Tod durch Atmen

Aktivisten fordern Ausweitung der Air Pollution Zonein Edinburgh. Bild: Friends of the Earth Scotland/MAVERICK PHOTO AGENCY/CC BY-2.0

Die verkehrsbedingte Luftverschmutzung in Deutschland ist einer US-Studie zufolge skandalös hoch. Stuttgart, Köln und Berlin gehören weltweit zu den Top-Ten bei der Sterberate

Im Gelobten Land der Autofahrer ist die Chance offenbar besonders hoch, an den Kollateralschäden zu sterben: Deutschland liegt im weltweiten Ranking sog. vorzeitiger Todesfälle infolge verschmutzter Luft auf Platz vier. Das jedenfalls verkündet der Report des International Council on Clean Transportation (ICCT), der diese Woche veröffentlicht wurde. Im Fokus: Die gesundheitsschädliche Feinstaub- und Ozonbelastung. Die Analyse beschränkt sich ausdrücklich auf Gesundheitsauswirkungen durch Abgasemissionen im Verkehr; entsprechend höher fallen die Zahlen aus, nimmt man die Todesfälle aufgrund der Emissionen insgesamt ins Visier.

Die Luftverschmutzung allein aus dem Verkehr ist der US-Studie zufolge für rund 13.000 vorzeitige Todesfälle jährlich in Deutschland verantwortlich. Mit China (114.000 vorzeitige Todesfälle), Indien (74.000) und die USA (22.000) liegen noch drei echte Schwergewichte vor Deutschland. Weltweit fallen laut ICCT jährlich 385.000 Menschen den Emissionen aus dem Verkehr zum Opfer.

Bezogen auf die Bevölkerungsgröße, so die Autoren, liegt Deutschland im internationalen Vergleich sogar auf Platz eins (17 "frühzeitige Todesfälle" je 100.000 Einwohner). Die Studie bezieht die Emissionen von Pkws, Lkws, Bussen, Schiffen sowie von landwirtschaftlichen Fahrzeugen und Baumaschinen ein. Nimmt man andere Emissionsquellen (außer dem Verkehr) hinzu, so liegt die Zahl laut ICCT für Deutschland bei 43.000 vorzeitigen Sterbefällen durch verschmutzte Luft.

Deutschland, Deine Luft!

Bei ihrer Untersuchung arbeiteten die ICCT-Experten mit Forschern der George Washington Universität und der Universität Colorado Boulder zusammen. Interessant in dem Zusammenhang ist, dass der ICCT maßgeblich an der Aufdeckung des Dieselskandals beteiligt war, der nicht nur hierzulande anhaltend für Schlagzeilen sorgt.

Speziell unter die Lupe genommen wurden 100 große Ballungsgebiete weltweit. Mit schlechten Nachrichten für Deutschland: Hier finden sich für das Referenzjahr 2015 drei der sechs Städte mit den höchsten Sterberaten infolge von verkehrsbedingten Abgasemissionen. Die sechs Spitzenreiter sind: Mailand, Turin, Stuttgart, Kiew, Köln und Berlin. In Stuttgart trugen dem Report zufolge Dieselfahrzeuge im Straßenverkehr 2015 zu 78 Prozent der Gesundheitsbelastung durch Emissionen bei - der höchste Anteil in allen größeren Ballungszentren auf der ganzen Welt.

Die Sache mit dem Feinstaub

Die direkten Gesundheitsauswirkungen von Stickstoffdioxid (NO2) werden bei der Untersuchung allerdings nicht betrachtet. Als Vorläufersubstanz für PM2.5 sowie Ozon werden die Auswirkungen von NO2 jedoch indirekt mit erfasst. Mit ihrem Ansatz griffen die US-Autoren auf ein international verbreitetes Modell zurück, mittels dessen sie Daten über Luftverschmutzung mit Modellen zu Volkskrankheiten verbinden. Die Berechnungen sind komplex.

Und keineswegs unumstritten. Wie werden Grenzwerte eigentlich festgelegt und begründet? Was genau hat man unter dem Begriff "Vorzeitiger (oder frühzeitiger) Todesfall" (premature death) zu verstehen? Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gilt eine Feinstaubbelastung für die menschliche Gesundheit bereits bei Konzentrationen unter dem Grenzwert von 10 Mikrogramm pro Kubikmeter (μg/m3) als problematisch (WHO Air Quality Guidelines, 2005). Das PM-Maß (particulate matter) kennzeichnet dabei die Messgröße der Feinstaubpartikel.

Gegen größere Partikel aus der Atemluft verfügt das menschliche Atmungssystem über eigene Abwehrmechanismen zur Reinigung und zum Selbstschutz. Allerdings dringen die extrem kleinen Partikel in die tieferen Bereiche der Lunge ein. Aus medizinischer Sicht ist Feinstaub daher umso gefährlicher, je kleiner die Staubpartikel sind. Die von ICCT berücksichtigte Messgröße PM2.5 beschreibt sehr feine Partikel.

Ist die Gefahreneinschätzung zu vage?

Die Europäische Umweltagentur (EEA) etwa definiert premature death so: "Vorzeitige Todesfälle sind Todesfälle, die auftreten, bevor eine Person ein erwartetes Alter erreicht." Nach dieser Definition wäre es bereits ein "vorzeitiger Todesfall", wenn ein Mensch nur wenige Sekunden vor seinem "natürlichen Tod" stirbt. Man sieht leicht: Derlei Vagheiten helfen bei der wahren Gefahreneinschätzung kaum weiter.

Kritische Beobachter, so der Mathematiker und Epidemiologe Peter Morfeld, halten die Formel zur Berechnung der "vorzeitigen Todesfälle" daher für prinzipiell falsch und setzen auf neue Berechnungsmethoden. Das WDR-Wissenschaftsmagazin "Quarks" griff die Debatte zuletzt auf; Studien (wie die vom ICCT) seien aber grundsätzlich richtig und angebracht. Wissenschaftler sollten künftig jedoch besser die Zahl der verlorenen Lebensjahre ausrechnen, die uns durch die giftige Luft verloren gehen.

Durch die vorzeitigen Tode gingen den Volkswirtschaften weltweit laut den ICCT-Berechnungen knapp eine Billion Dollar (860 Milliarden Euro) verloren. Für Deutschland beziffern die US-Studienautoren den gesellschaftlichen Schaden auf 97 Milliarden Euro, das wären knapp drei Prozent des Bruttonationaleinkommens.

Bei allen diskussionswürdigen Zahlen - es geht um Menschen. Daran gemahnt eine elektrisierende Botschaft der WHO vom vergangenen Oktober. Demnach atmen weltweit über 90 Prozent aller Kinder unter 15 Jahren (1,8 Milliarden) Tag für Tag toxische Luft (Luftverschmutzung in der Esosphäre). (Arno Kleinebeckel)

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