Töpfchen und Kröpfchen - Haltungen der Wohlmeinenden

Güteklassen für Menschen als Merkmal eines gut gemeinten Rassismus. Ein Kommentar

Vorbemerkung: In dem folgenden Artikel geht es nicht um kriminelle Handlungen von Ausländern, Flüchtlingen, Migranten. Dieses Thema wird landauf, landab in den Medien besprochen, ab und zu in sinnvoller, oft in weniger sinnvoller Weise. Es geht hier auch nicht um den offensichtlichen Rassismus der offensichtlichen Rassisten. Darüber wird ebenfalls viel debattiert. In diesem Artikel geht es um bestimmte Haltungen der Wohlmeinenden.

Online-Petitionen - man kann sie als Trostpflaster für die Ohnmächtigen in der parlamentarischen Demokratie sehen, als Beschäftigungstherapie oder als das Geschäftsmodell einer Klasse von NGOs, die mit ihnen erst entstanden ist. Wer ganz optimistisch denkt, hält sie für die Vorbereitung auf eine Zeit, in der die Stimmberechtigten wirklich etwas zu entscheiden haben. Würde das die Gesellschaft verbessern?

Ob bei change.org, Campact, Avaaz, openPetition - ein Thema gehört ganz gewiss zu den Klassikern auf allen Plattformen: Der Rassismus in all seinen hässlichen Erscheinungsformen, ob er nun von staatlichen oder nichtstaatlichen Akteuren ausgeht. Die Machenschaften im Zusammenhang mit dem Tod von Oury Jalloh, rassistische Äußerungen von Politikern oder ganz banaler Alltagsrassismus - Online-Petitionen haben sich dieser Themen immer wieder angenommen.

Bereits erfolgte oder drohende Abschiebungen sind oft Thema. Die eine Petition, die zum Anlass dieses Artikels wurde, ist in jeder Hinsicht berechtigt. Sie wird nicht verlinkt, um ihr keine Probleme zu bereiten. Den Rückenwind, den sie braucht, hat sie.

Ihre erste Aufgabe ist bewältigt: Aufmerksamkeit für das Auseinanderreißen einer Familie zu erzeugen und für die Abschiebung von hier geborenen Kindern in ein Land, das sie nicht kennen und dessen Sprache sie nicht verstehen. Was die Petition anprangert, ist eine Form der organisierten Unmenschlichkeit.

Eines fällt aber nicht nur bei dieser Online-Aktion auf. Die von Abschiebung Bedrohten oder schon Abgeschobenen werden als mustergültig integriert, fleißig, sauber, ordentlich beschrieben. Man redet wie von stubenreinen Hunden, die ohne eigenes Verschulden im Tierheim gelandet sind.

Wenn das als eine Form der Anpreisung in den Petitionstexten irgendwie noch verständlich ist, so merkt man spätestens in den Kommentarspalten, dass die Darstellung der Betroffenen auf eine ganz bestimmte Haltung zugeschnitten ist.

Viele der Unterzeichner können sich gar nicht darüber beruhigen, dass so ordentliche, so saubere, fleißige, bescheidene Mustermenschen abgeschoben werden, während die ahnungslosen Behörden all die faulen, kriminellen und gefährlichen Ausländer mitten unter uns einfach so gewähren lassen.

Die Betroffenen, so scheinen die Unterzeichner zu sagen, hätten nicht abgeschoben werden sollen, denn sie gehören genauso zur Güteklasse 1a wie wir. Ja, sie mussten sich sogar noch ein wenig mehr anstrengen, damit wir ihre komischen Namen und ihre etwas dunklere Haut zu entschuldigen bereit waren. Diese Form der totalen Anpassung bis hin zur unsichtbar machenden Mimikry ist es, die den wohlmeinenden, empörten Schützern deutscher Sekundärtugenden Respekt abringt.

Hinter dem Respekt steht ironischerweise genau das, was die abschiebefreudigen Rassisten auch bewegt: Arbeitsfetisch, Reinlichkeitswahn, Gruppennarzismus. Die empörten Petitionsunterzeichner sind bereit, die Gruppe der Mustermenschen etwas auszudehnen, aber Abfallmenschen kennen auch sie.

Der Dunkelhäutige, der seinen Wagen falsch parkt (oder eine Marke fährt, die ihm nicht zusteht), der "Südländer", der keine Lust auf Idiotenjobs hat, ein angeblicher Pole in der Nachbarschaft, der angeblich die deutsche Mülltrennung nicht beherrscht, der Jude, der nicht in die Familie einheiraten soll, der Youtuber, der seine moslemische Ehefrau gegen einen Internet-Hetzmob verteidigt , der Journalist mit falschem Namen, der zu freche Texte schreibt: All diese verdächtigen Gestalten sind keine Prädikatsmenschen. Ihr Integrationswillen steht in Zweifel, bei ihnen hört der Spaß auf.

Josef Mengele, Wernher von Braun und Hermine Braunsteiner waren sehr fleißige, saubere und ordentliche Menschen. Heinrich Himmler zeigte sich in seinen Posener Reden von den Fragen des Anstands bewegt.

Auch der NSU wurde von fleißigem Vernichtungswillen, ordentlicher Mordlust und sauberer Buchführung angetrieben. So ordentlich war er, dass er beim Untertauchen ordentlich geführte Telefon- und Adressenlisten zurückließ, die von den fleißigen und ordentlichen deutschen Sicherheitsbehörden dann leider, leider nicht ausgewertet werden konnten, bis alles vorbei war.

Sollen jetzt die wohlmeinenden Petitionsunterzeichner insgeheim Rassisten sein? Auf keinen Fall würden sie selbst sich so wahrnehmen. Sind doch einige ihrer besten Freunde Ausländer. Sie mögen auch Döner und unterschreiben eben ab und zu eine Petition gegen brutale Abschiebungen - aber nur, wenn es um echte Mustermenschen geht. Das ist folgerichtig, sie selbst sind schließlich auch welche.

Ja, es ist es wichtig, aus welchen Gründen man sich der staatlichen Abschiebemaschinerie und ihrer organisierten Unmenschlichkeit entgegenstellt. Denn dass sich die Liebe zum Fleiß, zum Ordnungssinn und der Sauberkeit der "richtigen" Ausländer in Hass gegen die "falschen" verkehrt, ist nur allzu vorhersagbar.

Die Tiraden unter den Petitionen gegen Abschiebungen machen deutlich: Ob ein Mensch Rechte hat, hängt für viele Unterzeichner davon ab, wie arbeitswillig er ist, wie sauber sein Deutsch und wie adrett seine Kleider sind, wie artig er sich verhält. Dass die Guten auch ins Kröpfchen kommen, ist ihnen nicht einsichtig, aber die Schlechten gehören auf keinen Fall ins Töpfchen. Die Aktivisten, die solche Petitionen aufsetzen, sollten sich vielleicht überlegen, ob das die Haltungen sind, die sie fördern wollen. (Marcus Hammerschmitt)

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