Trends für 2004

Der "neue Normale" hat "Espresso Sex" und fürchtet sich vor "Spermabanditen"

Alles ist anders als in der guten alten Zeit vor zehn Jahren. Das meinen zumindest Trend- und Gesellschaftsforscher, die einen Blick auf die Jahre 2003/4 geworfen haben.

Collins Dictionaries, immer auf der Suche nach frischen Chiffren des allerjüngsten Zeitgeistes, wartet mit aktuellen Vorschlägen auf. Unter den Kandidaten für Neueinträge befindet sich der unter Hogwarts headache (vgl. Lesen mit Nebenwirkungen) leidende Tweenager (8-14 Jahre), die Hasbian (eine ehemalige Lesbe, nun hetero), der SNAG, ein Akronym für den Sensitive New Age Guy, und natürlich die viel bemühte Axis of Evil (vgl. Bush am Scheideweg: Good bye, America!). Espresso sex, Speed Dating sind nur einige der vielen dem Bereich der Sexualität entstammenden Worte.

Unter den Begriffen sind auch solche, die auf grassierende Missstände hinweisen, beispielsweise die Fat tax (eine bislang nur vorgeschlagene Steuer für besonders fettreiche Lebensmittel) und Globesity (vgl. Massenverfettungswaffen), die globale Epidemie von Übergewicht und Fettleibigkeit. Aus dem Fitnesssektor kommt diesmal keines der buzz words. Die Gym-Center vermehren sich rasant, gerade in Ländern wie Großbritannien, das dennoch unbeirrt immer mehr ein Land der Sitzenden und Dicken wird; vielleicht ist es die allgemeine relative Wirkungslosigkeit der Fitness-Studios, die ihnen den Eingang ins Reich der neuen Schlüsselworte verwehrt. Neuen Studien zufolge sind übrigens unter den Jugendlichen europaweit (plus Israel und USA) die Finnen und die Litauen am sportlichsten und schlanksten; letztere, wie man vermutet, aus dem einfachen Grund, weil es in dem baltischen Land weniger Fast-Food-Restaurants gibt.

Neueinträge in den Collins Dictionaries von 1986 sind heute Klassiker wie cellphone, desktop oder drink-driving, 1998 wurde u.a. website neu aufgenommen. Bei den Begriffe aus dem Bereich der Fortpflanzung sind dieses Jahr gleich zwei unter den Kandidaten - Vorboten der in Europa immer stärker verbreiteten Kinderlosigkeit? Fertility tourism bezeichnet die Reise von kinderlosen Paaren in Länder, welche künstliche Befruchtungstechniken erlauben, die in ihrer Heimat verboten sind. Und unter einem Sperm bandit versteht man eine Frau, die einen Mann einzig aus dem Grunde kontaktiert, um von ihm schwanger zu werden - ohne ihn darüber zu informieren. Sperma ist ohnehin ein "Rohstoff", der immer kostbarer wird: Spermienzahl und -kraft nehmen seit Jahren kontinuierlich ab, jeder zweite deutsche Mann soll laut "Spiegel" über eine eingeschränkte Spermienqualität verfügen. Eine Studie an 7500 Männern aus Schottland kam just zu dem Ergebnis, dass im Zeitraum von 1989 bis 2002 die durchschnittliche Spermienkonzentration um 30 Prozent abgenommen hat.

Die Marketingagentur Euro RSCG Worldwide hat in Zusammenarbeit mit S.T.A.R. (Strategic Trendspotting and Research) und einem Panel in insgesamt 75 Ländern mit der Studie "Year in Prospect: 2004" ausgebrütet, was die zehn wichtigsten Trends für 2004 werden könnten. Im Schnittpunkt vieler Ergebnisse steht eine Lebensweise, die als "The New Normal" bezeichnet wird, ein Motto, das sich durch alle Trends zieht. 2004 wird demnach das Jahr des "Going Local"; Nachbarschaft, Familie und enge Freunde sollen wichtiger werden: "Keine Altersgrenzen, nur Lust auf gemütliches Essen und gute Unterhaltung, weit weg von der oberflächlichen Bussi-Gesellschaft die vor dem Neuen Normalen herrschte". Angeblich bringt auf der anderen Seite das "Neue Normale" auch ein stärkeres Gefühl von "Die und Wir" mit sich, was laut Studie in einigen Teilen der Welt die Gräben zwischen Kulturen und Religionen noch vertiefen wird.

Der "neue Normale" ist übrigens nicht selten metrosexuell (vgl. Wörter und Sätze, die verboten gehören) und Single. Schon bald soll es in westlichen Gesellschaften mehr Singles als Ehepaare geben, und auf Geschäftsreisen kauft er wertbeständige Geschenke ein - für sich selbst. Self-Gifting nennt man das. 2004 werden voraussichtlich eine Menge neuer Kampagnen zur Bekämpfung der Fettsucht gestartet. Die Anti-Globesity Campaigns erstrecken sich übrigens auch auf Haustiere (und vielleicht sogar auf wilde Tiere, vgl. Burger Bär). Im Bereich Internet prophezeien die Trendforscher, dass die geschätzten drei Millionen Blogs zunehmend das Interesse der Marketingindustrie erregen werden. Außerdem soll im Umfeld der Präsidentschaftswahlen die Selbsthilfemaßnahme des Google Bombing (vgl. Die Welt ist fast alles, was Google ist) zu Berühmtheit gelangen. (Michaela Simon)

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