Todeszone im Golf von Mexiko breitet sich aus

Mehr als 200 "tote Zonen" gibt es schon und die Zone im Golf von Mexiko könnte sich auf über 20.000 Quadratkilometer ausweiten.

Mehr als 200 Gebiete auf offener See zählen schon zu den so genannten "toten Zonen". Wegen des extrem hohen Eintrags von Nährstoffen, meist aus der Landwirtschaft, wird der Sauerstoff fast vollständig aufgezehrt und fehlt den Meeresbewohnern zum Leben. Besonders bedrohlich entwickelt sich die Lage nun im Golf von Mexiko. Schuld sind riesige Mengen an Stickstoffen und Phosphaten, die über den Mississippi aus den USA in das Meer gelangen. Verantwortlich ist dafür auch die intensive Produktion von „Biosprit“ und die verstärkt nun die Armutsgefahr noch weiter, denn für viele Menschen stellen die Meere die Lebensgrundlage dar.

Tote Zone im Golf von Mexiko. Bild: Nasa

Die "toten Zonen" im Meer entstehen vor allem wegen der Überdüngung vieler landwirtschaftlicher Flächen. Über die Flüsse werden große Mengen des Düngers ins Meer geschwemmt, weil die Böden ihn nicht aufnehmen konnten. Dort bringt er Phytoplankton und Algen explosionsartig zum Wachstum und bei ihrem Absterben verbrauchen Bakterien bei der Zersetzung so viel Sauerstoff, dass der Sauerstoffgehalt der Umgebung auf ein Minimum sinkt. Bei diesen Prozessen wird zudem Schwefel freigesetzt.

Nahe den Küsten entwickeln sich deshalb in bestimmten Gebieten weitgehend unbeachtet ökologische Katastrophen. Seit den 1970er Jahren, in denen solche Gebiete erstmals entdeckt wurden, wurden kaum wirksame Maßnahmen gegen diese Katastrophen eingeleitet. Betroffen sind davon Fische, ebenso Wirbellose, die Fischen als Nahrung dienen. Großfische, wie zum Beispiel Haie, flüchten aus diesen Todeszonen und halten sich dann oft in küstennahen Gewässern auf, wo es dann verstärkt zu Angriffen auf Menschen kommt.

Nach einer Studie der UN-Umweltorganisation UNEP aus dem vergangenen Jahr mit dem Titel The State of the Marine Environment ist die Gesamtzahl der toten Zonen in den Weltmeeren auf 200 gestiegen, 2004 waren es noch 149. Ihre Größe variiert zwischen einigen wenigen und mehreren zehntausend Quadratkilometern. Manche Zonen bestehen das ganze Jahr, andere nur für einige Monate. Betroffen ist die Ostsee genauso wie das Schwarze Meer oder der Pazifik vor der Küste Neuseelands.

Heraus sticht dabei auch der Golf von Mexiko. Die Todeszone dort hat neue Mega-Ausmaße erreicht, berichten Forscher der Louisiana State University gemeinsam mit ihren Kollegen des Louisiana Universities Marine Consortium. Das Forscherteam geht davon aus, dass sie die größten Ausmaße annehmen wird, die seit dem Beginn der Messungen 1985 verzeichnet wurden, schreiben die Forscher der US-National Oceanographic and Atmospheric Administration (NOAA).

Der Forscher R. Eugene Turner spricht von einer Todeszone, die 8.500 Quadratmeilen groß sein könnte, eine Zone von der Größe von New Jersey. Das sei wesentlich größer als noch 2006 (6.662) und schon etwa doppelt so groß wie die durchschnittliche Ausbreitung in den 1990er Jahren.

Mississippi-Delta. Bild: Nasa

Das Volumen an Nährstoffen, das den Mississippi hinabfließt, habe sich in den vergangenen 50 Jahren verdreifacht. „Wie gehen aufgrund der gemessenen Stickstoffwerte im Mai im Mississippi davon aus, dass die Todeszone in diesem Jahr einen neuen Rekord erreichen wird“, berichtet Turner. Die gemessenen Daten im Monat Mai seien kritisch für das Ausmaß dieser Todeszone. „Die relativ große Menge an Stickstoff könnte auf intensivere Landwirtschaft, vor allem für die Herstellung von Biotreibstoffen, einzigartigen Wetterverhältnissen oder veränderte Düngemethoden zurückzuführen sein“, meint der Forscher.

So hat die intensivere Nutzung der Böden, wie für die Herstellung von Biosprit, mit der US-Präsident George Bush sein Land "unabhängiger" von Ölimporten machen will, auch über diese Schiene extreme Auswirkungen auf die armen Nachbarn, wie in Mexiko (Die Vereinten Nationen warnen vor exzessivem Einsatz von Biosprit). Dort hat der Preisdruck auf Mais und andere Grundnahrungsmittel schon längst dazu geführt, dass die arme Bevölkerung sich ihre Tortilla kaum mehr leisten kann, weil große Mengen Mais in den USA nun zu Bioethanol verarbeitet werden (Tortilla-Krise in Mexiko).

Mit der Ausweitung der Todeszone im Golf von Mexiko wird die Nahrungsmittelversorgung vieler Mexikaner weiter zugespitzt. Denn gerade in küstennahen Gebieten stellt das Meer die Nahrungsgrundlage für Millionen von Menschen dar, weshalb derlei Umweltkatastrophen verheerende Auswirkungen für sie haben. Nach Schätzungen der UNEP sind schon jetzt weltweit mehrere hundert Millionen Menschen davon betroffen. Neben den Düngemitteln sind auch ungeklärte Abwässer für die Todeszonen mitverantwortlich.

Eine Hoffnung sehen die Forscher allerdings noch: Wenn Hurrikans in der Region um den Golf von Mexiko das Wasser aufwirbeln, könnte es kurzfristig wieder zu einer Besserung der Lage kommen. In einem Interview sagte der Meeresbiologe Michael Stachowitsch von der Universität Wien, durch einen Sturm werde das Wasser derart aufgewühlt, dass erneut Sauerstoff in jene betroffenen Regionen kommt. Am Beispiel der Adria stellte er fest, dass unempfindlichere Tiere und Pflanzen das überleben konnten. Entwarnung könne aber, trotz der ansteigenden Hurrikantätigkeit im Rahmen des Klimawandels nicht gegeben werden, meint auch Stachowitsch. Ein länger anhaltender Sauerstoffmangel führe unweigerlich zum Absterben. „Was einmal tot ist, bleibt auch tot.“

So darf man für den Golf von Mexiko hoffen, dass die vorausgesagte überdurchschnittlich hohe Zahl von Hurrikans durch die NOAA auch eintrifft. Die Menschen allerdings, vor allem die armen Menschen in Mexiko, wird auch diese von Menschen verursachte Katastrophe wieder am schlimmsten treffen. (Ralf Streck)

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