Tricksereien mit den Laufzeiten

Inzwischen sind sowohl die Nordwest- als auch die Nordostpassage frei, wie die Satellitendaten zeigen. Die Grafik stellt übrigens keine fotografische Aufnahme, sondern eine Falschfarbendarstellung von Radardaten dar. Bild: Uni-Bremen

Die Energie- und Klimawochenschau: Von Fristen und Reststrommengen, Hungerunruhen und Agrarkraftstoffen sowie von porösem Eis auf dem arktischen Ozean

"Augen zu und durch" scheint das Motto der Bundesregierung zu sein. Trotz offensichtlicher Unpopularität der Atomwirtschaft und massiver Kritik an ihrem Gefälligkeitsgutachten setzt sie auf ganzer Linie die Forderungen der Energiekonzerne um.

Dabei wird auch noch getrickst. Während bei der Vorstellung des Beschlusses mit Jahreszahlen jongliert wurde, sollen in Wirklichkeit nur Reststrommengen definiert werden. Doch die lassen sich, wenn nötig, strecken. Schon das bisherige Ausstiegsgesetz basiert auf diesem Konzept. Seinerzeit war es bereits von Joschka Fischer und Gerhard Schröder ein Zugeständnis an die Energiewirtschaft, die gewusst haben wird, weshalb sie auf das Offenhalten dieser Hintertür bestand.

Greenpeace-Projektion am AKW Isar 1 vom 11.09.2009. Bild: Thomas Einberger/Greenpeace

Entsprechend gibt es inzwischen mehrere Altmeiler (Biblis A, Neckarwestheim 1, Isar 1 und Brunsbüttel), die nach den ursprünglichen Plänen bei Ausarbeitung des Ausstiegsgesetzes schon stillgelegt sein müssten. Die Betreiber haben jedoch Stillstandzeiten extra lange ausgedehnt oder die Anlagen mit verminderter Leistung laufen lassen, um sie bis zur Änderung des Gesetzes am Netz zu halten. Das Vattenfall-AKW Brunsbüttel, bekannt durch seine zahlreichen Pannen (siehe zum Beispiel "Wir lernen aus Erfahrung") und abenteuerlichen Nachbesserungen, steht bereits seit 2007 still. Auch das AKW Krümmel, ebenfalls von Vattenfall betrieben, lief in den letzten drei Jahren nur eine knappe Woche. Unterm Strich bedeutet das alles, dass die letzten Meiler nahezu bis 2050 laufen könnten, wenn sich die Merkel-Regierung mit ihren Plänen durchsetzt.

Das wird den Materialwissenschaften sicherlich neue Erkenntnisse bescheren, denn dann würden die Meiler 60 Jahre oder gar etwas mehr gelaufen sein. 60 Jahre, in denen der Stahl der Reaktordruckbehälter der ionisierenden Strahlung ausgesetzt war und versprödet wurde. Ob das Material so lange hält? Die Grünen im baden-württembergischen Landtag wollten es unlängst etwas genauer wissen und beantragten daher, eine eingehende Materialprüfung im nach 35 Betriebsjahren stillgelegten AKW-Obrigheim. Doch Umweltministerin Tanja Gönner (CDU) erwartete "keinen nutzbaren Erkenntnisgewinn" und lehnte ab, wie die taz berichtete. Das Ganze sei zu teuer und "das Atomgesetz (bietet) keine rechtliche Grundlage für entsprechende Forderungen gegenüber dem Betreiber".

Ja, die armen Betreiber... Wie sehr deren Kassen durch die Pläne der Bundesregierung gefüllt würden, hat inzwischen das Freiburger Ökoinstitut ausgerechnet. 127 Milliarden Euro wären es. Hauptprofiteur wäre E.on mit 53,5 Milliarden Euro, gefolgt von RWE mit zirka 32,8 Milliarden, EnBW mit nicht ganz 26,5 Milliarden und Vattenfall mit etwa neun Milliarden. 4,7 Milliarden entfielen auf andere Unternehmen, die Anteile an AKWs halten. Das wären die Bruttoeinnahmen. Davon gehen die Ausgaben für Nachrüstung und die geplanten Steuern und Abgaben ab. Letztere werden nach Schätzungen der Freiburger etwa 31,7 Milliarden Euro ausmachen.

Ohne Fehlerbalken

Über die zweifelhaften Grundlagen des Regierungsgutachtens ist hier auf Telepolis in den letzten Tagen schon verschiedentlich berichtet worden (z.B. Unterschiedliche Lesarten oder Umweltministerium kritisiert AKW-Gutachten).

Stefan Rahmstorf, Paläoklimatologe und Physiker am Potsdam Institut für Klimafolgenforschung sowie Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen trägt in seinem Blog einen weiteren Aspekt zur Kritik bei. Den Aussagen des Gutachtens fehle jede Fehlerabschätzung, etwas was Physiker wie die Bundeskanzlerin schon im Grundstudium lernen würden. Von Unsicherheiten in den Ergebnissen sei nur an einer einzigen Stelle die Rede und das auch nur im qualitativen Sinne, also ohne Zahlenangaben. Wenn etwa die Rede davon sei, die Verlängerung der Laufzeiten würde die Kilowattstunde Strom um 0,9 Cent verbilligen, dann sei diese Aussage vollkommen wertlos, so lange kein Fehlerbereich benannt wird. Sollte dieser bei +/- 2 Cent liegen, was beim Strompreis über Jahrzehnte betrachtet sicherlich nicht zu hoch gegriffen wäre, dann hieße die eigentliche Aussage, man kann noch nicht einmal eine sichere Auskunft über das Vorzeichen der Auswirkungen auf den Strompreis geben.

Auf derartiger Grundlage wird in diesem Lande also Politik betrieben. Der Autor dieser Zeilen ist sehr gespannt, ob die Gemeinde der Klima-Trolle und selbst ernannten Skeptiker sich nun auf die Autoren der Studie stürzen wird, um die Offenlegung aller Simulationsmodelle inklusive des Quellcodes, der eingefütterten Daten sowie der detaillierten Vorgaben aus den auftraggebenden Wirtschafts- und Umweltministerien zu verlangen. Wir werden das dann hier an dieser Stelle gerne ausführlich kommentieren.

Die Anti-AKW-Bewegung hat derweil den Kampf gegen die Regierungspläne noch lange nicht aufgegeben und erhält Zulauf von den Globalisierungskritikern von ATTAC. "Diese Entscheidung provoziert Widerstand", meint Jutta Sundermann vom Bundes-Koordinierungskreis der ATTACies. "Wir brauchen nicht längere Laufzeiten, sondern den sofortigen Atomausstieg. Statt die Macht der Stromriesen mit diesem Regierungsgeschenk weiter zu stärken, müssen die Konzerne einer ökologischen, demokratischen und sozialen Energieversorgung weichen." Sundermann ruft auf, sich an den Aktionen der AKW-Gegner, wie der für den 18. September in Berlin geplanten bundesweiten Demonstration, zu beteiligen.

Hungerunruhen in Mosambik

Erinnert sich noch jemand an die Hungerunruhen, die 2008 gleich eine ganze Reihe von Ländern erschütterten? Die Preise für einige Grundnahrungsmittel waren seinerzeit auf dem Weltmarkt auf historische Höchststände geklettert. Einer der Gründe war offensichtlich Spekulation, denn mit der Weltfinanzkrise sackten sie deutlich ab. Inzwischen sind die Preise jedoch wieder am Klettern und die Situation könnte sich schon bald wiederholen.

Wie in Telepolis berichtet ist zum Beispiel der Weizenpreis unter anderem aufgrund diverser Unwetterkatastrophen wie der russischen Waldbrände, die mancherorts auch die Ernten vernichteten, wieder kräftig gestiegen. Nach einem raschen Zuwachs im Juni und Juli ist er seit Anfang August mehr oder weniger stabil, bewegt sich allerdings auf einem Zwei-Jahres-Hoch. Das ist zwar vom historischen Höchststand von 2008 deutlich entfernt, jedoch weit über den bisher üblichen Preisen.

Für Menschen, die ohnehin über die Hälfte ihres knappen Einkommens für Nahrungsmittel ausgeben müssen, ist das schon ziemlich bedrohlich. In Mosambik ist es daher in den letzten Wochen zu schweren Unruhen gekommen, nachdem die Brotpreise um 30 Prozent erhöht wurden. Vorausgegangen war dem bereits ein Preisanstieg für Wasser und Energie im zweistelligen Prozentbereich. Die Teuerung ist in diesem Falle ein Ergebnis der Auflagen des Internationalen Währungsfonds IWF, die zusammen mit den hohen Weltmarkpreisen eine tödlich Mischung ergaben: Aus der Hauptstadt Maputo wird von zehn Menschen berichtet, die bei den Protesten starben.

Der britische Guardian sieht in den Unruhen "Das wahre Gesicht der globalen Erwärmung". Um zu erkennen, wie der Klimawandel die Welt im 21. Jahrhundert verändern wird, brauche man nicht die Klimaforscher des britischen Wetterdienstes zu befragen, schreibt Raj Patel. "Schaut stattdessen auf die Toten und die brennenden Reifen (…), um zu sehen, was passiert, wenn extreme Naturphänomene mit unserem ungerechten Wirtschaftssystem zusammentreffen."

FAO besorgt

Die UN-Agrarorganisation FAO ist angesichts der Lage alarmiert. Für Ende September ist ein hochrangiges Expertentreffen anberaumt. Der von der Organisation aufgestellte Nahrungsmittelindex ist im August gegenüber dem Juli um neun auf 176 Punkte gestiegen. Als Referenzpunkt gilt mit 100 Punkten der Durchschnitt der Jahre 2000 und 2001. Nur in den elf Monaten von September 2007 bis September 2008 war der Index mit zeitweise über 200 Punkten höher. Für den derzeitigen Anstieg sind vor allem die Getreidepreise verantwortlich, aber auch Zucker und Ölsaaten spielen eine Rolle.

Die FAO hat ihre Vorhersage für die diesjährige Getreideernte (inklusive Mais und Reis) von 2,238 auf 2,279 Milliarden Tonnen etwas gesenkt. Damit wäre die Ernte 2010 jedoch nach ihren Angaben immer noch die drittgrößte, die je ein gefahren wurde. Der Verbrauch in 2010/2011 würde die Produktion geringfügig übersteigen und die Lager etwas dezimieren.

In Großbritannien kommen angesichts der hohen Weizenpreise schon Zweifel am dortigen Ethanolprogramm auf, von denen der Guardian in einem anderen Beitrag berichtet. Auf der Insel seien derzeit Anlagen für den Ersatzkraftstoff, der irreführender Weise meist das Bio-Etikett bekommt, in Bau oder in der Planung, die schon in vier Jahren bis zu einem Viertel der britischen Weizenernte aufnehmen und in Ethanol verwandeln könnten. Die Zeitung erinnert daran, dass diverse Studien in der letzten Zeit den Agrarkraftstoffen eine Mitschuld am Preisanstieg bei den Nahrungsmitteln gegeben haben.

Poröses Eis

Rund um den Nordpol geht derweil die jährliche Schmelze munter weiter. Für gewöhnlich erreicht dort das Meereis Mitte September sein Minimum, wobei der Zeitpunkt sich allerdings im letzten Jahrzehnt tendenziell etwas nach hinten verlagert hat. Der Eisverlust kann also noch rund zwei Wochen weitergehen und zeigt bisher auch noch keine Verlangsamung.

Schon jetzt sind die beiden Passagen zwischen Pazifik und Atlantik eisfrei. Selbst in unmittelbarer Polnähe gibt es bereits größere Freiflächen und 100prozentige Bedeckung existiert nur noch in einem Breiten Streifen nördlich des arktischen Archipels und Grönlands. Wie es im Augenblick aussieht, wird das diesjährige Minimum nur knapp über dem historischen Tiefstand von 2007 liegen. Schon jetzt ist das letztjährige Minimum unterboten und das von 2008 erreicht.

Andere Länder, ähnliche Sitten

Und zum Schluss die gute Nachricht der Woche: Die internationale Nachrichtenagentur IPS schreibt über Bürgerproteste in Chile, die dort ein Kohlekraftwerk verhindert haben.

In Barrancones, etwa 1.500 Kilometer nördlich der Landeshauptstadt Santiago de Chile, wollte der französische Konzern GDF/Suez ein 570-Megawatt-Kraftwerk in unmittelbarer Nachbarschaft zu einem Nationalpark bauen, zog aber jetzt seine Pläne zurück. Allerdings war das nur ein Projekt von etwa 12 Kohlekraftwerken, die in Chile entweder schon gebaut werden oder sich in der Planung befinden. Auch andernorts gibt es zum Teil erheblichen Widerstand in der Bevölkerung, schreibt IPS. Die Kohlegegner wollten sich nun landesweit koordinieren. (Wolfgang Pomrehn)