Transparenz auf russisch

Zumindest einen Bestandteil des eingesetzten Gases hat die russische Regierung genannt, aber es bleiben Fragen über den Gegenstand des Abkommens zum Verbot von C-Waffen

Um der wachsenden Kritik an dem Gaseinsatz entgegenzutreten, hat sich die russische Regierung entschlossen, nun zumindest einen Bestandteil der Öffentlichkeit mitzuteilen. Der Gesundheitsminister erklärte, man habe ein Gemisch aus Fentanyl-Derivaten verwendet. Fentanyl ist ein Opiat, das als Narkosemittel verwendet wird. Mit diesem erstem Zugeständnis hofft die russische Regierung den Vorwurf zu entkräften, verbotene chemische Waffen eingesetzt zu haben.

Die eingesetzte chemische Substanz, so der Minister beschwichtigend, "konnte nicht den Tod verursachen". Sie würde auf Fentanyl basieren, was natürlich nicht ausschließt, dass weitere Chemikalien zugesetzt wurden, die die russische Regierung noch immer nicht bekannt geben will. Nicht das Narkosemittel und auch nicht die Dosierung, sondern allein der körperliche Zustand mancher Geiseln wird für den Tod verantwortlich gemacht, also Ermüdung, mangelnde Bewegung und zu wenig Flüssigkeit, die zu dem "psychogenen Stress" während der fast 60 stündigen Gefangenschaft hinzugekommen seien. Man habe die Ärzte auch informiert, spezielle Gegenmittel zu verwenden: "Über tausend Dosen des Gegenmittels wurden vorbereitet und eingesetzt, um sie zu neutralisieren".

Mittlerweile sind insgesamt 119 Geiseln an den Folgen des Gases gestorben. Verständlich ist nicht, warum die Regierung erst jetzt das eingesetzte Mittel bekannt gegeben hat. Fentanyl kann bekanntlich zu Atemstillstand führen, womit vor allem bei einer so hohen Dosierung, wie sie vermutlich vorgenommen wurde, zu rechnen gewesen wäre. Man hat, um die Geiselnehmer auszuschalten, zumindest in Kauf genommen, dass auch Geiseln sterben können, zumal offenbar, wie ein russischer Arzt sagte, keine angemessenen Rettungspläne vorhanden gewesen seien. Er ist der Überzeugung, dass das Leben vieler Geiseln noch hätte gerettet werden können, wenn sie während der Fahrt in den Rettungswägen künstlich beatmet worden wären.

Münchner Ärzte hatten bei zwei deutschen Geiseln, die sie behandelt hatten, auch das Narkosemittel Halothan nachgewiesen. Das alleine hätte aber wohl kaum die Wirkung zustande gebracht, weswegen die Ärzte davon ausgingen, dass noch ein zweites Mittel eingesetzt worden sei. Sie konnten aber auch nicht ausschließen, dass die Patienten erst in der Klinik Halothan zur Behandlung erhalten hatten. Halothan erwähnte der russische Gesundheitsminister nicht. Manche Experten sind der Meinung, wie New Scientist berichtet, dass die möglicherweise eine Mixtur aus Fentanyl und Halothan verwendet worden sein könnte, die auch klinisch zusammen eingesetzt werden. Im Gegensatz zu Halothan wirkt das Opiat Fentatyl sehr schnell. Die tödliche Dosis des Opiats muss gar nicht sehr viel höher sein als diejenige, die zur Narkose benötigt wird. Wie ein Experte meint, könnte für den Tod der Geiseln auch verantwortlich sein, dass die eingesetzte Mischung bei manchen nicht schnell genug gewirkt hat. Wer nicht schnell bewusstlos wurde, könnte einfach zuviel eingeatmet haben und daran gestorben sein - nicht an einer Überdosierung oder einer schlechten körperlichen Befindlichkeit.

Der Minister "erklärte offiziell" auf einer Pressekonferenz am Mittwoch, dass die zur Befreiung der Geiseln eingesetzten chemischen Substanzen nicht unter die Bestimmungen des internationalen Abkommens über das Verbot von C-Waffen fallen. Tatsächlich ist Fentanyl dort nicht unter den "toxischen Chemikalien" aufgeführt, die herzustellen, zu lagern oder gar einzusetzen den Unterzeichnerstaaten verboten wäre. Allerdings lautet die Definition für geächtete "toxische Substanzen":

Jede Chemikalie, die durch ihre chemische Wirkung auf Lebensprozesse Tod, zeitweise Bewusstlosigkeit oder permanente Schäden auf Menschen und Tiere verursachen kann. Dies beinhaltet alle derartigen Chemikalien, unabhängig von ihrem Ursprung oder ihrer Herstellungsmethode und auch unabhängig davon, ob sie in Fabriken, Waffendepots oder anderswo hergestellt werden."

Ausgenommen davon sind chemische Mittel, die innenpolitisch zur Bekämpfung von Aufruhr (riot control agent) eingesetzt werden, aber mit einer Einschränkung, die offenkundig bei dem im Theater verwendeten Gas oder Gasgemisch nicht zutraf:

"Jede Chemikalie, die nicht in der Liste genannt wird und die bei Menschen schnell Sinnesverwirrung oder körperliche Wirkungen, die handlungsunfähig machen, verursachen kann, die in kurzer Zeit nach Beendigung der Aussetzung verschwinden."

Ausgenommen ist überdies der Einsatz von Chemikalien für friedliche Zwecke, zum Schutz vor Giften und chemischen Waffen sowie für militärische Zwecke, die "nicht mit der Verwendung von chemischen Waffen verbunden sind und nicht von der Anwendung der toxischen Eigenschaften der Chemikalien als Methode der Kriegsführung abhängen". Das alles lässt den notwendigen Spielraum sowohl für die Entwicklung und Herstellung angeblich nichttödlicher chemischer Substanzen, als auch für deren Anwendung, vor allem wenn es sich nicht um militärische Einsätze handelt.

Auch wenn also die russischen Spezialeinheiten gegen Feinde von Innen mit "riot control agents" vorgegangen sind und dabei nur Opiate und andere Narkosemittel verwendet haben, die auch zu friedlichen Zwecken eingesetzt werden, so ist, wie bei chemischen Substanzen üblich, die Dosierung dafür entscheidend, wie ihre Wirkung ausfällt. Wie immer auch der Einsatz der ursächlich oder mitursächlich tödlichen Chemikalien beurteilt werden mag, um die Geiselnahme zu "lösen", so wird doch interessant sein zu verfolgen, ob nicht auch die Dosierung im Kontext bestimmter Umstände in die Definition geächteter chemischer Substanzen aufgenommen wird. Zur Zeit allerdings stehen die Chancen schlecht, dass die Abkommen zum Verbot chemischer und biologischer Waffen verschärft werden.

82 Prozent der Russen sollen glauben, dass die Geiselnahme verbunden ist mit dem internationalen Terrorismus, wie dies auch die russische Regierung behauptet. Weiterhin steht auch Präsident Putin hoch im Kurs. 77 Prozent der Russen befürworten seine Politik. Mit einer großer Mehrheit von 85 Prozent unterstützt nicht nur die russische Bevölkerung das Vorgehen des russischen Präsidenten, sondern auch die Duma. Ohne Gegenstimme wurde eine Resolution "Über den Terrorangriff in Moskau" verabschiedet, die bestätigt, dass die Spezialeinheiten "verantwortliche Experten und mutige Menschen" sind. Sie hätten gut koordiniert gehandelt und den Tod von Hunderten von Geiseln verhindert. Überdies wird die Absicht der russischen Regierung begrüßt, die Antiterroreinheiten zu stärken. Das Finanzministerium hat mittlerweile drei Milliarden Rubel für Antiterrormaßnahmen vorgesehen.

Gleichwohl hatte der Chef der russischen Reformpartei Jabloko, Grigori Jawlinski, zuvor die Sicherheitskräfte in einem Statement scharf kritisiert. Die Geiselnahme in dem Moskauer Theater sei eine Niederlage aller Russen. Dass eine solch große Gruppe bewaffneter Menschen in das Zentrum von Moskau gelangen konnte, verdanke sich einem schweren Fehler der Geheimdienste und der Sicherheitskräfte im Allgemeinen. Als Hauptproblem machte Jawlinski die "kolossale Korruption" aus. Überdies forderte er wieder einmal ein Ende des blutigen Kriegs in Tschetschenien, der eine ganzes Volk auszulöschen droht. Man müsse stärker auf politische Lösungen setzen. Die Jabloko-Fraktion in der Duma forderte auch die Einrichtung einer parlamentarischen Kommission zur Untersuchung der Geiselnahme und der Befreiung der Geiseln. Thema solle auch sein, warum die Regierung Informationen zurückhalten und eher gegen die Medien, vor allem den Fernsehsender NTV, vorgehen, anstatt den Terrorismus zu bekämpfen. Der von 44 Parlamentariern unterstützte Antrag wurde in der Duma abgelehnt, das Thema aber soll am 1. November noch einmal aufgegriffen werden. (Florian Rötzer)

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