Trennung als historisches Faktum akzeptieren

Hans-Jörg Rheinberger über Philosophie, Wissenschaft, das Experiment und Jacques Derrida

Der Philosoph und Wissenschaftshistoriker Hans-Jörg Rheinberger (geb. 1946) war bis 2014 Direktor des Max-Planck-Instituts für Wissenschaftsgeschichte in Berlin. Zusammen mit Hanns Zischler hat er 1983 die "Grammatologie" von Jacques Derrida übersetzt. 2007 ist seine "Historische Epistemologie zur Einführung" erschienen. Er glaubt, dass der Franzose mit dem großen Namen heute kursierende Vulgärthesen von "Social Justice Warriors" nicht unterschreiben würde.

Herr Rheinberger, Sie haben sich mit der Experimentalgeschichte beschäftigt. Können Sie aus Ihrer Sicht erzählen, wie Philosophie und Wissenschaft zueinander stehen?
Hans-Jörg Rheinberger: In der Tat habe ich mich mit dem Experiment in der Geschichte der Wissenschaften intensiv auseinandergesetzt. Hier fängt das Problem mit dem Verhältnis von Philosophie und Wissenschaft bereits an, denn es ist interessant zu beobachten, dass sich die Wissenschaftsphilosophie über lange Zeit hinweg, bis spät ins 20. Jahrhundert hinein, hauptsächlich mit der Theorieentwicklung und nicht mit dem Experimentieren befasst hat. Das ist merkwürdig, wenn man andererseits bedenkt, dass bereits Francis Bacon der Empirie und besonders dem Experiment einen privilegierten Platz in der Entwicklung der neuzeitlichen Wissenschaften eingeräumt hat.
Wie stellt sich dieses Verhältnis von Philosophie und Wissenschaft konkret dar?
Hans-Jörg Rheinberger: Man kann zwei Ebenen unterscheiden: Einerseits kann man danach fragen, wie die Philosophie die Wissenschaften und ihre Entwicklung reflektiert. Andererseits kann man sich fragen, wie viel Wissenschaft die Philosophie selbst für ihr Geschäft benötigt. Mit der Dichotomie von Wissenschaft und Philosophie in diesen Formen leben wir jedenfalls heute.
Wenn im 18. Jahrhundert von Naturphilosophen die Rede war, dann waren damit die Gelehrten gemeint, die sich mit den Naturphänomenen als Gegenständen der Erkenntnis auseinandergesetzt haben. Sie waren gewissermaßen Philosophen und Wissenschaftler in einem, die beiden Bereiche waren noch nicht auseinandergetreten.
Die massive Trennungsgeschichte dieser beiden Bereiche im Laufe der letzten 250 Jahre muss man erst einmal als historisches Faktum akzeptieren. Dann erst kann man sich überlegen, warum es hat soweit kommen können. Auf der anderen Seite sollte man sich aber die Option offen halten, dass möglicherweise über dieses Verhältnis noch nicht das letzte Wort gesprochen wurde.
Im Grunde genommen behandeln Philosophie und Wissenschaft den gleichen Gegenstand - nur werden die Differenzierungen in der Wissenschaft mit einer so hohen Geschwindigkeit vorgenommen, dass die Synthesebewegung momentan gar nicht hinterherkommt ...
Hans-Jörg Rheinberger: Es gibt die wunderbaren Bemerkungen von Ernst Cassirer im letzten Band seiner Tetralogie über "Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit", wo er sagt, dass es die Philosophen, die sich mit den Wissenschaften und ihrer Geschichte beschäftigten, bis zum beginnenden 19. Jahrhundert relativ einfach hatten, da es von Platon und Aristoteles über Leibniz bis zu Kant und Hegel immer Philosophien gab, die das Wissen der Zeit (auch das wissenschaftliche) umfasst haben, so dass man in diesen philosophischen Systemen so etwas wie einen Spiegel des jeweiligen Wissens und also auch des Naturwissens vor sich hatte.
Cassirer zufolge hat sich dieser Zustand aber im Laufe des 19. Jahrhunderts geändert. Wir haben heute keine Philosophie mehr, die in der Lage ist, die Totalität des Wissens als ein einziges, systematisch geordnetes Gedankenganzes vor uns zu stellen. Deswegen sind diejenigen, die sich aus philosophischer Perspektive für die Wissenschaften interessieren, gezwungen, sich mit diesen Einzelentwicklungen direkt auseinander zusetzen.
Dann fügt Cassirer aber hinzu, dies bedeute nicht, dass der Bedarf nach Synthese verschwunden ist. Sie kann jedoch nur aus der Ausleuchtung dieser einzelnen Entwicklungsstränge gewonnen und nicht als ein systematisches Ganzes aus Grundsätzen entwickelt werden. Dem würde ich grosso modo zustimmen.
Sie könnten sich also vorstellen, dass das, was Hegel als Einzelperson geschafft hat, heute vielleicht tausend Leute in Zusammenarbeit auch hinbekommen könnten ...
Hans-Jörg Rheinberger: Wenn die Community der Philosophen auch irgendwann anfängt, sich als Kollektiv zu verstehen, das an der Entwicklung eines Projektes arbeitet, das sich über die Zeit hinweg erstreckt: Vielleicht. Dem ist aber nicht so. Bisher war es fast ausschließlich so, dass einzelne Philosophen sich mehr oder weniger als isolierte Weltanschauer gesehen haben, die ihr Geschäft nicht als Gemeinschaftsunternehmen verstanden.
Könnte die Philosophie auch als positive Irritation und Kunst des Nicht-Wissens im Wissenschaftsprozess eine eher subversive Rolle spielen, die hilft, Wissen und Nicht-Wissen voneinander abzugrenzen und dadurch für die Wissenschaften einen produktiven Beitrag leistet?
Hans-Jörg Rheinberger: Das Moment des Nicht-Wissens ist in die Wissensgewinnungsprozesse der empirisch orientierten Wissenschaften selbst eingebaut, denn diese werden im Grunde genommen nur dadurch am Laufen gehalten, dass sie vom Bekannten ins Unbekannte vorstoßen. Das ist die Bewegungsform der Naturwissenschaften, eine Grenzüberschreitung vom bestimmten Wissen einen Schritt weiter in das noch nicht Gewusste zu tun.
Oft erscheint dann auch das bestimmte Wissen von gestern als ein Nichtwissen. Philosophie kann sicher helfen, diese Situation reflexiv verstehbar zu machen, aber als unmittelbares Moment in diesem Prozess selber hat sie, glaube ich, keine Funktion. Die Wissenschaften erledigen das von selbst.
Sie haben sich intensiv mit der Philosophie von Jacques Derrida auseinandergesetzt. Konnten Sie in dieser Beziehung etwas von ihm lernen?
Hans-Jörg Rheinberger: Ich habe mein Universitätsdasein mit einem Studium der Philosophie begonnen, in dessen Verlauf ich das Hauptwerk von Derrida, nämlich die "Grammatalogie", zusammen mit Hans Zischler ins Deutsche übertragen habe. Das hat dazu geführt, dass ich mich intensiv mit dem Derrida der 1960er Jahre auseinander gesetzt habe.
Die Art, wie er versucht hat, Philosophiegeschichte zu betreiben, ist dann mit dem Begriff der Dekonstruktion belegt worden. Das besagt im Grunde genommen, dass man versucht, von innen heraus gegebene Dichotomien durchlässig zu machen, also Dinge zu verändern, nicht indem man sie frontal bekämpft, sondern von innen heraus verschiebt, Derrida hat dies als Bewegung eines Denkens praktiziert, das sich im Schreibprozess realisiert, als ein Vorgang der Iteration.
Als ich dann nach meinem zweiten Studium der Naturwissenschaften und einer längeren Zeit experimentellen Arbeitens im Labor angefangen habe, mich mit den Wissenschaften aus historischer Perspektive zu beschäftigen, erschien mir das als eine Folie, auch die Bewegungsform der Entwicklung in den Naturwissenschaften zu verstehen, zumindest ihr Perspektiven abzugewinnen, die ich in der traditionellen Wissenschaftsphilosophie nicht gefunden habe. Insofern war es für mich selbst überraschend, wie gut man mit Derrida als Wissenschaftshistoriker arbeiten kann, obwohl er sich selber mit den Naturwissenschaften nur marginal beschäftigt hat.
Jacques Derrida ist heutzutage im Zuge des Aufkommens der Gendertheorie in aller Munde. Sind seine Lehren so ins akademische Business übertragbar, wie es heutzutage gemacht wird?
Hans-Jörg Rheinberger: Wenn man sich das Oeuvre von Derrida ansieht, so ist das sehr umfangreich. Es gibt sehr viele Facetten, auf die man sich beziehen kann. Seine Gedankenwelt ist ein vielfältig gegliedertes Universum.
Die Genderforschung geht mehr oder weniger davon aus, dass es Natur nicht gibt: Hätte Derrida diesen Gedanken unterschrieben?
Hans-Jörg Rheinberger: Ich glaube nicht, dass er in dieser Form die Genderforschung trifft. Ich denke jedenfalls, Derrida hätte ihn in dieser Form nicht unterschrieben. Vor allem nicht der Derrida der 50er und 60er Jahre, der geprägt ist von der Spätphilosophie Edmund Husserls.
Wenn ich Sie vorher richtig verstanden habe: Kann es sein, dass es bei Derrida ein dialektisches Moment gibt?
Hans-Jörg Rheinberger: Derrida hat den Versuch unternommen, die Ontologie zu epistemologisieren und den Seins-Begriff durch einen Werdens-Begriff zu ersetzen. Das ist auch das, was mich als Wissenschaftshistoriker interessiert: Dass wir es beim wissenschaftlichen Wissen eben nicht mit ein für allemal fixierten Entitäten in einem ontologischen Himmel zu tun haben, sondern mit einem permanenten Veränderungsprozess.
Ontologie des Noch-Nichtseins und Schichtungen der Kategorie Möglichkeit: Könnten Sie sich vorstellen, dass die Philosophie Ernst Blochs für Ihren Wissensweg interessant gewesen wäre?
Hans-Jörg Rheinberger: Bloch wäre hier auch mit einzubeziehen, was ich selbst aber nicht gemacht habe.
Ist es die Aufgabe der Philosophie, positive und objektive Erkenntnisse zu generieren, wie sie die Wissenschaft erzeugt?
Hans-Jörg Rheinberger: Zu Beginn des 20. Jahrhunderts verstand sich die mit Wissenschaft befasste Philosophie als eine Disziplin, die durch die Einengung des Gegenstands (nämlich die Einengung ihrer Untersuchungen auf die Sprachen der Wissenschaft) ihre Aufgabe in einer Verwissenschaftlichung der Philosophie gesehen hat. Das war das Programm des logischen Empirismus. Viele philosophische Strömungen des 20. Jahrhunderts, beispielsweise die von Heidegger oder die vom späten Wittgenstein betriebene Sprachphilosophie, haben das aber nicht so gesehen.
Auch der logische Empirismus hat sich letztlich nicht als Wissenschaftsphilosophie mit eigenem Wissenschaftsanspruch durchgesetzt. Das, was wir als Philosophie bezeichnen, ist selbst keine monolithische Angelegenheit, sondern ein in sich plurales Unterfangen. Man sollte nicht versuchen, diese Vielfalt zu reduzieren. Das Gleiche gilt ja auch für die Wissenschaften.
In den Wissenschaften ist es nicht unangebracht, von einem Fortschritt auf dem Gebiet des Wissens zu sprechen. Gibt es in der Philosophie eine ähnliche Kumulation von Wissen - und wenn nein, warum nicht?
Hans-Jörg Rheinberger: Ich muss zunächst einmal die Gegenfrage stellen: Kann man es denn unhinterfragt so stehen lassen, dass wir in den Wissenschaften ganz problemlos von einem Fortschritt sprechen können - und was heißt dann letztendlich Fortschritt? Das 19. Jahrhundert war natürlich ganz klar der Meinung, dass die Naturwissenschaften inkrementell immer mehr Wissen anhäufen, bis wir irgendwann beim Wesen der Dinge angelangt sind.
Diese Vorstellung hat sich durch die Entwicklung der Wissenschaften in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts selbst bis zu einem gewissen Umfang relativiert, als das Problem heraufzudämmern begann, dass es auch in den Wissenschaften so etwas wie Brüche und Umbrüche gibt, die unter der Perspektive eines kontinuierlich fortschreitenden Akkumulationsprozesses gar nicht gefasst werden können. Daher der Begriff der wissenschaftlichen Revolution mit qualitativen Sprüngen, bei denen sich die Frage, ob die eine Formation einen Fortschritt über die andere darstellt, nicht mehr so einfach und in so globaler Form beanworten lässt.
Gewiss haben wir es in den Wissenschaften, wenn man das so sagen kann, mit einem dauernden Fortschreiten zu tun. Es gibt diese Bewegung einer immanenten Transzendenz, welche mir das wissenschaftliche Unternehmen überhaupt zu charakterisieren scheint: Sie stellt sich als eine Bewegung dar, die darauf aus ist, den aktuellen Zustand des Wissens hinter sich zu lassen.
Nur muss dieses Hinter-sich-Lassen nicht in ein Fortschritts-Korsett gepackt werden - es sei denn, man ist überzeugt davon, dass die Wissenschaften durch so etwas wie eine teleologische Bewegung charakterisiert sind, die auf einen Punkt Omega hinstrebt, bei der man zu jedem Zeitpunkt feststellen könnte, dass wir jetzt dem Ziel einen Schritt nähergekommen sind.
Das scheint mir aber, realistisch gesehen, gerade nicht die Bewegungsform der Wissenschaften zu sein. Sie bewegen sich zwar permanent von einem gegebenen Zustand des Wissens weg und hin auf ein Noch-nicht-Gewusstes, das man deshalb aber auch nicht genau definieren kann.
Der ehemalige US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld hat einmal bemerkt, es gebe ein unerkanntes Nicht-Wissen und ein erkanntes Nicht-Wissen - und ich nehme an, dass das erkannte Nicht-Wissen mit den Wissenschaften immer größer wird ...
Hans-Jörg Rheinberger: Das ist eine ganz interessante Formulierung, die allerdings nicht unbedingt neu ist. Der Wissenschaftsoziologe Robert Merton zum Beispiel hat in diesem Zusammenhang von specified ignorance gesprochen: Wir sind uns klar darüber geworden und haben eingeengt, was wir noch nicht wissen, und nun wollen wir dieses Ungewusste herausfinden.
Ich denke aber, dass darüber hinaus der Prozess des wissenschaftlichen Experimentierens eine Bewegung verkörpert, die man als nichtspezifiziertes Nicht-Wissen bezeichnen kann, weil er uns ständig mit Dingen konfrontiert, die wir aus dem Bisherigen gar nicht ableiten konnten - uns also auf Wege führt, die wir aus dem vorhandenen Wissen heraus gar nicht deduzieren können. In einem emphatischen Sinne findet hier eine Produktion von Neuem statt, sofern wirklich neu nur etwas ist, das sich aus dem Gegebenen nicht ableiten lässt.
Können Sie mir beantworten, ob jetzt gerade der Philosoph oder der Wissenschaftler aus Ihnen gesprochen hat?
Hans-Jörg Rheinberger: Es hat ein Zwitterwesen gesprochen, dass sich aus der persönlichen Unmöglichkeit, nur Wissenschaftler oder nur Philosoph zu sein, herausgebildet hat. Das hat mich zu einem historischen Epistemologen werden lassen: Jemand, der sich ein Bild der Wissenschaften erarbeitet, indem er sich empirisch auf die Wissenschaftsgeschichte einlässt, aber zugleich versucht, dies in einer reflektierten Form zu tun.
Die letzte Frage betrifft den Bereich der Ethik: Ist es Aufgabe der Philosophie, der Wissenschaft menschliche Standpunkte beizugeben, welche sie selbst von sich heraus gar nicht entwickeln kann?
Hans-Jörg Rheinberger: Ich denke, dass es in den in sich vielfältig gegliederten Versuchen, uns und die Welt zu verstehen, unterschiedliche Formen des Wissens gibt. Davon ist naturwissenschaftliches Wissen nur eine der Formen, die nicht alles aus sich heraus generieren kann. Deswegen halte ich auch die Philosophie für eine notwendige Wissensform - aber eher für eine Wissensform, die Orientierungswissen erzeugen soll. Wenn sie sich selbst in der von den Naturwissenschaften geborgten Form als Wissenschaft sehen will, wird sie davon nicht besonders profitieren. Von daher gesehen kann man Ihre Frage bejahen.
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