Todesstrafe: Opioid soll in das Giftcocktail der Todesspritze

Exekutionsraum von Oklahoma. Bild: Oklahoma Department of Corrections

Obgleich die USA gerade gegen die Opioid-Epidemie im Land kämpfen, versuchen Bundesstaaten, ein Opioid zum Vollzug der Todesstrafe einzusetzen

Die USA werden seit den 1990er von einer wachsenden Opioid-Epidemie heimgesucht ("Opioid-Epidemie" wirkt sich auf US-Wirtschaft aus). Auch Donald Trump spricht von einer Krise. (Die USA befinden sich wegen der "Opioid-Epidemie" in einer Krise). Sie rafft durch Überdosierung jährlich zehntausende Amerikaner hin, mehr als 90 sollen es jeden Tag sein.

Ausgelöst wurde sie von der Pharma-Industrie, die neue Schmerzmittel auf den Markt brachte, von Ärzten, die sie freizügig verschrieben, und von den Menschen, die nichts so sehr fürchten wie den Schmerz, aber auch die teils sedierenden, angstlösenden und euphorisierenden Wirkungen schätzen und so in Abhängigkeit geraten. Die Pillen wurden zum neuen Geschäft der Drogenkartelle, der Umstieg von Opioiden auf Heroin ist gang und gäbe. Das amerikanische Gesundheitssystem, das Donald Trump noch weiter durch die Abschaffung von Obamacare herunterbrechen will, tut das Ihre dazu.

Offenbar drang nun die Tötungserfolgsgeschichte der Opioide wie Fentanyl nun auch bis zum Strafvollzug der auf die Giftspritze setzenden US-Bundesländer vor, die seit Jahren verzweifelt nach einem Ersatzmittel für die Todesstrafe suchen. Das Problem kam aus dem Alten Kontinent, die EU hat sich gegen die Todesstrafe aus Sicht der Befürworter der Todesstrafe verschworen und den Export von Mitteln für Exekutionen verboten, von dort bezogen die US-Bundesländer, die den Tod mit der Spritze vollziehen, ihren Stoff: zunächst das Barbiturat Thiopental , danach Pentobarbital.

Als 2011 das wichtige Bestandteil der Todescocktails versiegte, wurden die Gifte in den USA von Apotheken gemixt und neue Kombinationen mit Midazolam ausprobiert oder man setzte statt auf den Cocktails mit drei Substanzen nur auf von Apotheken hergestelltes Thiopental oder auch Pentobarbital, teils mit schrecklichen Folgen für die Sterbenden, die einen langen Todeskampf erleiden mussten (Todesstrafe in den USA: Rückkehr der Erschießungskommandos).

Eine Folge des "Notstands" ist, dass die Zahl der Exekutionen zurückgegangen ist. 2017 wurden nur 23 Gefangene verurteilt, so wenige wie seit 25 Jahren nicht. 31 Bundesstaaten halten noch an der Todesstrafe fest, in Colorado, Oregon, Pennsylvania und Washington gibt es ein vom Gouverneur ausgesprochenes Moratorium, 19 Bundesstaaten haben die Todesstrafe abgeschafft.

Zuschauerraum für die Exekution. Bild: Oklahoma Department of Corrections

In Utah wäre es nun aufgrund des Giftnotstands möglich, eine Exekution durch ein Erschießungskommando vollziehen zu lassen. Das wäre freilich kein "sauberer", sondern ein blutig-schmutziger Tod, den man technisch eben etwa durch die Injektion oder durch den elektrischen Stuhl ausgeschaltet hatte. Andere kehrten zum elektrischen Stuhl als Ersatz für eine Injektion zurück. Mississippi will Todeskandidaten mit Stickstoff vergasen, Oklahoma will es zusätzlich einsetzen, wenn die Giftspritze versagt.

Die Bundesstaaten Nevada und Nebraska hatten beschlossen, einen neuen Giftcocktail einzuführen, der eben das Opioid Fentanyl neben Valium und das Muskelrelaxans Cisatracurium enthält, in Nebraska auch Kaliumchlorid, das zum Herzstillstand führt. Die erste Exekution mit dem Opioid hätte in Nevada an Scott Dozier am 14. November stattfinden sollen. Der hat zwar, nachdem er alle rechtlichen Möglichkeiten ausgespielt hatte, seiner Exekution zugestimmt, nicht aber dem bislang "unerprobten" Todescocktail. Das Muskelrelaxans, so der Einwand, könne zum Erstickungstod führen, aber verdecken, dass er bewusst ist und leidet. Das Bezirksgericht hat dem Todeskandidaten eine Einspruchsmöglichkeit gegen die Methode der Exekution eingeräumt, nun muss das Oberste Gericht von Nevada entscheiden. In Nabraska könnte der Giftcocktail Anfang nächstes Jahres an Jose Sandova ausprobiert werden, einem Bankräuber, der zusammen mit anderen bei einem Überfall 5 Menschen getötet hatte.

Fentanyl hätte gewisse Vorzüge, schreibt die Washington Post, die auch darauf hinweist, dass Nebraska und Nevada bislang ihre Wahl nicht begründet haben. Das Opioid lässt sich ohne Probleme kaufen und ist 50 Mal stärker als Opium und 100 Mal stärker als Morphium. Der Rechtsprofessor Austin Sarat macht auf das Paradox aufmerksam: "Es ist eine schreckliche Ironie, dass sich Regierungen Möglichkeiten ausdenken, um zu verhindern, dass so viele an Opioiden sterben, und sich gleichzeitig umwenden und sie nutzen, um bewusst einen Menschen zu töten." Tatsächlich konnte Nevada ohne Weiteres Fentanyl beziehen, was darauf aufmerksam macht, wie leicht der für die Todesspritze vorgesehene Wirkstoff vertrieben wird.

Scott Dozier will sich verständlicherweise nicht auf die Experimente der Todesbefürworter einlassen, die Wirkstoffe erst auf ihre Tödlichkeit ausprobieren müssen. Er würde es vorziehen, von einem Erschießungskommando getötet zu werden. Aber da gibt man ja keine nach medizinischer Behandlung aussehende Spritze, durch die der Verurteilte angeblich friedlich und schmerzlos einschläft, was er allerdings oft nicht macht, sondern da muss der Staat ganz offen und blutig mit einer Waffe töten lassen, auch wenn der Tod hier präziser und schneller erfolgt. Die Giftspritze und der elektrische Stuhl sind Pendants zum "sauberen", "chirurgischen" Krieg, in dem Präzisionsbomben und Drohnen das Geschäft des Tötens übernehmen, wo nur aus der Ferne der Knopf gedrückt wird. Dem Opfer wird es völlig egal sein, wie er ums Leben kommt, wenn die Qualen nur kurz sind. (Florian Rötzer)

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