Trans Psychedelischer Express

Eleusis - Basel - Babylon - und weiter. Anmerkungen zum 60. Jahrestag der Entdeckung von LSD

Frank Zappa hat einmal eine Theorie über Bier aufgestellt und meinte: "Der Konsum von Bier führt zu pseudo-militärischem Verhalten. Denken Sie mal darüber nach - Wino's don't march, Weintrinker marschieren nicht, auch Whiskeyfreunde marschieren nicht - (manchmal schreiben sie allerdings Gedichte die noch furchtbarer sind.)"1

Soweit Frank Zappa. Sicher hat so eine sehr allgemeine These ihre Unschärfen, aber wenn man die Sanitäterstatistiken zum Beispiel des Münchner Oktoberfests oder bei bierseligen Fußballspielen betrachtet, scheint der Trend zum Pseudo-Militärischem, zum "Hau drauf" durch Biergenuss, nicht einfach von der Hand zu weisen. Der Mensch ist nicht nur, was er isst - er verhält sich auch entsprechend der geistbewegenden Substanzen, die er zu sich nimmt.

Diese Tatsache ist mit Albert Hofmanns Erforschung des Mutterkorns und der Entdeckung seines psychoaktiven Wirkstoffs am 18. April 1943 in eine neue Dimension geraten - seitdem reichen wenige tausendstel Gramm, um eine völlig Veränderung der Wahrnehmung, des Bewusstseins, des Verhaltens auszulösen. Von einigen Autoren ist LSD wegen seiner massiven Wirkung auf das Gehirn als "geistige Atombombe" bezeichnet worden - ein Vergleich, der mir richtig und falsch zugleich scheint.

Falsch, weil die reale Bombe nur destruktiv ist und nichts als die Hölle produziert, während LSD nicht nur die Höllen-, sondern auch die Himmelfahrt bereithält. Richtig dagegen scheint mir, dass es kein Zufall gewesen sein kann, dass just auf dem Höhepunkt der Fertigstellung der ersten Atombombe, dem brutalsten menschlichen Werkzeug tödlicher Sprengkraft, Albert Hofmann seine fünf Jahre zuvor abgebrochene Arbeit am Mutterkorn wieder aufnimmt und "aus Versehen" jene Substanz wiederentdeckt, die mit ihren pflanzlichen Verwandten im rituellem Gebrauch die Menschheit jahrtausendelang zusammengehalten hatte - die geistige Anti-Atombombe gewissermaßen.

Dass pflanzliche Alkaloide in der Geschichte der Menschheit diese Rolle spielten war 1943 noch kaum bekannt - noch steht der psychedelische Express in Basel und Albert Hofmann hat Mühe, vor der "Abfahrt" mit dem Fahrrad nach Hause zu kommen...

Albert Hofmann und das LSD-Molekül

Zum selben Zeitpunkt macht sich in Landsberg an der Warthe der dort als Stabsarzt stationierte Dr. Gottfried Benn - ausgehend von einem Trance-Gesang, den er in einem afrikanischen Film gesehen hat - die folgende Notiz:

Sein Wesen ist religiös und mythisch, eine erregende, das Einzelwesen steigernde Kommunikation mit dem All. Den Riten und- Bewegungs-, den Rhythmus-Trancen stehen die pflanzenentbundenen Steigerer und Rauscherzeuger gegenüber, ihre Verbreitung ist weit universaler. Mehrere Millionen Erdbewohner trinken oder rauchen indischen Hanf, unzählige Geschlechter, durch zweitausend Jahre. Dreihundert Millionen kauen Betel, die großen Reisvölker würden eher auf diesen als auf die Arekanuß verzichten, mit Kauen aufhören heißt für sie sterben. Die drei größten Weltteile erregen sich durch Koffein; in Tibet rechnet man die Zeit nach einer Tasse Tee; Tee fand man beiden Überresten prähistorischer Menschen. Chemische Stoffe mit Gehirnwirkung, Verwandler des Bewußtseins - erste Wendung des Primitiven zum Nervensystem.(...)
Ob Rhythmus, ob Droge, ob das moderne autogene Training - es ist das uralte Menschheitsverlangen nach Überwindung unerträglich gewordener Spannungen, solcher zwischen Außen und Innen, zwischen Gott und Nicht-Gott, zwischen Ich und Wirklichkeit - und die alte und neue Menschheitserfahrung, über diese Überwindung zu verfügen. Das systematische "Atembeten" Buddhas, die rituellen Gebetshandlungen (-der altchristlichen Hesychasten), Loyolas Atemholen mit je einem Wort des Vater unsers, die Derwische, die Jogas, die Dionysien, die Mysterien - es ist alles aus einer Familie, und die Verwandtschaft heißt Religionsphysiologie. (...) Gott ist eine Substanz, eine Droge! Eine Rauschsubstanz mit verwandtschaftlicher Relation zu den menschlichen Gehirnen.

Gottfried Benn: "Reden und Essays", 1989, S. 369 ff)

Benns Notizen, die er später unter dem Titel "Provoziertes Leben" veröffentlichen wird, muten an wie ein synchroner Kommentar zu der Substanz, deren "verwandtschaftliche Relation zu den menschlichen Gehirnen" Albert Hofmann in Basel gerade einen heiligen Schrecken eingejagt hat. Auf sieben Schreibmaschinenseiten fasst der mit visionärem Radar ausgestattete Benn hier schon zusammen, was zwei Jahrzehnte später mit Aldous Huxleys "Pforten der Wahrnehmung" und Tim Learys "Politik der Ekstase" zum Kanon einer Kulturrevolution werden sollte - und Robert Anton Wilson zu der Frage veranlasste:

"Ist Gott eine Droge oder haben wir sie nur falsch verstanden?"

In der Wüste von Alamo in New Mexico stellen die Physiker die letzten Berechnungen an, wie man mit einem Minimum Sprengstoff ein Maximum an Leben vernichtet.

In Basel am Rhein ist der Chemiker Albert Hofmann auf der Suche nach der kleinsten wirksamen LSD-Dosis und katapultiert seinen Geist mit einem Vielfachen davon in eine direkte "Kommunkation mit dem All".

In Landsberg rezeptiert der Arzt und Denker Gottfried Benn jenes "Eintauchen in den Urtraum" und den zielbewussten Ausbau "visionärer Zustände" als einziges Heilmittel gegen die "abendländische Schicksals-Neurose"

Und in einem Schützengraben in Russland liegt Wolfgang Neuss, ein kleiner Schlachter-Geselle und Nazi-Soldat, und schießt sich einen Finger ab, um wieder zurück ins Lazarett, zum Witze-Erzählen, kommen. Er wurde zu einem der wichtigsten kulturschaffenden Köpfe und Künstler der Nachkriegsrepublik Als ich ihn zu seinem 60.Geburtstag 1983 fragte, was wichtig in seinem Leben gewesen sei, antwortete er:

"Das Wichtigste ist meine linke Hand. Die ist immer bei mir und erinnert mich brutal an den Moment 1943, als Professor Hofmann in der Schweiz seinen ersten LSD-Trip inhalierte. Da schoss ich mir, bei dem weißrussischen Rschew, in meine linke Hand. Symbol für Kunst statt Krieg. Selbstverstümmelung empfehle ich allen, die ohne Schießen nicht leben können. Das war und ist eine gute Friedensbewegung."

Dass der Krieg, wie Heraklit sagt, der "Vater aller Dinge" ist - der Guten wie der Schlechten, der Waffen wie der Heilmittel - wird an dieser Synchronizität scheinbar unverbundener Ereignisse auf dem Höhepunkt des 2. Weltkriegs im Jahr 1943 deutlich - sie haben miteinander zu tun. Und die Verbindung wird noch deutlicher, wenn wir die Folgen der Entdeckung des LSD betrachten.

Das Mutterkorn, ein vor allem auf Getreide gedeihender Pilz, trägt seinen Namen nicht zufällig: Es wurde schon in der antiken Medizin von den Hebammen als wehenbeschleunigendes Mittel zur Geburtshilfe benutzt. Dies war auch der Grund, warum Albert Hofmann sich Ende der 30er Jahre daran machte, seine pharmakologisch wirksamen Prinzipien zu erforschen. Das dabei gewonnene Medikament ist unter dem Namen "Methergin" als gebärmutterkontrahierendes und blutstillendes Mittel bis heute ein Standardpräparat in der Geburtshilfe.

Doch wir tun dieser wissenschaftlichen Leistung, und dem Segen den sie für Mütter, Kinder und Hebammen bedeutet, keinen Abbruch, wenn wir die andere Art von Geburtshilfe, für die Albert Hofmann als Entdecker verantwortlich zeichnet, noch bedeutend höher einschätzen. Jene 25. Lysergsäure-Verbindung, deren Wirkung auf den Unterleib sich den anderen Verbindungen als unterlegen erwiesen hatte und die deshalb in der Schublade verschwunden war - um 5 Jahr später "zufällig" wieder entdeckt zu werden: als der stärkste ideelle "Wehenbeschleuniger" und geistige Geburtshelfer und überhaupt.

Den merkwürdigen Koinzidenzen von Geist und Materie, die wir oben zwischen Alamo, Basel, Landsberg und Rschew konstatiert haben, kann hier eine weitere hinzugefügt werden: Derselbe Pilz, der auf der materiellen Ebene Hebammendienste und Geburten beschleunigt, hält auch das Potential für geistige Wiedergeburten bereit. Wie sehr diese Aussage zutrifft, wird sich zeigen , wenn wir den psychedelischen Express fast backward beschleunigen und uns auf den Weg nach Eleusis begeben

Das Mysterium von Eleusis war eines der bestgehüteten Geheimnisse der Antike. Fast zwei Jahrtausende lang, bis zur Zerstörung des Tempels durch christliche Barbaren im 4. Jahrhundert, zogen Wallfahrer jedes Jahr im September auf der Heiligen Straße von Athen nach Eleusis, fasteten und umtanzten den der Göttin Demeter geweihten Brunnen im Vorhof des Heiligtums. Die Nacht verbrachten sie in der Mysterienhalle, dem Telestrion, einem großen fensterlosen Saal. Priester bereiteten einen "heiligen Trank", den die Teilnehmer gemeinsam zu sich nahmen - und dann geschah es. Eine so unmittelbare und unaussprechliche Erfahrung, dass sie nur "geschaut", aber nicht ausgesprochen werden durfte - bei strengen Strafen war es verboten, über das Erlebte zu berichten.

Über zwei Jahrtausende haben sich die Initiierten daran gehalten, die Philosophen Sokrates, Platon oder Aristoteles, der Tragödienautor Sophokles - sie waren, wie alle - Sklaven wie Kaiser - ihrer Zeit, mindestens einmal im Leben dorthin gepilgert. Auch römische Staatsmänner wie Cicero, der über Eleusis schreibt:

"Nicht nur haben wir dort den Grund erhalten, dass wir in Freude leben, sondern auch dazu, dass wir mit besserer Hoffnung sterben."

Ehrfurchtgebietende, dunkle Äußerungen wie diese liegen in großer Zahl vor, doch was sie rechtfertigte, welche Offenbarung die Teilnehmer derart überwältigte, dass sie selbst den Tod für überwunden glaubten - dieses Geheimnis blieb auch nach dem endgültigen Niedergang der athenischen Kultur verborgen. Ähnlich ehrfürchtiges Stammeln hatte Gordon Wasson in den 50er Jahren erlebt, als er die religiösen Rituale mexikanischer Indianer erforschte. Im Mittelpunkt ihres Kults steht die Einnahme eines als heilig verehrten Pilzes, dessen psychoaktiver Wirkstoff Psilocybin eng mit dem des Mutterkorns verwandt ist.

Ähnlich wie das Meskalin des Peyote-Kaktus, den andere mexikanische Stämme als sakrale Droge verwenden, oder der Wirkstoff des Fliegenpilzes, dem "Soma" der Schamanen in Sibirien und Indien. Die übereinstimmenden Berichte, auf die der Pilzforscher Wasson bei diesen Völkern stieß - der Pilz als "Draht" zur Kommunikation mit dem Übernatürlichen - ließen ihn schon damals vermuten, dass auch das klassische Griechenland in seiner rituellen Festung Eleusis solche Substanzen verwandte. Doch die Altertumsforscher, die er daraufhin ansprach, taten seine Vermutung als völligen Unsinn ab. Das "Gesehene", von dem die Initiierten berichten, hielten sie für kultische Gegenstände, den "heiligen Trank" für Wein: nach herrschender Meinung wurde den Pilgern in Eleusis eine sakrale Theateraufführung zuteil, eine Art Oberammergau antik.

Tausende von Büchern über die hellenische Mythologie wurden seitdem geschrieben, hunderte gelehrte Abhandlungen über die eminente Bedeutung der dionysischen Kultur und der eleusischen Riten verfasst - doch was im Zentrum dieses Mysteriums stand, blieb ein Rätsel. Bis Gordon Wasson, Albert Hofmann und Carl Ruck in den 70er Jahren zeigten, dass es sich bei dem "heiligen Trank" von Eleusis nicht um den Wein des Dionysos, sondern um einen psychedelischen Gerstensaft der Demeter mit lsd-ähnlicher Wirkung handelte - und den Initianten nicht eine Theateraufführung zuteil wurde, sondern eine innere Reise, kein rauschhafte Verwirrung, sondern eine tiefgehende, mystische Erfahrung.

Dass der Volksmund in der Hymne an den Götterfunken die Tochter im Elysium gern als "Tochter im Delirium" besingt, hat insofern einen wahren Kern. Doch war es eine ganz besondere Art des delirierenden, aus der üblichen Bahn geworfenen Bewusstseins, das die Töchter und Söhne des Abendlands fast zwei Jahrtausende lang bei dem Eleusischen Ritual erlebten.

Welcher Art diese Bewusstseinsveränderung war, ist erst in den letzten Jahrzehnten im Zuge der Forschungen über die Wirkung von LSD und psychoaktiven Pflanzen auf Gehirn und Bewusstsein wissenschaftlich untersucht und als eine Art dreifaltiges Erleben beschrieben worden, von "angstvoller Ich-Auflösung", "ozeanischer Selbstentgrenzung" und "visionärer Umstrukturierung" (siehe dazu Stanlislav Grofs Geschichte der LSD-Psychotherapie). Erst auf diesem Hintergrund lassen sich die raunenden Zeugnisse der Eleusis-Jünger verstehen und auch die Vorbereitung auf das Ritual in mehrwöchigen Kursen und die für jeden Kandidaten individuell abgestimmte Dosis des heiligen Tranks.

Zwei Jahrtausende später werden diese Prinzipien ähnlich von der Kanzel der Harvard-Universität verkündet, deren Psychologen Timothy Leary, Richard Alpert und Ralph Metzner nicht müde werden, die Wichtigkeit von "set und setting", von Einstimmung und Umgebung, für einen erfolgreichen LSD-Trip zu lehren.

Für einen kurzen Sommer lebte Anfang der 1960er Jahre im Weisheitstempel der westlichen Welt die Mysterienschule von Eleusis wieder auf - um dann erneut von christlichen Barbaren eliminiert zu werden: Konsum und Besitz des "heiligen Tranks" stellen seitdem ein Verbrechen dar, das mit roten Warnbuchstaben geschriebene Wort "DROGE" ein "Zero Tolerance"-Tabu.

Dies mag auch der Grund sein, warum der Befund, dass im rituellen Zentrum Eleusis eine pflanzeninduzierte Erleuchtung stand, in der Wissenschaft nicht wie eine Bombe einschlug - die Fundierung der abendländischen Kultur in einer mystischen Drogenerfahrung verletzte dieses Tabu. Doch genau betrachtet räumt das LSD-Mysterium dem antiken Eleusis gar keine Sonderstellung ein, sondern verbindet die Religions- und Kulturgeschichte des Abendlands mit der anderer Erdteile, denn überall auf der Welt haben die Völker für den Blick über den Zaun von Raumzeit und Sterblichkeit auf die Hilfe von Pflanzen zurückgegriffen. Pflanzen, die ihre Bewusstseinsantennen auf andere, unerhörte Programme ausrichteten, die sie einbanden in das Netz der Unendlichkeit und in den pulsierenden Geist von Gaia, der Vegetation, der Erde.

Es bindet auch Eleusis, als Tempel der abendländischen Spiritualität und Philosophie, an die Ursprünge der Religion in der schamanistischen Kosmologie, mit Sokrates und Platon als Euro-Schamanen, an der Schwelle zum Denken der Moderne. Und es ermöglicht uns, den kulturellen Aufbruch der 60er Jahre, den anti-materialistischen, anti-militaristischen, anti-patriarchalen Impuls als letztlich neo-eleusischen Bewegung zu kennzeichnen. Die Hippies und Yippies verwandelten sich, nachdem sich der "heilige Trank" aus den Arzneischränken der Mediziner & Forscher ebenso herausgeschlichen hatte wie aus den Labors der Geheimdienste, so unmittelbar in langhaarige, naturverbundene, lautespielende Adepten der eleusischen Demeter, dass es schon damals, im summer of love, hätte auffallen müssen, wenn denn die psychdelische Express-Verbindung Eleusis-Basel schon bekannt gewesen wäre

Der französische Soziologe Edgar Morin schrieb 1970 in seinem "Kalifornischen Tagebuch":

"Ich gehöre zu jenen, die den Aktivismus des Parteikämpfers für reaktionär halten; was revolutionär ist, ist der existentielle Kämpfer, die Kommune, das Rock-Festival, das love-in."

Drei Jahrzehnte später können wir dem in der Tendenz nur Recht geben - entscheidend für den Innovationsschub der 60er Jahre waren nicht die Parolen der betonierten Politköpfe, sondern die Impulse der umherschweifenden Acid-Heads - und während die Politparolen von einst weitgehend auf der Müllhalde der Geschichte verwesen, erwiesen sich die Hippie-Ideen tatsächlich als Keim einer neuen Kultur. Sie wurden damals als "Körnerfresser" verlacht, heute ist Naturkost der am stärksten wachsende Markt im Lebensmittelbereich; ihr Blick nach "innen" wurde als Weltflucht, ihre Rede von "Bewusstseinserweiterung" als halluzinatorische Psychose denunziert, heute funktioniert kein höherer Manager mehr ohne ganzheitliches, transpersonales coaching. Ihre Verbundenheit mit der Natur wurde als romantischer Kitsch hingestellt, heute ist der Umweltschutz eines der drängendsten weltpolitischen Themen. Ihre Musik und ekstatischen Rituale wurden zu einem Standard der Kulturindustrie, und noch die Love Parade - für einige schon zum Standard der Berliner Hotelbettenfüllkunst verkommen - strahlt im Herzen dieses eleusische Licht. Wenn im vorigen Jahrhundert in Berlin 1 Million Menschen auf die Straße gingen, entfesselten sie jedes Mal einen Weltkrieg - dass sie es jetzt nicht mehr tun, sondern tanzen und feiern, ist ein riesiger Fortschritt - dem selbst zugereiste pseudo-militärische Biertrinker nichts anhaben können...

Die Kulturgeschichte des LSD und der entheogenen Drogen ist noch nicht geschrieben. Doch zwei Tatbestände scheinen sicher: Dass sie über 12.000 Jahre bis weit in die Steinzeit zurückreicht und dass ohne Albert Hofmanns Entdeckung die Geschichte in den letzten 50 Jahren völlig anders verlaufen wäre. Sie hat uns ein Werkzeug in die Hand gegeben, mit dem wir unser wichtigstes Werkzeug überhaupt - das Bewusstsein - erforschen können, und nicht wenige halten deshalb LSD für die wichtigste Entdeckung des 20. Jahrhunderts. Dass wir mit Hofmann keinen langjährigen Nobelpreisträger ehren, hätte demnach nur mit jenem barbarischen Tabu zu tun, das bewusstseinserweiternde Substanzen unter Strafe stellt.

Als Galileo das Fernrohr erfand, weigerten sich die Astronomen des Vatikans hindurchzuschauen. Als Leuwenhook nach dem Blick durch das erste Mikroskop behauptete, im Speichel lebten kleine Tierchen, erklärte man ihn für verrückt - neue Werkzeuge gebären neue Weltbilder -, und zu allen Zeiten hatten es die Pioniere schwer, gegen die Zitadelle der etablierten Wissenschaft und die träge Gewohnheit anzurennen - und mit Denunziation, Intoleranz und offener Feindschaft zu kämpfen. Dem mächtigen Teleskop für die Welten des Bewusstsein, das Albert Hofmann entdeckte, erging es nicht anders.

Die landläufige Berichterstattung über LSD ähnelt in der Regel der Reportage eines außerirdischen Ethnologen, der das Phänomen des menschlichen Autoverkehrs nur auf den Unfallstationen recherchiert. Solange die Millionen und Abermillionen unfallfreier Reisen außer Acht bleiben, kann sein Bericht nur grauenhaft ausfallen. Dabei sollte klar sein, dass jemand, der kaum Fahrrad fahren kann, kein schnelles Motorrad beherrscht - und wer ohne Vorbereitung und Fahrlehrer ein Auto steuert, große Gefahr läuft, sich den Schädel einzurennen.

Tatsächlich sorgt Alkohol wahrscheinlich an einem einzigen Wochenende für mehr Unfälle, Gewaltausbrüche und Tote, als Cannabis, LSD und alle psychedelischen Drogen in 40 Jahren zusammen. Mit diesem Hinweis geht es nicht darum, das Risiko zu verharmlosen - wer behauptet, dass LSD harmlos ist, hat es nicht erlebt. Wobei in diesem Zusammenhang auch an den wahren Satz des vor kurzem verstorbenen Terrence McKenna zu erinnern ist, dass LSD "psychotisches Verhalten vor allem bei denen erzeugt, die es nie genommen haben".

An zwei weitere verstorbene Vorkämpfer an der Bewusstseins-Front ist zu erinnern: den "Scientist" John Lilly, Pionier der Interspezies-Kommunikation mit Delphinen, im Isolationstank und im "Zentrum des Zyklons" - und Ken Kesey, den Autor des "Kuckucksnests", der als Erfinder der "acid tests" auf Tour mit dem "magic bus" wohl mehr "Kulturanstöße" verbreitet hat als irgendein anderer Künstler seiner Zeit.

Die bis heute anhaltende Diskussion, ob so ein mächtiges Werkzeug zur Bewusstseinerweiterung nicht besser kontrolliert, im Verborgenen, nur den geistigen Eliten hätte zugänglich gemacht werden - um ein Verbot zu verhindern - hatte sich nach meiner Meinung schon erledigt, als verschiedene Geheimdienste Experimente und Feldversuche mit LSD anstellten. Spätestens wenn die sinistren Freunde vom CIA mit dem "Stein der Weisen" herumspielen, wird es höchste Zeit, ihn auch dem Volk zur Verfügung zu stellen. Im übrigen glaube ich nicht, dass Kultur ein top/down-Phänomen ist, sie setzt sich nicht von oben durch, sondern beginnt unten, in jeder einzelnen Zelle des Netzwerks. Insofern konnte Albert Hofmanns magischen Molekülen zu ihrer Verbreitung und Wirksamwerdung vielleicht doch nichts besseres passieren, als zuerst einmal in den Underground abgedrängt zu werden.

"Gibt es nur einen einzigen Griechen ", fragte Aristides etwa um das Jahre 150, "einen einzigen Barbaren, der so unwissend, so gottlos ist, dass er Eleusis nicht als gemeinsamen Tempel der Welt ansieht ?" Dass die damals noch bedeutungslose jüdische Sekte der Christen so stark und gottlos werden könnte, dass sie diesen Tempel 200 Jahre später zerstören würde, war noch nicht abzusehen. Noch viel weniger war abzusehen, dass sich im Jahr 2001 Babylon wiederholen und die Welt in einen Krieg der monotheistischen Religionen stürzen würde. Umso mehr scheint es Zeit zu werden, sich an Eleusis zu erinnern - und an die Rituale und Pflanzen, die in ihrer polytheistischen "unio mytisca" die geistige Welt zwei Jahrtausende lang zusammenhielten.

Albert Hofmann hat in vielen Büchern und Vorträgen für eine Re-Vitalisierung von eleusischen Weisheitsschulen plädiert - doch eine nach wie vor barbarische Kultur lässt dies bis heute nicht zu. Und sorgt so auch weiter für das Missverständnis, dass es Erleuchtung für 10 Euro beim Dealer an der Ecke gibt. Die gibt es nicht. Den Anstoß aber, uns auf den Weg zu machen, den Kick, die Navigation durch die Realität und was wir dafür halten, selbst in die Hand zu nehmen; die Mühen, die inneren Schatten und Höllen zu konfrontieren und das Glück, uns eins zu fühlen mit dem Netzwerk des Lebens - all das wird auf den Acid-Akademien der Zukunft gelernt werden können.

Und hätte ich heute noch einen Wunsch frei: ich wünschte mir dass die politischen Führer der Barbaren sich dort umgehend demselben Ritual unterziehen wie die Kaiser des römischen Imperiums in Eleusis. Mit Bier, Kokain und Bretzeln allein findet das kein Ende...

Der transpsychedelische Express beschleunigt als Untergrundbahn weiter in die Zukunft und verbindet sie mit den Ursprüngen menschlichen Erkennens, der universellen Weisheit und Religion. Wann er ans Tageslicht kommt, wird auch darüber entscheiden, wie lange und wie oft wir als Barbaren Babylon wiederholen müssen. Wenn wir die Erde erhalten und uns selbst verstehen wollen, müssen wir uns mit den Pflanzen verbünden.

Das Werkzeug, dass Albert Hofmann vor 60 Jahren entdeckte, war erst der Anfang - das Zeitalter der Bewusstseinserweiterung hat gerade erst begonnen. Und ihr Pionier ist mit seiner praktischen Lebensleistung von 97 Jahren und seinen "Einsichten und Ausblicken" - so der Titel seiner jetzt wieder erschienen Essays über Naturwissenschaften und mystische Welterfahrung - nicht nur einer der großen Weisen unserer Zivilisation, sondern als ganzer Mensch noch im biblischen Alter auch die allerbeste Werbung für sein Produkt. Und für viele Beispiel und Herausforderung, sich mit Mut und Selbstverantwortung den Abenteuern im Weltraum der Seele zu stellen. Auf dass aus diesem Planeten der Affen einst doch noch einer der Engel werde...

(Eine erweiterte Fassung dieses Beitrags ist unlängst als Buch im Nachtschattenverlag, Solothurn, erschienen)

Literatur (Mathias Bröckers)

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