"Todesgrüße aus Moskau": Presserat weist Beschwerde wegen Spiegel-Cover vorerst ab

"Der Presserat ist Teil des Systems"

Der Medienwissenschaftler Prof. Dr. Michael Haller, der selbst lange für den Spiegel und die Zeit schrieb und der heute als Wissenschaftlicher Direktor dem Europäischen Institut für Journalismus- und Kommunikationsforschung vorsteht, sieht das Vorgehen des Presserats auf Nachfrage kritisch:

Wir beobachten bei unseren westlichen Medien seit rund 15 Jahren in der Wahrnehmung Putins einen engen Frame. In dieser einseitigen, mitunter verzerrten Sicht gilt die oft pejorative, an Unterstellungen reiche Beschreibung Putins quasi als Normalität. Der Presserat ist Teil des Systems und denkt innerhalb dieses Frames. Darum wird ihm die verzerrte Aussage des fraglichen Covers kaum weiter auffallen. Sprachanalytisch gedacht, bezieht sich die Unterzeile 'Der Giftanschlag' zweifelsfrei auf den Fall Skripal und damit beziehen sich die 'Todesgrüße aus Moskau' eindeutig auf diesen Giftanschlag. Damit wird mit der Gesamtaussage des Titelkomplexes behauptet, dass der Giftanschlag 'aus Moskau' kam.

Michael Haller

Haller teilt allerdings die Einschätzung des Presserats, dass Ziffer 13 des Pressekodex ("Unschuldsvermutung") möglicherweise nicht greift. Ob der Schutz vor einer Vorverurteilung "auch für Institutionen und Abstrakta gelten soll, die als solche niemals Objekte eines Strafverfahrens werden können, kann man bezweifeln", meint der Wissenschaftler.

In diesem Fall, so Haller, "handelt sich eher um eine freche Behauptung des politischen Journalismus und insofern um eine (im doppelten Sinne) 'politische' Aussage. Das saniert das Spiegel-Cover nicht, man darf es als neues Beispiel für den 'framigen' Journalismus deuten, dessen westliches Auge stark eingetrübt ist".

Franziska Augstein streitbare Intellektuelle und Miteigentümerin des Spiegel-Verlags, äußerte sich auf Nachfrage zurückhaltend. Mit den Regularien des Presserats kenne sie sich nicht aus, könne daher nur vermuten, "dass die Entscheidung den Regularien entspricht". Es handle sich, so die Tochter des Spiegel-Gründers, wohl um "eine (politische) Geschmacksfrage". Indirekt verteidigt sie das Blatt: "In dem Artikel, auf den das Titelbild verwies, wurde mindestens zweimal ausdrücklich gesagt, man wisse noch nicht, wer hinter dem Gift-Anschlag stecke."

Damit hat Augstein recht, verlagert aber bloß das Problem: Eine Schlagzeile, die durch den begleitenden Artikel sachlich nicht gestützt wird, und Dinge behauptet, die im Text nicht belegt sind, ist wiederum ein klarer Verstoß gegen den Pressekodex (Ziffer 2: Informationen sind auf Wahrheitsgehalt zu prüfen, die Überschrift darf nicht verfälschen).

Journalisten-Verband hält sich bedeckt

Da der Presserat auch vom Deutschen Journalisten-Verband (DJV) mitgetragen wird, fragte ich nach, wie man den Fall dort einschätzt. Der DJV ist eine Stimme mit Gewicht und vertritt mehr als 35.000 Journalisten in Deutschland. Konfrontiert mit dem Sachverhalt, hielt sich der Verband weitgehend bedeckt. Der Spiegel-Artikel liege dem DJV "nicht vor", so die stellvertretende Pressesprecherin Eva Werner. Die Frage sei auch, "ob das Cover mit der Geschichte übereinstimmt". Auf meine Auskunft hin, dies sei nicht der Fall, teilte die DJV-Sprecherin vage mit:

Wenn das Cover nicht mit dem Titel übereinstimmen sollte, könnte das natürlich kritisiert werden. Aber wie gesagt, die Geschichte liegt mir nicht vor.

DJV

Weitere Nachfragen ließ der DJV unbeantwortet. Das hat einen besonderen Beigeschmack vor dem Hintergrund, dass eben jene Sprecherin zur gleichen Zeit mit Blick auf Russland im Namen des DJV öffentlich zum WM-Boykott aufgerufen hatte:

Auch wenn - natürlich - noch nicht klar ist, wer konkret die Ermordung Babtschenkos kurz vor der Fußball-WM in Russland veranlasst hat, so deutet doch alles in eine Richtung. (…) Konsequent wäre, wenn alle EU-Staaten nach dem Giftanschlag von Salisbury und jetzt der Ermordung von Babtschenko endlich ernsthaft über einen Boykott der Fußball-WM nachdenken würden.

DJV

Einmal abgesehen von der Peinlichkeit, hier auf einen Geheimdienst-Fake hereingefallen zu sein, legt diese Formulierung nahe, dass der DJV von einer Schuld Russlands im Fall Skripal längst überzeugt ist. Warum also, so könnte man fragen, sollte er im Presserat ein entsprechendes Cover überhaupt beanstanden?

Die Einschätzung von Prof. Haller, der Presserat sei "Teil des Systems", könnte wohl kaum deutlicher belegt werden. Sie ließe sich ergänzen um das Fazit, dass selbst der Deutsche Journalisten-Verband für sich genommen kaum geeignet erscheint, die Einhaltung des Pressekodex zu überwachen. Der Kodex wird offenbar nur dann beachtet und verteidigt, wenn das keinem großen politischen Trend, wie aktuell etwa der pausenlosen Dämonisierung Russlands, im Wege steht - ein Armutszeugnis für die Branche und ihre Institutionen.

Ob der zuständige Ausschuss des Presserats die Ablehnung der Beschwerde nun bestätigen wird oder nicht, bleibt abzuwarten. Angesichts der geschilderten Stellungnahmen wäre eine Rüge an den Spiegel aber sicher eine handfeste Überraschung. (Paul Schreyer)