Totaler Terrorkrieg

Zerstörter türkischer Panzer. Screenshot aus einem Video

Dutzende von Zivilisten sind bisher bei dem Vorstoß der türkisch-dschihadistischen Invasionstruppen auf die nordsyrische Stadt Manbij getötet worden. Yildirim ruft "totalen Krieg" aus

Der türkische Ministerpräsident Binali Yildirim kündigte am 26. August den "totalen Krieg" gegen den "Terror" an: "Lasst unsere Nation wissen, dass wir den totalen Krieg gegen diese Terroristengruppen eröffnet haben", erklärte Yildirim unter Bezugnahme auf den Islamischen Staat und die Demokratischen Kräfte Syriens (SDF), die diesen entscheidend militärisch geschwächt haben.

Was ein totaler türkischer Terrorkrieg bedeutet, konnte die Bevölkerung Nordsyriens leidvoll erfahren. Dutzende von Zivilisten wurden bei massiven Artillerie- und Luftangriffen der türkischen Armee getötet, mit denen die hastig errichteten Verteidigungslinien der SDF durchbrochen wurden. Mindestens 40 Zivilisten sind bei dem exzessiven Einsatz von Artillerie und Kampfflugzeugen gegen Städte und Dörfer der Region getötet worden, mindestens 75 wurden verletzt.

Ausgelöst wurden die massiven türkischen Terrorangriffe durch erste Verluste der türkischen Armee. Kämpfern der SDF war es zuvor gelungen, mehrere türkische Panzer auszuschalten. Dabei wurden türkische Soldaten und verbündete islamistische Milizionäre getötet und verletzt. Die exzessiven Bombardierungen waren somit eine Vergeltungsaktion des türkischen Militärs, bei der ein "Exempel" statuiert werden sollte.

Quellen aus dem Umfeld der SDF melden den Tod von 13 Kämpfern und die Auslöschung von drei Dörfern durch konzentriertes türkisches Artilleriefeuer. Inzwischen sind die türkischen Invasionstruppen mehr als 20 Kilometer südlich von Jarabulus vorgestoßen, wobei sich die Angriffsspitzen am westlichen Ufer des Euphrat vorarbeiten.

Mittelfristiges Ziel ist die Eroberung der - vor wenigen Wochen von den SDF von der Dschihadistenherrschaft befreiten - Stadt Manbij (Nordsyrien: Türkei-Islamisten-Allianz greift Anti-IS-Allianz an). In ein paar Tagen, "so Gott will", werde man schon in der Stadt einmarschieren, erklärte ein von der Türkei unterstützter "Rebell" gegenüber Reuters.

Der Vormarsch der türkischen Armee geht mit Misshandlungen gefangen genommener Kämpfer der SDF durch die türkischen Dschihadistentruppen einher, die auch äußerlich kaum von Kämpfern des "Islamischen Staates" zu unterscheiden sind.

Immer noch wurde kein einziges Gefecht zwischen den türkisch-dschihadistischen Invasionstruppen und den Verbänden des Islamischen Staates (IS) geführt, der von den SDF in den vergangenen Monaten an den Rand einer militärischen Niederlage gebracht wurde. Der IS hat seine Truppen aus dem Grenzgebiet zurückgezogen und zieht sie in Al Bab und Raqqa zusammen. Die Türkei gilt laut internen Einschätzungen der Bundesregierung als einer der wichtigsten Unterstützer des Terrors in der Region.

Inzwischen ist eine informelle militärische Kooperation zwischen den Islamischen Staat und den Staatsislamisten in Ankara erkennbar. Die Angriffe der türkischen Dschihadistentruppen südlich von Jarabulus auf die SDF werden durch vermehrte Attacken der verbliebenen Einheiten des Islamischen Staates auf Rojava flankiert. Die türkisch-islamistische Invasionsarmee geht vom Norden gegen Manbij vor.

Selbstmordattentäter des IS griffen zur gleichen Zeit Verteidigungsstellungen der SDF nordwestlich und westlich von Manbij an. Südlich der umkämpften Stadt haben Einheiten des Islamischen Staates eine Offensive gestartet und ein Dorf erobert.

Angriffe der türkischen Armee oder der US-Luftwaffe auf die Verbände des IS in der Region um Manbij finden nicht mehr statt. Die türkische Invasion Rojavas "feierte" das IS-Kalifat - das kurz davor stand, durch die Erfolge der SDF die überlebensnotwendigen Versorgungslinien in die Türkei zu verlieren - mit einer grauenvollen Inszenierung, bei der fünf Kurden durch fünf Kinder mit Kopfschüssen hingerichtet wurden. Die Exekution wurde aufgezeichnet und ins Netz gestellt. Kurdische Quellen behaupten gar, dass mitunter Kommandeure des IS direkt zu den türkischen Dischadistenverbänden übergelaufen sind.

Zudem zeichnet sich bereits deutlich ab, dass die türkische Invasion nicht nur auf die Gebiete westlich des Euphrats beschränkt bleiben wird. Ankara geht es um die totale Vernichtung des basisdemokratischen Experiments an der Südgrenze der Türkei. In regimenahen türkischen Medien wird bereits über Eroberung der Selbstverwaltungsgebiete östlich des Euphrats debattiert.Inzwischen haben türkische Truppen - im Rahmen der bewährten Salamitaktik - erste Vorstöße in andere Regionen Nordsyriens unternommen.

Grenzübertritte türkischer Armee-Einheiten werden aus dem Osten, aus Derik und aus dem symbolträchtigen Kobane gemeldet. In der Grenzstadt, die in monatelangen Kämpfen gegen den IS gehalten werden konnte, bauen türkische Soldaten nun Befestigungsanlagen - auf der syrischen Seite der Grenze.

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