Transparenz des Verbrechens

Britische Polizeibehörden beginnen mit einem lokalisierten Online-Pranger für alle verurteilten Straftäter und bieten viele weitere Crime-Maps als Apps an

In angloamerikanischen Ländern ist die Bereitschaft höher, Menschen auf den Pranger zu stellen, die Verbrechen begangen oder in Großbritannien auch antisoziales Verhalten gezeigt haben. In Großbritannien stellt die Polizei auch detaillierte Karten ins Netz, auf denen zu sehen ist, welche Straftaten und welche antisozialen Verhaltensvergehen an welchen Orten bis auf die Straße genau begangen wurden.

Angeboten wird hier etwa der Dienst Crime Reports, mit dem sich begangene Straftaten bzw. Anzeigen in Echtzeit für Städte in den USA, Kanada und Großbritannien anzeigen lassen. Die Daten werden von Polizeibehörden und Feuerwehren bereit gestellt. Dafür gibt es natürlich auch eine App. Damit soll Bürgern ermöglicht werden, "rechtzeitig und angemessen reagieren zu können, um sich davor zu schützen, ein Verbrechensopfer zu werden". Das kann eigentlich nur den Sinn haben, möglichst die Orte nicht aufzusuchen, an denen Straftaten begangen wurden, wodurch als riskante Orte für Diebstahl, Überfälle, Mord, Vergewaltigung, Belästigung etc. kartiert werden.

Überhaupt gibt es viele Apps, die informieren, wo Straftaten begangen wurden und es gefährlich sein könnte. So wächst wahrscheinlich weniger das Vertrauen, sondern die Angst - und es fördert die Kluft zwischen begehrten, weil sicheren, und riskanten Vierteln. Schön ist diese App, die man wohl aktivieren sollte, wenn man in den Straßen einer Stadt herumspaziert, um in das urbane Verbrechen einzusteigen und erinnert zu werden, was alles geschehen könnte:

Crime Sounds gives you a sense of crime around your current location by enhancing your hearing with a cinematic "soundscape". All crimes within a range of 50 meters are used to generate a specific soundtrack. The volume of four different instruments is controlled by the category and the amount of crimes within the close range, all other crimes."

Routine wird auch, Verdächtige, die mit einer der zahlreichen Überwachungskameras aufgenommen wurden, mit diesen Bildern zu suchen. Die Menschen werden eingeladen, mögliche Täter zu identifizieren, auch wenn sie nur - und vor allem - des Ladendiebstahls verdächtigt werden. Da kann dann schon verdächtiges Verhalten reichen, um als Verdächtiger öffentlich angeprangert zu werden.

Während in den USA Sexualtäter, vor allem bei sexuellem Missbrauch von Kindern, registriert sein müssen und teilweise auch ihre Namen und Adressen über das Internet zugänglich gemacht werden, sollen nun in Großbritannien alle verurteilten Straftäter von den Polizeibehörden auf den Internetpranger gestellt werden können. Ab Ende des Monats werden die Polizeibehörden dieses Programm, das sich nicht ganz zutreffend "In the Dock" (auf der Anklagebank) nennt, umsetzen.

Einen offenbar erfolgreichen Probelauf hat die West Yorkshire Police vorgelegt, wo sich seit 2009 sehen lässt, was nun alle Verurteilten neben der Haftstrafe erwartet - die öffentliche Zurschaustellung auch gerade in dem Viertel, in dem sie wohnen. Mit Namen, Bild (sofern vorhanden) und Wohnviertel werden die rechtskräftig Verurteilten mitsamt ihrem Vergehen und ihrer Strafe sowie dem zuständigen Polizisten und Staatsanwalt vorgestellt. Wann und ob die Informationen etwa nach abgebüßter Haft wieder gelöscht werden, lässt sich derzeit nicht feststellen.

Wie der Telegraph berichtet, soll der Internetpranger das Vertrauen in das Justizsystem stärken, wohl auch deswegen, weil auch polizeiliche Aufgaben zunehmend privatisiert werden sollen. Die Opfer sollen die Möglichkeit haben, sich dazu zu äußern, ob die Fotos der Täter veröffentlicht werden sollen. Möglicherweise werden auch die Fotos von verurteilten Pädophilen und Sexualstraftätern veröffentlicht. Nach "Sara's Law" von 2008 können Eltern bislang nur bei der Polizei nachfragen, ob eine Person, die mit einem Kind Kontakt hat, wegen Kindesmissbrauch verurteilt wurde oder verdächtigt wird.

Der für die Polizei zuständige Staatssekretär Damian Green begründete den Internetpranger so: "Wenn jemand in Ihr Heim einbricht oder Ihr Geschäft ausraubt, dann erwarten Sie, dass er angemessen bestraft und für seine Taten zur Verantwortung gezogen wird." Dem soll die Zurschaustellung der verurteilten Straftäter dienen. Die Opfer kennen deren Identität zwar sowieso und müssen nicht erst die Website der Polizei besuchen. Daher soll der Pranger wohl abschrecken und zusätzlich bestrafen sowie zeigen, dass "Gerechtigkeit" geschieht. Nicht gezeigt wird freilich, welche Straftaten nicht aufgeklärt werden. (Florian Rötzer)

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