wenn etwas, z.B. radioaktive Kontamination, draußen passiert, während man diese verlassen soll, falls etwas in diesen geschieht. Bei Winterstürmen wird geraten, sich warm anzuziehen, bei Stürmen, sich nicht in der Nähe von Bäumen aufzuhalten, bei Hitzwellen, nicht in die Sonne zu gehen und sich im Schatten aufzuhalten. Bei 11/9-ähnlichen Vorkommnissen wird empfohlen:

Wenn Gebäude zusammenstürzen oder explodieren, verlassen Sie diese so schnell und ruhig wie möglich. Wenn Sie das Gebäude nicht verlassen können, gehen Sie unter einen stabilen Tisch oder einen Schreibtisch.

Den "Thoughts about Terrorism" wird eine Seite des Ratgebers gewidmet. So soll man sich über eine Situation möglichst aus "mehreren verlässlichen Quellen" wie von der Regierung oder den Medien informieren. Immerhin wird dazu aufgerufen, dabei kritisch zu sein, was aber wohl die verlässlichen Quellen nicht betrifft. Gerüchte soll man nicht verbreiten und auch von Fremden keine Pakete annehmen. Briefe sind nicht nur dann verdächtig, wenn auf ihnen Puder zu sehen ist, sondern auch wenn die Adresse mit der Hand geschrieben wurde oder Fehler enthält. Und wenn man eine Bombenbedrohung erhält, soll man möglichst fragen, wann die Bombe hoch geht, wo sie ist und wie sie aussieht.

Da Katastrophen normalerweise "emotionalen Stress" hervorrufen, raten die Experten, mit anderen Menschen zu sprechen, weil das eine "gute Medizin" ist, wichtig sei ebenfalls, gut zu essen, Sport zu treiben und viel zu schlafen. Und für die Haustierbesitzer gibt es auch noch dafür Tipps, zumal im Falle einer Evakuierung diese nicht mitgenommen werden dürfen. Man soll sich also erkundigen, wer das Tier im Ernstfall aufnehmen würde, und dafür einen "Pet Survival Kit" vorbereiten. Dazu gehört nicht nur Futter, Wasser, Schüsseln, Leine oder ein Käfig, sondern auch eine Foto des Tieres sowie Plastikbeutel, um deren Hinterlassenschaften wegzuräumen. (Florian Rötzer)