"Todesliste" mit angeblichen Doppelpass-Ungarn verschlechtert Verhältnis zur Ukraine

Anteil der Ungarischsprecher im Oblast Transkarpatien. Karte Tovel. Lizenz: CC BY-SA 3.0

Ungarn hat die ukrainische Botschafterin einbestellt

Das ungarische Außenministerium hat die ukrainische Botschafterin einbestellt und eine Pressekonferenz zu dieser Maßnahme abgehalten. Sie wurde dem Ministeriumssprecher Levente Magyar nach notwendig, weil in der Ukraine seit Montag eine "Todesliste" mit den Namen und Adressen von 313 ethnischen Ungarn kursiert. Diese Liste stammt von einer Gruppe ukrainischer Rechtsextremer, die angeblich über gute Kontakte zu ukrainischen Geheimdiensten verfügen. Außerdem, so Magyar, sei man besorgt über Forderungen aus der Rada, Ungarn mit doppelter Staatsbürgerschaft auszuweisen, sowie über eine Truppenkonzentration an der ukrainischen Südwestgrenze.

Den 313 ethnischen Ungarn auf der von Magyar angesprochenen Liste werfen die ukrainischen Rechtsextremen vor, sich neben ukrainischen auch ungarische Pässe geholt zu haben. Ungarn bietet diese Möglichkeiten Ungarischsprechern in den Nachbarländern seit acht Jahren an, während die Ukraine doppelte Staatsbürgerschaften nicht erlaubt. Deshalb wies die ehemalige Sowjetrepublik letzte Woche den ungarischen Konsul von Bergsaß mit der Begründung aus, doppelte Staatsbürgerschaften verliehen und den Empfängern geraten zu haben, das den ukrainischen Behörden lieber zu verschweigen.

Die ungarische Minderheit in der Ukraine lebt in Ruthenien - einem Gebiet, das der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik erst 1946 zugeschlagen wurde. Von 1920 bis 1939 gehörte es zur Tschechoslowakei, vorher vom 10. Jahrhundert an zu Ungarn. Heute leben dort neben etwa einer Million Ukrainer (von denen sich viele aus der Habsburgerzeit eine eigene ethnische Identität als Ruthenen beziehungsweise "Russinen" bewahrt haben) etwa 150.000 Ungarn, 30.000 Russen und 30.000 Rumänen, letztere vor allem im Südosten des Gebiets.

Im letzten Jahr verschlechterte die ukrainische Staatsführung die Stimmung unter den drei nichtukrainischen Volksgruppen dort mit einem Unterrichtssprachgesetz, dem die Venedig-Kommission des Europarates im September bescheinigte, Minderheiten zu diskriminieren. Das Gesetz sieht vor, dass ab 2020 auch in Grundschulen nur noch auf Ukrainisch unterrichtet werden darf (vgl. Ukraine im Kampf für die nationale Einheit). Damit richtet es sich vor allem gegen die Russischsprecher im Süden und Osten des Landes, trifft aber auch Rumänisch- und Ungarischsprecher.

Für die Ungarn würden die potenziellen Nachteile noch spürbarer sein, weil ihre nicht-indoeuropäische Sprache (anders als das Russische), mit dem Ukrainischen nicht nur nicht eng, sondern gar nicht verwandt ist. Setzt man Kinder im Grundschulalter einem Unterricht in einer derart fremden Sprache aus, besteht die Gefahr, dass sie sich daran gewöhnen, ihm nicht zu folgen, sondern sich anderweitig zu beschäftigen.

Nachdem es im Zuge dieses Streits in der Sprachenfrage zu anti-ungarischen Demonstrationen und Denkmalschändungen nationalistischer Ukrainer in Ruthenien kam, forderte der ungarische Außenminister im letzten Jahr die OSZE dazu auf, Beobachter zu entsenden, um die Minderheit zu schützen. Sein ukrainischer Amtskollege Pawel Klimkin räumte via Twitter zwar ein, dass Ungarn in großer Zahl die Ukraine verlassen, äußerte sich aber nicht zu den Ursachen. Hier könnten auch Pull-Faktoren im nicht nur wirtschaftlich weit besser funktionierenden Ungarn eine Rolle spielen.

Andere größere Gruppen ethnischer Ungarn leben in der Slowakei, in Serbien und in Rumänien, das mit 1,4 Millionen den größten Teil davon beherbergt. Ihr Zentrum ist das Széklerland, das früher zum ungarischen Teil des Habsburgerreichs gehörte. Auch dort gibt es Spannungen, weil die Selbstverwaltung, die man den Ungarn in den Karlsburger Beschlüssen in Aussicht gestellt hatte, nur zwischen 1952 und 1968 gewährt wurde und seitdem wieder auf sich warten lässt (vgl. Autonomie für das Széklerland?).

Knapp eine halbe Million Ungarn gibt es in der Slowakei, wo sie vor allem auf der Großen Schütt zwischen der Waager, der kleinen und der großen Donau, in der Gemer-Region, an der Eipel, im südöstlichen Grenzgebiet und in einer Sprachinsel bei Neutra siedeln. Auch hier wanderten viele Ungarn ab, weshalb ihr Bevölkerungsanteil von fast 11 auf nur mehr gut acht Prozent zurückging. Die drittgrößte langansässige Gruppe von Auslandsungarn existiert mit etwa 250.000 in der zu Serbien gehörigen autonomen Provinz Wojwodina, in der die Ungarn vor allem im Norden und Nordwesten in der Mehrheit sind. (Peter Mühlbauer)

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