Total verbandelt?

"Friends of the Earth" werfen der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit Parteinahme für die Interessen der Gentech-Industrie vor

Herbe Kritik an der EU-Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) übt die Umweltorganisation Friends of the Earth (FoE. Die Verbindungen der Organisation zur Biotech-Industrie seien bedenklich eng, so der Vorwurf. Konkret sichtete die FoE mehrere Wissenschaftler, die für die EFSA Beurteilungen gentechnisch veränderten Saatguts durchführen, auf gesponserten Kongressen und sogar in einem Video, das von der Biotech-Industrie in Auftrag gegeben worden war. So gerieten auch die deutschen Gremiumsmitglieder Dr. Detlef Bartsch und Dr. Hans-Jörg Buhk ins Visier der Umweltschützer.

Werner Müller, Risikoforscher und Gentechexperte der österreichische FoE-Partnerorganisation Global 2000, ärgert sich generell über die häufig "unkritsche Haltung" der EFSA-Gutachter. Dabei verfügt die Agentur über erhebliche Macht, erarbeitet sie doch die generellen Leitlinien für den europäischen Lebensmittelmarkt. Nach eigener Darstellung beschäftigt sich die - erst Mai 2003 voll etablierte - EFSA heute vorrangig mit Risikobewertungen, die insbesondere bei gentechnisch veränderten Lebensmitteln bzw. bei GV-Saatgut von großer Brisanz sind. Die Gutachten der EFSA werden von der EU-Kommission als Grundlage für die Zulassung von gentechnisch veränderten Organismen (GVO) verwendet. Mit Hilfe der EFSA wurde letztlich auch die Aufhebung des Gentech-Moratoriums begründet.

Friends of the Earth lassen in dem Report Throwing Caution to the Wind, was soviel heißt wie "Alle Vorsicht in den Wind schlagen", kaum ein gutes Haar an der Arbeitsweise der Agentur. "Der Bericht zeigt unter anderem die Nähe der EFSA zur Industrie auf. Alle zwölf bisher von der EFSA verfassten Gutachten über GVO fielen zugunsten der Biotech-Industrie aus. Einige der Mitglieder der EFSA haben direkte oder indirekte Verbindungen zur Biotech-Industrie und treten zum Beispiel in einem Informationsvideo der Biotech-Industrie auf. Kritische Stimmen werden zwar angehört, spielen jedoch keine Rolle in den Konsultationsverfahren", fasst Werner Müller von Global 2000 wesentliche Kritikpunkte zusammen.

Auch durch widersprüchliche Gutachten zu einzelnen GVOs verliere die EFSA ihre Glaubwürdigkeit, so die Studie. Als konkretes Beispiel führt die Global 2000 einen Fall aus Österreich an. So empfahl die EFSA, dass gentechnisch veränderte Organismen mit einem Resistenzmarker-Gen für das Antibiotika Ampizillin nicht kommerziell angebaut werden sollten. Österreich hatte deshalb gegen den Gentech-Mais Bt176, der eben dieses Gen enthält, ein Importverbot erlassen. In einem späteren Gutachten allerdings wies die EFSA die österreichische Begründung für die Aufrechterhaltung des Importverbotes zurück. Denn laut EFSA soll das Verbot für Genpflanzen, die das Resistenzmarker-Gen für das Antibiotika Ampizillin enthalten, nur für "zukünftige" Genpflanzen, jedoch nicht für bereits zugelassene gelten. "Ein solches Vorgehen hat mit Wissenschaftlichkeit nichts zu tun und ist als reines Zugeständnis an die Biotech-Industrie zu werten", interpretiert Müller.

Bt176, ein Produkt der Biotech-Fima Syngenta, ist auch in Deutschland weder zur Aussaat noch zum Import zugelassen. Auf EU-Ebene allerdings wurde noch vor dem Gentech-Moratorium von 1998 eine Zulassung erteilt. Dabei wird selbst in den USA Bt176 nicht mehr vermarktet. Die neue spanische Regierung hat erst letztes Jahr den Anbau dieser Genmaissorte verboten. In Spanien werden etwa 30.000 Hektar GV-Mais zu kommerziellen Zwecken angebaut, wovon etwa 20.000 Hektar mit Bt-Mais 176 kultiviert wurden.

Tendenziell hat sich allerdings auch die EFSA gegen GV-Pflanzen mit Antibiotika-Resistenzgenen ausgesprochen. Das GVO-Gremium der EFSA hält es in einer entsprechenden Stellungnahme zwar generell für extrem unwahrscheinlich, dass der Anbau und Verzehr von GV-Pflanzen mit Antibiotikaresistenz-Genen die Wirksamkeit der jeweiligen Antibiotika beeinträchtigen könnte. Unter Vorsorge-Gesichtspunkten empfehlen die Experten aber, dass GV-Pflanzen in Zukunft keine Resistenzgene gegen solche Antibiotika mehr tragen sollen, die noch regelmäßig zur Therapie von Infektionskrankheiten bei Menschen oder Tieren eingesetzt werden.

Die EFSA indes wies die Vorwürfe der Umweltorganisation hinsichtlich der Parteilichkeit der GVO-Panel-Mitglieder zurück:

Die Europäische Lebensmittelbehörde (EFSA) ist der Ansicht, dass sie ihre Aufgabe, die darin besteht, unabhängige und zuverlässige Empfehlungen zu Fragen im Zusammenhang mit gentechnisch veränderten Organismen (GMOs) abzugeben, vollauf erfüllt. Die EFSA wird weder von wirtschaftlichen noch sonstigen Interessen auf diesem Gebiet beeinflusst. Die Tätigkeit der EFSA steht voll und ganz im Einklang mit den Bestimmungen, wie sie in der Gründungsverordnung 178/2002 niedergelegt und vom Rat der Europäischen Union und dem Europäischen Parlament verabschiedet wurden. Bei den Erklärungen zu eventuellen Interessenkonflikten von wissenschaftlichen Experten, Beratungen mit Interessengruppen sowie in Bezug auf Transparenz geht die EFSA sogar über die Anforderungen der Verordnung 178/2002 hinaus.

Stellungnahme der EFSA

Tatsächlich sind "declarations of interests" der Gremienmitglieder auch auf der Homepage der EFSA publiziert. Die Mehrzahl der Mitglieder weist keine direkten oder indirekten Interessen aus.

Das GVO-Gremium der EFSA zählt mehr als zwanzig Köpfe, darunter auch drei deutsche Mitglieder. Ins Visier von "Friends of the Earth" gerieten nun zwei der deutschen Experten: Dr. Detlef Bartsch und Dr. Hans-Jörg Buhk.

In ihren Deklarationen scheinen keine direkten oder indirekten finanziellen Interessen auf. Allerdings sind beide für ihre positive Haltung zur grünen Gentechnologie bekannt. Buhk war lange Jahre in leitender Position am Zentrum für Gentechnologie des Robert-Koch-Instituts tätig. Der Gentechnik-Bereich des Instituts wird inzwischen aufgrund eines Beschlusses des Bundestages von Ende März 2004 in großen Teilen dem Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) zugeordnet. Laut "Friends of the Earth" war Buhk Mitglied des vorbereitenden Ausschusses einer von u.a. von Bayer, KWS, Dupont und BASF gesponserten Konferenz 2004. Die Veranstaltung erhielt allerdings auch Unterstützung durch die Gastgeber-Stadt Köln. Die biotech-freundliche Ausrichtung dieser alle zwei Jahre stattfindenden Veranstaltung ist Programm. Selbstdarstellung der Veranstalter:

Die ABIC ist eine der wichtigsten Konferenzen im Bereich landwirtschaftliche Biotechnologie. Investoren, Industriemanager und politische Entscheidungsträger kommen zu einem intensiven Erfahrungsaustausch zusammen, um Impulse für das Know-how der Agrarbiotechnologie zu geben. Dieses Forum wurde für die Diskussion von Ergebnissen aus Forschung und Entwicklung geschaffen, um Kooperationen zwischen akademischen Einrichtungen und Industriepartnern zu ermöglichen, damit der Transfer von Laborergebnissen in den industriellen Maßstab beschleunigt werden kann. Daneben soll die Veranstaltung die Akzeptanz der Biotechnologie im öffentlichen Meinungsbild verbessern.

Die FoE sieht die Teilnahme Buhks an der Organisation der Veranstaltung problematisch, zumal sie nicht in der decleration of interest genannt worden wäre:

Worryingly, either some Panellists are not completing their declarations fully or the EFSA website is not fully updated. For example Hans-Jorg Buhk was also on the steering committee of the Agriculture Biotechnology International Conference that took place in Germany recently. This high-profile pro-GM conference "Europe's most important date for AgBiotech in 2004" was sponsored by companies including Bayer, KWS, DuPont and BASF4. There is no mention of this role in Buhk's declaration of interest. Friends of the Earth Europe believes that members of such an influential scientific panel should have no involvements that could give rise to any suspicion of bias.

Buhk und Bartsch - der ebenfalls am BVL wirkt - würden außerdem in einem Promotion-Video der Biotech-Industrie in Erscheinung treten, so "Friends of the Earth":

Friends of the Earth Europe questions whether people who have publicly promoted GM crops in this way should be playing a key role in the approval of GM foods.

Nachvollziehbare und teilweise auch deklarierte direkte sowie indirekte wirtschaftliche Interessen konnte die Umweltschutzorganisation bei einigen, wenigen Mitgliedern der EFSA aus anderen EU-Ländern ausmachen. Der österreichische Risikoforscher und Gentech-Experte von Global 2000, Werner Müller, fordert nun, dass befangene Mitglieder des Wissenschaftlergremiums zurücktreten und in Zukunft auch kritische Stimmen berücksichtigt werden.

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