Tod ohne "teutonischen" Akzent

Der an Alzheimer erkrankte Fantasy-Autor Terry Pratchett kämpft für die Legalisierung der Sterbehilfe in Großbritannien

Alzheimer ist eine Krankheit, vor der sich viele Menschen mehr fürchten als vor Krebs, Unfällen oder einem Herzinfarkt. Das liegt möglicherweise nicht zuletzt daran, dass der damit verbundene Verfall des Gehirns über lange Jahre hin in Situationen führt, die in der Außenschau als extrem entwürdigend empfunden werden. Außerdem existiert bisher (trotz einiger vielversprechender Forschungsergebnisse mit Mäusen) keine Behandlung, die eine Chance auf Besserung oder Heilung bietet.

Einer der bekanntesten Alzheimerpatienten der Welt ist der Fantasy-Autor Terry Pratchett, bei dem die Krankheit vor dreieinhalb Jahren diagnostiziert wurde. Ihn trifft sie deshalb besonders hart, weil er in seinen Romanen jahrzehntelang relativ komplexe Welten ersann, was in Zukunft nicht mehr gehen wird. Für seinen achtunddreißigsten Roman musste er sich bereits von einer Schreibkraft helfen lassen.

Terry Pratchett. Foto: Robin Zebrowski. Lizenz: CC-BY 2.0.

Deshalb spielt Pratchett mit dem Gedanken, vielleicht einmal auf professionelle Sterbehilfe zurückzugreifen. Weil das in seiner Heimat Großbritannien verboten ist, initiierte der Schriftsteller eine Kampagne gegen dieses Verbot. In diesem Rahmen drehte er auch eine Dokumentation für die BBC, die diese Woche unter großer Aufmerksamkeit anderer Medien ausgestrahlt wurde. In ihr begleitet der Autor einen an einer Motorneuronenerkrankung leidenden 71-Jährigen und einen 43-Jährigen, bei dem 2003 Multiple Sklerose diagnostiziert wurde, in die Schweiz, wo beide auf professionelle Sterbehilfe der Firma Dignitas zurückgreifen.

Pratchetts Blick auf Dignitas ist durchaus nicht unkritisch – und genau die Nachteile des Unternehmens, für dessen Dienste ein Brite inklusive Einäscherung oder Rücktransport seines Körpers 10.000 Pfund aufwenden muss, dienen ihm als Argumente dafür, die Rechtslage in seiner Heimat zu ändern. Denn die Schweiz ist nicht nur teuer und fremd, sondern weckt bei britischen Schwerkranken durch den "teutonischen" Akzent der Dignitas-Angestellten (trotz aller Freundlichkeit und Fürsorge) offenbar auch einen Hauch von Assoziation an die Nazi-Euthanasie.

Sterben, so wird in der Dokumentation deutlich, könnte man sich auch in angenehmeren Umständen vorstellen als bei Dignitas. Deren gefilmtes Sterbehaus hat zwar einen Garten, liegt aber aus baurechtlichen Gründen in einem Industriegebiet und an einer lauten Straße. Der in einer nicht wirklich geschmackvoll gestalteten Tasse servierte (giftfreie) Gästetee schmeckt Pratchetts Gesichtsausdruck nach offenbar ganz und gar nicht so, wie er es von zuhause her gewohnt ist. Und auch das letzte Einschlafen des 71-Jährigen geht zwar schnell, aber doch nicht ganz geräuschlos vor sich.

Legale Sterbehilfe in Großbritannien hätte Pratchett zufolge nicht nur den Vorteil, dass Kranke kostengünstig und in vertrauter Umgebung aus dem Leben scheiden, sondern auch, dass sie sich mehr Zeit für eine Entscheidung lassen und diese auch dann noch fällen können, wenn sie schon nicht mehr reisefähig sind. In der Bevölkerung des Vereinigten Königreichs stößt eine Reform der aktuellen Rechtslage durchaus auf Zustimmung: Der BBC nach sind 73 Prozent der Briten dafür, YouGov zufolge sogar 75 Prozent.

Bereits vor der Ausstrahlung machte der Bestseller-Autor jedoch deutlich, dass er nicht das schweizerische Sterbehilferecht in Großbritannien einführen, sondern nur dafür sorgen will, dass Schiedsgerichte gebildet werden, die darüber entscheiden, ob ein Sterbewilliger wirklich todkrank ist und ob nicht etwa Angehörige Druck auf ihn ausüben. Kommt das Schiedsgericht zu einem positiven Ergebnis, dann soll dem Kranken unter anderem der Kauf von Medikamenten erlaubt werden, die er zu einem von ihm selbst gewählten Zeitpunkt einnehmen kann. Nicht tödlich erkrankte Lebensmüde, die bei Dignitas angeblich 21 Prozent der Kundschaft ausmachen, will Pratchett von einer legalen Sterbehilfe explizit ausnehmen. (Peter Mühlbauer)

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