Tod auf der Schnellstraße

Warum starb Jeremiah Duggan? Fragen zu einem angeblichen Selbstmord am Rande einer Veranstaltung der LaRouche-Polit-Sekte

In Wiesbaden fahren Schnellzüge und es gibt den Rhein und den Main Warum sollte jemand mit Selbstmordabsichten kilometerweit über eine Schnellstraße rennen, um sich dann nicht etwa vor einen Lastwagen zu werfen, sondern vor einen Kleinwagen zu laufen? Das ist nur eine von vielen offenen Fragen zu einem angeblichen Selbstmord am Rande einer Veranstaltung der LaRouche-Polit-Sekte.

Der 22jährige Brite Jeremiah Duggan, - Französisch-Student an der Pariser Sorbonne - engagierte sich Anfang des Jahres in Paris gegen den Irak-Krieg. Und geriet so in Kontakt zum französischen Ableger der international tätigen LaRouche-Organisation, einer rechten Polit-Sekte um den vorbestraften US-Bürger Lyndon LaRouche. Hierzulande tritt die LaRouche Gruppierung vor allem in Wahlkämpfen in Erscheinung. LaRouche-Leute kandierten nacheinander als "Europäische Arbeiterpartei" (EAP), "Patrioten für Deutschland" und in den letzten Jahren als "Bürgerrechtsbewegung Solidarität" (BüSo) für Bundestag und Europa-Parlament. In Fußgängerzonen stehen ihre Abgesandten oft mit der Zeitung "Neue Solidarität"oder mit Plakaten des "Schiller Instituts", einer weiteren Gruppierung dieser internationalen Organisation.

Um etwas gegen den Irak-Krieg zu unternehmen, reiste Jeremiah Duggan mit seinen neuen - vermeintlich politischen - Freunden zu einer Anti-Kriegskonferenz des Schiller-Instituts ins hessische Bad Schwalbach. Eine Schlafstätte fand er gemeinsam mit anderen Konferenzteilnehmern, im Haus der seit Jahren in verschiedenen LaRouche-Organisationen tätigen Familie Apel. Es sollte seine letzte Reise sein - Jeremiah Duggan wurde am 27. März 2003 morgens gegen 6.00 Uhr auf einer Schnellstraße überfahren, wo er zu Fuß unterwegs war. Er lief - angeblich in Selbstmordabsicht - direkt vor einen Pkw, nachdem er etwa eine Viertelstunde zuvor schon einmal vom Rückspiegel eines anderen Pkws erfasst worden war Wie und warum Duggan überhaupt auf die Schnellstraße kam, ist bisher ungeklärt. Doch für Polizei und Wiesbadener Staatsanwaltschaft handelt es sich um einen klaren Fall von Selbstmord.

Jeremiah Duggan hatte vor seinem Tod panische Angst. Auf der Tagung des Schiller-Instituts, an der er den Tag über teilgenommen hatte, war gegen Juden gehetzt worden. Jeremiah Duggan hatte dort öffentlich bekannt, dass er Jude sei. In der folgenden Nacht bekam er große Angst, wollte nur noch weg. Kurz nach 4.00 Uhr morgens rief er seine Freundin Maya in Paris an, sprach von großen Schwierigkeiten, in denen er stecke. Seiner Mutter in London sagte er in dem Telefonat sinngemäß: "Mutter ich bin in sehr großen Schwierigkeiten, ich will weg hier, das ist zu viel für mich, ich will weg hier."

Warum Jeremiah plötzlich so große Angst hatte, ist unklar. Wenige Stunden nach diesem verzweifelten Anruf kam er ums Leben. Die Polizei stützte sich bei ihren Ermittlungen im wesentlichen auf Aussagen der Angehörigen des zur LaRouche-Organisation gehörenden "Schiller Instituts".

Den Aussagen des ebenfalls bei der Familie untergebrachten Sebastian Drochon zufolge hatte Jeremiah in der Nacht vom 26. zum 27. März nicht geschlafen, klagte über Angstzustände und habe die ganze Nacht mit einem anderen jungen Konferenzteilnehmer, mit dem er gemeinsam bei der Familie übernachtete, politisch diskutieren wollen. Gegen 5.15 Uhr habe Jeremiah vor dem Haus eine Zigarette rauchen wollen und den Gesprächspartner Sebastian Drochon gebeten, mit vor das Haus zu gehen. Als Sebastian Drochon das Licht einschalten wollte, habe er irrtümlich die Klingel gedrückt. Daraufhin sei Jeremiah Duggan in Panik aus dem Haus gerannt. Drochon sei ihm gefolgt, habe ihn aber nicht mehr erreichen können. Soweit die Schilderung des Zeugen nach Aussagen eines Anwalts, der Einblick in die Akten hatte. Drochon habe die Geschäftsführerin des Schiller-Instituts, Ortrun Kramer, informiert.

Diese Darstellung der LaRouche-Leute wurde seitens der Polizei nicht weiter hinterfragt. So fand nicht einmal eine ordentliche Zeugenvernehmung des Sebastian Drochon statt. Dabei gibt es zahlreiche Ungereimtheiten. So geht aus den Unterlagen der Polizei beispielsweise hervor, dass Frau Ortrun Kramer sich im Besitz des Reisepasses des Verstorbenen befand und diesen Pass auch der Polizei später aushändigte, während sich Duggans andere persönliche Gegenstände an seinem Schlafplatz, also bei der Familie Apel befanden.

Die Ehepaare Apel und Kramer gehören seit vielen Jahren zum LaRouche-Netzwerk. Rainer Apel war in den frühen 80iger Jahren Mitarbeiter des LaRouche- Nachrichtenmagazins "Executive Intelligence Review" (EIR) und gehörte zu den Gründern des "Schiller-Instituts", welches sich damals für Strahlenwaffen und mehr Kernkraftwerke einsetzte. In Broschüren dieses Instituts wurde gewarnt, "

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Ursula Apel, in deren Wohnung Duggan übernachtete, kandierte 1998 für die von Helga Zepp-LaRouche, der Ehefrau des Lyndon LaRouche, angeführte "Bürgerrechtsbewegung Solidarität" für den Bundestag. Wie kam Frau Kramer in den Besitz des Passes? Mussten alle - nach Angaben des Schiller-Instituts über 500 Konferenzteilnehmer ihre Pässe bei Frau Kramer abgeben? Für Veranstaltungen einer LaRouche Organisation wäre dies nichts Ungewöhnliches. Deren Mitglieder zeigen oftmals einen regelrechten Sicherheitswahn, bei früheren Veranstaltungen des Schiller-Instituts wurde kontrolliert wie am Gerichtseingang bei einem Mafiaprozess.

Gleichzeitig ist diese Gruppierung spezialisiert auf Psychoterror. Ein prominentes Opfer ihrer ständigen Anfeindungen und ihres Psychoterrors war die damalige Grüne Bundestagsabgeordnete Petra Kelly. Selbst bei privaten Empfängen mit begrenzter Teilnehmerzahl, bei denen der Zutritt außerdem nur mit Einladungskarte möglich war - eine Vorsichtsmaßnahme, die aus diesen Erfahrungen resultierte - sah sich Petra Kelly belästigenden Angriffen ausgesetzt. So überreichte ihr einmal eine Frau, freundlich lächelnd, ein kleines Paket als Geschenk. Petra Kelly wurde gebeten, es zu öffnen. Der Inhalt: Ein in Blut oder blutähnliche Flüssigkeit getunkter schwarzer BH. Das Foto von der entsetzten, solchermaßen "beschenkten" Politikerin erschien später in der New Solidarity. Der Psychostress an diesem Tag ging weiter. Vor Beginn der eigentlichen Veranstaltung, auf der die Grüne reden sollte, wurde sie von weiteren Personen höhnisch gefragt: "Na, Frau Kelly, hat Ihnen das Geschenk gefallen?" Dem Autor schilderte Petra Kelly in den 80iger Jahren eine weitere Begebenheit.

Nach einer Rede kommen oft bis zu hundert Menschen zu mir, um noch mit mir zu sprechen. In solch einer Situation großer Anspannung kommt plötzlich eine Frau und sagt etwa "Ihre Rede war gut, wir legen Sie um!" In solch einem Moment weiß man nicht, wie man reagieren soll, weiß nicht, ob nicht auch die nächste Person zur gleichen Gruppe gehört. Hinzu kommt das Gefühl: Wir werden dich nicht in Ruhe lassen.

Tatsächlich verfolgte die LaRouche-Organisation Petra Kelly bei ihren zahlreichen Reisen in alle Erdteile. Seltsame Blüten trieb dabei die "Informationsbeschaffung" der Neuen Solidarität. So fanden sich persönliche Widmungen Petra Kellys in Büchern, die sie ihrem Fraktionskollegen Gert Bastian geschenkt hatte, plötzlich als Zitat in einem Artikel der La-Rouche-Zeitung wieder. Die Bücher waren vom Besitzer keinesfalls freiwillig herausgegeben, sondern aus seinem Besitz "verschwunden". In Schriften LaRouches wurde Petra Kelly zuweilen als Führerin der "westdeutschen faschistischen grünen Partei" tituliert, wobei gleichzeitig von einem "KGB-diktierten" Programm der Öko- und Alternativpartei die Rede war. Mal "Moskaus 5. Kolonne", dann wieder "faschistische Bewegung" oder beides gleichzeitig, kombiniert mit vermeintlichen Verbindungen zur Drogen- und Rauschgiftmafia. Die EAP verbreitete Broschüren unter dem Titel: "Schluß mit dem grünen Terror" und "Stoppt die grüne Gefahr! - Die historischen Wurzeln des grünen Faschismus.

In vergleichbarer Weise wurden in der Vergangenheit auch andere Personen verfolgt, so etwa Willy Brandt und Henry Kissinger Auch intern herrschte (zumindest in früheren Jahren) ein rüder Ton. Der abtrünnige Hans Bandmann schrieb in einem Rundbrief nach seinen Ausscheiden 1981. Einer der Funktionäre habe ihn als "eine zynische Sau wie der Völkermörder Willy Brandt" tituliert. Angesichts dieser Schilderungen von - auch internem Psychoterror verlangen die Angehörigen und Freunde des Jeremiah Duggan von der deutschen Polizei eine lückenlose Aufklärung des Hintergrundes seines Todes. Rechtsanwalt Ingo Heinemann, der sich seit Jahren mit Psychokult und somit auch mit der LaRouche-Organisation befasst, unterstützt die Bemühungen der Familie Duggan um Aufklärung:

Objektive Anhaltspunkte für einen Selbstmord gibt es nicht. Die Polizei stützt sich auf vage Angaben einer Funktionärin des LaRouche-Kultes, Ortrun Cramer, die über angebliche psychische Probleme berichtet hatte. Freundin und Mutter wissen nichts von solchen Problemen und schildern den 22-jährigen als einen seelisch stabilen Mann. Es drängt sich deshalb der Verdacht auf, dass Jerry Duggan entweder in kürzester Zeit vom LaRouche-Kult psychisch destabilisiert wurde oder aber dass er geflüchtet ist.

Möglicherweise, so eine der Hypothesen, ist Jeremiah Duggan aus einem Pkw geflohen, in dem er, möglicherweise unfreiwillig, auf der Berliner Straße unterwegs war. Dies, so die Hypothese, würde auch erklären, warum er versuchte, die viel befahrene Schnellstraße zu überqueren - vielleicht aus Angst vor Verfolgern. Die zuständige Staatsanwaltschaft Wiesbaden hüllt sich in Schweigen. Anfragen des Autors bleiben seit Wochen unbeantwortet. (Helmut Lorscheid)

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