Tödliche Aufklärung: Abschuss über der Sowjetunion

Der geheime Luftkrieg der Supermächte

Die Geschichte des Kalten Krieges ist auch die Geschichte der amerikanischen Aufklärungsflüge und daraus folgend zahlreicher Zwischenfälle im Luftraum des Ostblocks während des Kalten Krieges. Dabei wird deutlich, dass die Operationen gefährlicher waren als allgemein bekannt war und dass die Welt dem Dritten Weltkrieg näher war, als wir jemals vermutet haben.

Am 8. April 1950 hat Anatolij Gerasimov den viermotorigen US-Aufklärer PB 4Y2 "Privateer" im Visier seines sowjetischen "Lavotchkin 11"-Jagdflugzeuges. Gerade hat ihm der Pilot des amerikanischen Spionageflugzeuges noch zugewinkt. Dann dreht der Amerikaner Richtung Westen ab, statt – wie signalisiert – ihm zu folgen. Von der Bodenleitstelle erhalten Gerasimov und drei weitere Jagdpiloten daraufhin den Feuerbefehl. Ein Kugelhagel bringt die amerikanische Maschine zum Absturz.

Die RB 57 flog Fotoeinsätze in die Satellitenstaaten der Sowjetunion. Auch diese Maschine wurde von der in Frankfurt und Wiesbaden stationierten 7499th Support Group eingesetzt. (Bild: ZDF / US Air Force Museum)

Als die vier sowjetischen Piloten auf ihrem Stützpunkt landen, werden ihnen vorgefertigte Berichte diktiert. Es ist der erste Abschuss in einer langen Reihe von geheim gehaltenen Zwischenfällen, viele davon mit tödlichem Ausgang. Die Aufklärungsflüge der Amerikaner in den Luftraum des Ostblocks waren zahlreicher und gefährlicher als behauptet. In der Luft wurde der Kalte Krieg mit Kameras, Bordkanonen und Raketen ausgetragen. Es gab zahlreiche Abschüsse, Gefangennahmen und Tote. Mehr als 150 vermisste US-Air-Force-Soldaten sind ein Teil der Bilanz des geheimen Luftkrieges der Supermächte, bei dem durchweg westliche Flugzeuge in sowjetischen Luftraum eindrangen.

Ein erheblicher Teil der Operationen fand von deutschem Boden aus statt. Westdeutschland war eine Art Basis für die amerikanische Spionagetätigkeit. Die Dokumentation zeichnet die Umrisse dieses Geschehens und wartet auch mit bisher unbekannten Ereignissen auf, die von Beteiligten in beeindruckenden, emotionalen Aussagen geschildert werden. 2003 zum ersten Mal weltweit im Fernsehen gezeigt und mit Aussagen von Zeitzeugen belegt, werden Operationen wie das Absetzen von Partisanen unterstützenden Agenten bei Nachtflügen und geheime Einsätze zur Zielkartenerstellung für einen Nuklearangriff beschrieben.

Die Strategie von George F. Kennan war, die Sowjetunion von innen zu zerstören, mit Partinsanen. Es half ihm Reinhard Gehlen, Hitlers ehemaliger Meisterspion. Partisanenbanden in Litauen, die „Waldbrüder“, wurden mit Waffen, Munition und Lebensmittelabwürfen unterstützt. Daneben wurde dies auch in Lettland, Rumänien, Albanien, der Ukraine und anderen Satellitenstaaten der Sowjetunion versucht. Die Einsätze waren jedoch ein kompletter Fehlschlag, da sie unterwandert wurden: der Chef der englischen Auslandsspionage Kim Filby, verrät alle Einsätze vorab nach Moskau.

Elektronische Spionageaufklärer wie die RB 47 H hatten so viele Spezialgeräte an Bord, dass kaum Platz für die Besatzung blieb. (Bild: ZDF / US Air Force Museum)

Curtis LeMay, Organisator der Luftbrücke, wollte es nicht nur bei Hilfslieferungen für das abgeschnittene Berlin belassen: Er wollte, dass sich die Berliner mit Panzern durchkämpfen – schließlich hatten zu diesem Zeitpunkt nur die Amerikaner die Atombombe.

1950 beginnt China die Invasion Koreas, was die Amerikaner für ein Manöver der UDSSR halten. 55% der Amerikaner glauben, der Korea-Krieg sei der Beginn des 3. Weltkriegs. Die USA stellen fest, ein Nuklearkrieg gegen die Sowjetunion würde ein Jahr dauern und sie weniger als 3 Millionen Tote in den USA kosten, doch wäre der Feind damit nicht vollständig vernichtet. Selbst in Hiroshima hätte die Industrieproduktion innerhalb eines Monats wieder voll anlaufen können. Also verbessern beide Seiten solange die Atombomben, bis 1955 das Ziel erreicht ist, dass ein Atomkrieg die Vernichtung der Welt bedeuten würde.

Auch die Militärs der UDSSR rechnen den Erstschlag durch, doch die dortige Führung hält von dieser Strategie nichts. Stattdessen werden auf beiden Seiten die Flugzeuge weiterentwickelt: Zunächst kopieren die Russen die B29 der Amerikaner, den Hiroshima-Bomber, der allerdings schon in Hiroshima mit seiner Last überfordert war. Die Amerikaner bauen stattdessen die B36, den Convair Peacemaker mit 30 Stunden Nonstop-Flugdauer und 10 Triebwerken. Eine Leichtausführung hiervon wurde für Luftaufnahmen umgebaut – sie flog 1953 so hoch, dass die sowjetischen MIG15-Jäger sie nicht erreichten. Damit mussten die USA erstmals nicht mehr auf das 1941 von den Nazis geschossene Material zurückgreifen.

Die RB-36. Ein 10-motoriges, superleichtes Aufklärungsflugzeug, das höher als die MIGs fliegen konnte. Mit dieser Maschine flog Zeitzeuge Doug Morell 1953 einen Einsatz über dem sowjetischen Herrschaftsgebiet. (Bild: ZDF / National Archives)

Doch dann hat die UDSSR die MIG17, die die Höhe der B36 erreicht. Daraufhin bauen die USA Überschalljets, die den Jägern davonfliegen können. Danach Ballons, die die Sowjetunion überfliegen und dabei wunderschöne Landschaftsaufnahmen schießen, jedoch nichts militärisch verwendbares, weil ihr Überflug nicht gesteuert werden kann. Zudem werden sie ständig abgeschossen, da ihre Flughöhe auf 16 bis 18 km begrenzt wird, um die Russen nicht auf die Idee zu bringen, höherfliegende Flugzeuge zu entwickeln.

“Militär ist eine Bürokratie, die Waffen besitzt“

1956 folgt die U2 als hochfliegendes Geheimdienst-Fotoflugzeug, das russische Jäger wieder nicht erreichen können, mit Missionen über der Sowjetunion, um die dortige Bomberanzahl festzustellen. Es ergibt sich, dass die „Bomberlücke“, die zahlenmäßige Überlegenheit der russischen Bomber, eine reine Propagandaerfindung ist. Ab 1958 können die Sowjets auch die U2 abschießen, doch erst am 1. Mai 1960 passiert es zum ersten Mal. Nun folgen die Spionagesatelliten…

Dem Filmteam gelingt es, nachzuweisen, dass es beim Abschuss der "Privateer" am 8. April 1950 Überlebende gab, die in einem sowjetischen Gulag gesehen wurden. Das wahre Schicksal der Besatzung wird aber bis heute von der russischen Seite verschleiert und auch das amerikanische Militär hat wenig Interesse an der Veröffentlichung der ganzen Wahrheit.

Geheimeinsatz "Slick Chick": Von Bitburg aus flog 1956 der erste amerikanische Überschallaufklärer F 100 A Photoaufklärung ins Gebiet der DDR und anderer Satellitenstaaten. (Bild: ZDF / US Air Force Museum)

Auch die anderen dargestellten Einsätze, seien es Fotoflüge oder elektronische Aufklärung entlang oder über "Feindgebiet", kennen nur Fachleute. Die Überflüge waren provokativ genug, um den Dritten Weltkrieg heraufzubeschwören. Neue Dokumente widersprechen der These von den völlig eigenmächtigen Handlungen höchster Air-Force-Offiziere ohne Wissen des amerikanischen Präsidenten und sie werfen viele Fragen auf, u. a. die, welchen Sinn es hatte, US-Aufklärer, die äußerlich nicht von identischen Atombombern zu unterscheiden waren, in Formation die Sowjetunion überfliegen zu lassen.

Abschuss über der Sowjetunion , Dokumentation von Dirk Pohlmann, Deutschland 2003, 52 Minuten, Arte TV, Mittwoch 31. August 2005, 20.40 Uhr, Wiederholung: Freitag 2. September 2005, 16.50

(Wolf-Dieter Roth)