Toxizität - oder die Sprache der "Besorgten"

Die gesellschaftliche Mitte ist müde und erschöpft, die Ränder radikalisieren sich weiter. Entspricht etwas an Chemnitz einem kommenden neuen Normalzustand?

Abermals war es der sprichwörtliche Funke, der ausreichte, dass die Tat das Wort überschritt und ein Mensch getötet wurde. Zurück bleiben Trauernde, eine verstörte Bundesrepublik und auch viele jener "Besorgten", die bereits zu einem Sprachamalgam mit "rechten Gewaltbereiten" geworden sind. Seine Individualität in der Masse aufgeben und zu einem Teil des Sprachchores zu werden, das sind nicht immer harmlose Praktiken des Begeisterungstaumels. "Massen werden zu einem Körper, zu einer Emotion und zu einem Geist", notierte Elias Canetti vor sechs Jahrzehnten.

Der risikoreiche Übergang vom Wort zur Tat ist und bleibt ein qualitativer Sprung. Dieser ist auch nicht monokausal, sondern entspricht Vorgängen von sich gegenseitig verstärkenden Sprechakten und kumulativen Wirkungen von Sprachhandlungen; er entspringt aus semantischen Auf- und Überladungen sowie den daraus ableitbaren Handlungsweisen.

Der Prozess von der Sprachgewalt zur Gewalt durch Sprache und von dieser zur gewaltsamen Tathandlung vollzieht sich nicht mit Notwendigkeit, doch der latente Hass wird durch Sprache gleichsam "aufgeweckt", er wird manifest. Verbale Übertretungen schreiten nicht einfach nur unbegrenzt fort - an ihrem Höhepunkt angelangt bereiten sie eine neue Dimension vor, jene der "tausend Finsternisse todbringender Rede" (Paul Celan), in der die Tat das Wort überschreitet.

Sobald es aus sozialen, kulturellen, ethnischen oder religiösen Gründen zu einem gesellschaftlichen Zusammenbruch der Symmetrie bestehender Anerkennungsverhältnisse kommt, werden sprachliche Grenzen brachial übertreten. Häufig tritt dann auch die populistische Schlagseite der Politik mit ihrer verschärfenden Rhetorik zutage und reduziert die Komplexität der Welt durch verkürzende Sprache.

Doch die Massentauglichkeit hat einen hohen Preis. Denn der verbale Weg von der Simplifikation zum Vorurteil und vom Angstbild zur Feinbildrhetorik ist ein sehr direkter Sprachweg. Ein Weg, auf dem die Sprache des Ressentiments nahezu mühelos ethnisiert werden kann.

Der genetische Code des ehemaligen "gesunden Volksempfindens" wurde wieder reaktiviert. Verschiedene Slogans, hinter denen der Begriff "Überfremdung" steckt, sind modifizierte Restbestände aus dem Spracharsenal des NS-Rassenwahns. Als verbaler Bodensatz richtet sich dieser heute gegen "die Anderen": Xenophobie, lslamophobie unter dem Deckmantel von oberflächlichem Philosemitismus, versehen mit einem stabilen Kern aus "Besorgtheit", Intoleranz und Verbalradikalismus.

Die sprachliche Gewalt des Verdachts, die der Populismus in seiner DNA trägt, ist bereits in breiten Teilen der Gesellschaft angekommen.

Und sogar bei jenen, deren politische, humanistische Haltung trotz Sorge ungebrochen ist, beginnen gesellschaftspolitische Ideale zu erodieren. Das Zeitalter der Erschöpften ist angebrochen. Reichten einst sprachlich gut transportierte Wahlprogramme für das Gewinnen von Mehrheiten aus, genügen künftig Bilder mit Überschriften für die kürzer werdende Attention Span.

Die sichtbare Erschöpfung der Massen lässt Texte wie Energieverschwendung erscheinen. Die Sprache droht in die Armut der Verkürzung zu verfallen, denn die kritische Analyse und das Diskursive spielen in den Sozialen Medien keine Rolle, sie erlöschen in der Unbarmherzigkeit der Timeline.

Überall dort, wo das Performative sprießt und beginnt zur Sprachhandlung zu werden, besteht Verletzungsgefahr durch Sprache. An dieser Stelle bricht auch ein Konkurrenzverhältnis auf, jenes zwischen der Forderung nach unumschränktem Recht auf freie Meinungsäußerung und dem obersten Gebot des Schutzes der Menschenwürde. Eine Bruchlinie, die je nach historischer, kultureller und/oder religiöser Herkunft unterschiedlich interpretiert und gewichtet wird.

Free Speech und die Würde des Anderen werden sprachlich niemals völlig zur Deckung gebracht werden können, man kann sie einander nur behutsam, asymptotisch annähern; feine tangentiale Berührungen sind nötig, andernfalls kommt es im Zivilisationsprozess der Sprache zu spürbaren Kollisionen.

Vor dem "zufällig-absichtlichen" Vokabular der "Besorgten" ist daher ebenso zu warnen, wie vor dem Verbalradikalismus des sanften Wortes. Beispielsweise vor dem - nach Jahren wieder ins Spiel gebrachten - vom Ministerpräsidenten Bayerns benutzten Wort "Asyltourismus", das er eigenen Angaben zufolge nicht mehr verwenden möchte, "wenn es jemanden verletzt"; was keinen Unterschied mehr macht, da es ohnehin längst in den verengenden Echokammern der Sozialen Medien angekommen ist.

Auch "Bio-Deutsche" im Gegensatz zu "Pass-Deutschen" sind keine harmlosen Wortspiele, sondern bagatellisierende Komposita als Teile des xenophoben rechten Agenda Settings.

Die AfD erblickte in Deutschland das Licht der Welt und gedeiht als Partei besonders in sozial segregierten Gebieten des Ostens prächtig. Doch in Österreich, Italien und Frankreich sowie in zahlreichen anderen Staaten leben ihre älteren Partei-Geschwister und -Verwandten. Diese arbeiten schon lange, mit teils erschreckend großem Publikumserfolg, u. a. mit ethnisch und religiös herabwürdigendem Vokabular.

Die verschmutzten und beschädigten Sprachkerne der jüngeren Geschichte sind konstitutiver Teil ihrer sprachlichen Aufrüstung. Mit subkutanen Sprachvergiftungen und -verseuchungen wird die Hassrede unserer Tage rhetorisch errichtet. Sie bildet jenen schneidenden Grundton, der nahezu jedes kulturelle Bemühen durchdringt.

Die Vorbildwirkung der Sprache in der Politik kann nicht hoch genug bewertet werden. Nicht erst die nächste Legislaturperiode, sondern bereits die nächste politische Rede, nicht erst die erfolgte Amtsübernahme, sondern bereits der Wahlkampf vor dieser bietet Gelegenheit zu verbaler Deeskalation im Sinne politischer Kultur. Doch es ist schwierig, dem Volk sprachliche Mäßigung abzuverlangen, wenn die Vorbilder das "Vor" aus "Vorbild" streichen und nur noch am Bild, am Image und an dessen glatter Oberfläche arbeiten - vom großen transatlantischen Entwerter ganz zu schweigen.

Hassrede, insbesondere jene in den sozialen Medien, hat den Charakter von großflächigen sprachlichen Überschwemmungen. Einzelmaßnahmen helfen da nur punktuell, daher wäre konsequente Gegenhaltung vermutlich das wirksamste Gegenmittel. Das Konzept der Gegenrede ist zwar gleichfalls bemüht und ehrenwert. Doch Gegenrede birgt das Risiko, die Hassrede, Affekte und Ressentiments implizit zur politischen Kategorie aufzuwerten und mit demokratischer Partizipation zu verwechseln. Hingegen generiert die Praxis einer zivilgesellschaftlichen Ethik, vermittelt durch Vorbilder aus Politik, Bildungseinrichtungen und Medien substanzielle gesamtgesellschaftliche Gegenhaltung; auch wenn diese nicht sofort denselben diskursiven Startvorteil besitzt.

Aufstehen ist wichtig. Damit die tragischen, folgenreichen Zusammenstöße von Chemnitz niemals zum Paradigma für ein New Normal werden.

Paul Sailer-Wlasits, geb. 1964, ist Sprachphilosoph und Politikwissenschaftler in Wien. Zuletzt erschienen: "Minimale Moral. Streitschrift zu Politik, Gesellschaft und Sprache" (2016) und "Verbalradikalismus. Kritische Geistesgeschichte eines soziopolitisch-sprachphilosophischen Phänomens" (2012).

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