Tot oder lebendig - das ist bei Usama bin Ladin die Frage

Die angeblichen offiziellen Websites von al-Qaida

Im World Wide Web steht geschrieben, dass Bin Ladin bei einem US-amerikanischen Bombenangriff auf die afghanische Bergfestung Tora Bora im Dezember ums Leben gekommen sei. Die Nachricht ist nicht die erste und nicht neu. Aber da niemand genau weiß, welche der zitierten Homepages terroristischer Natur und al-Qaida zuzurechnen sind, spekulieren die Experten wild herum. Und jedes Medium, das in den letzten Tagen über "al-Qaida online" berichtete, dichtete etwas dazu oder ließ wesentliche Informationen weg.

Am Donnerstag zitierte der Fernsehsender N-TV den Bericht eines israelischen Radiosenders. Israelische Internetexpeten hätten eine Website entdeckt: Dort habe Abu Jafar al Kuwaiti, ein Vertrauter Usama bin Ladins, mitgeteilt, dass der Terroristenchef tot sei. Wer dieser Mann ist und warum er Bin Ladin nahestehen soll, bleibt rätselhaft: Auf den Listen der Top al-Qaida Leaders ist er nicht aufgeführt.

Der Urheber der Meldung ist Reuven Paz, Direktor des "Project for the Research of Islamist Movements" von der Universität in Haifa. Paz wird am 12. September auf der Website des "International Policy Institute für Counter-Terrorism" (ICT) zitiert: "The official website of the Al-Qaida organization-al-nida.com-reports that Osama bin Ladin may have been killed in the bombing of Tora Bora last December".

Die Website al-nida.com sei mehrere Wochen offline gewesen und erst am 11. September wieder aufgetaucht. Ob die al-nida.com "al-Qaida" gehört, darf kontrovers diskutiert werden. Reuven Paz lässt auch gehörige Zweifel offen, ob die Meldung vom Tod Bin Ladins authentisch ist. Diktion und Stil passe zum Wahhabism, der fundamentalistischen Linie des Islam, der sowohl die Taliban, "al-Qaida" als auch das Königshaus Saudi-Arabiens angehören. Der Augenzeuge, der vom Tod Bin Ladins berichtet, spreche aber nur von einem "Osama" - es könne auch ein anderer gleichen Vornamens gemeint sein.

Jehad.net, eine Website, die ebenfalls dem Umfeld Bin Ladins zugerechnet wird, bestritt sofort, dass der Terroristen-Chef gestorben sei. Diese Meldungen wurde von Eli Hacohen, "Israel radio's internet reporter" beim Israel Radio International verbreitet und kommentiert. N-TV wies darauf hin, dass am Schluss des angeblichen Augenzeugenberichts gesagt wurde, dass Usama bin Ladin zwei Tage vor dem Bombardement sein Versteck verlassen habe und am Leben sei.

Al-nida.com ist zur Zeit offline, der Domaininhaber ist Abdullah Alshimemeri vom "King Fhahad Hospital" in Riad, Saudi-Arabien. Gemeint ist offenbar das King Fahd Hospital. Es verwundert jedoch, dass der Domaininhaber um seine Identität und seine Person kein Geheimnis macht. Auch die Telefonnummer scheint echt zu sein. Derselbe Abdullah Alshimemeri - mit identischer Anschrift - ist auch Inhaber der Internet-Firma Arabto.com. Es erscheint also sehr unwahrscheinlich, dass die Website zum Terroristen-Netz "al -Qaida" gehören soll oder gar deren "offizielle" Position verbreitet.

Zumindest strittig ist auch die These, die beiden anderen in den Medienberichten erwähnten Websites veröffentlichten authentische "al-Qaida"-Propaganda. Jehad.net wird von der Haganah, einer jüdischen "online self-defense force" aus den USA, eindeutig "Al-Qaida" zugerechnet. Das liegt zumindest nahe: jehad.net verbreitet das Online-Magazin "Al-Ansar", das keinen Hehl daraus macht, Usama bin Ladin nahezustehen. Das Middle East Media Research Center hat mehrere Artikel untersucht und "Al-Ansar" und seine Korrespondenten als "affiliated with Al-Qa'ida" eingeordnet. Das bedeutet jedoch nicht, dass jehad.net selbst eine virtuelle Terrorismus-Filiale ist - genausowenig wie der mittlerweile weltbekannte Sender Al Dschasira. Der Domain-Inhaber gibt sich als Vertreter der Libyan Arab Jamahiriya aus - mit real existierender Adresse in Tripolis, Libyen.

Die Berichte deutscher Medien in den letzten Tagen bezogen sich allesamt auf eine ganz andere Website, die keinen Eintrag im Nameserver hat - 66.197.181.234 (derzeit nicht erreichbar). Da nicht alle Journalisten wissen, was eine IP-Adresse ist, ergaben sich lustige Formulierungen. NT-V verbreitete per Videotext:

"Wie unser Nahost-Korrespondent Sahm berichtet, wird auf der angeblichen offiziellen Homepage der Terrorgruppe Al Kaida, die nur über einen geheimen Link zu erreichen ist, vom Tod des meistgesuchten Terroristen gesprochen."

"Spiegel online" formuliert: "..bestehen Zweifel an der Authentizität der Seite, die gegenwärtig von einem US-Server ausgeliefert wird." Die Netzeitung: "Der Server der Adresse mit der Internetkennung "66.197.181.234" steht in Philadelphia."

Die "offizielle Website" der al-Qaida wird also vom "Network Operations Center Inc." in Bloomsburg, USA "ausgeliefert", will sagen: gehostet? Das darf man getrost bestreiten. Der Quellcode der Seite gibt jedoch mehr her: Das Unterverzeichnis 66.197.181.234/img1/th/ verweist auf www.je7ad.com. Domaininhaber ist die saudische Al Suroor United Group mit Sitz in Beirut, Libanon. Der Präsident Sheikh Ali Bin Saeed Al Suroor ist auch Chef der Najran Travel Agencies und gehört dem "TraveMASTERS Ltd." an, dem größten Dachunternehmen für Touristik in Saudi-Arabien. Immerhin ist es möglich, dass es sich bei dem wahren Verantwortlichen für die Domain um einen Kunden der saudischen Bank handelt, der mit der so genannten SaudiTech WebSurfer card bezahlt hat. Das lässt sich aus dem Whois-Eintrag schließen.

Die angebliche "al-Qaida"-Website verwendet die Skriptspache PHP, ein Produkt der israelischen Firma Zend. Zend wiederum steht auf der Liste derjenigen Unternehmen, zu deren Boykott unter anderem der "Muslim-Markt" des Dr. Yavuz Oezoguz aus Delmenhorst aufruft. Mathias Schindler hat daraus gleich eine humorvolle Theorie gebastelt: "Al-Qaida nutzt also Produkte aus Israel, noch dazu boykottierte? Wow, das nenne ich pragmatisch." Und damit ist der Fall eindeutig eine Angelegenheit für die Newsgroup de.alt.soc.verschwörung. (Burkhard Schröder)