Trotz Kino-Krise voller Optimismus und Kampfgeist

Filmkunstmesse Leipzig feiert 5. Geburtstag

Der 11. September 2001 ist in der westlichen Welt als Tag des Schreckens und der Zerstörung in die Geschichte eingegangen. Für die AG Kino – kurz für Arbeitsgemeinschaft Kino - Gilde Deutscher Filmkunsttheater E.V. - jedoch ist dieser Tag mit Geburt und Wachstum verbunden, denn der 11. September 2001 war der Gründungstag für die Leipziger Filmkunstmesse, der einzigen Programmkinomesse in Deutschland, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, ein Forum für den partnerschaftlichen Austausch zwischen Arthouse-Kinobetreibern und Verleihern zu sein, wo Fachleute weit vor Bundesstart Filme sichten, über Marketing und Potential der einzelnen Filme diskutieren und gemeinsam in Seminaren, Workshops und Diskussionsrunden Strategien für die Zukunft der Filmkunst entwickeln.

Die damals gerade aus der Taufe gehobene Messe war erst ein paar Stunden alt, als am frühen Nachmittag die laufenden Kinovorführungen von aufgeregten Zwischenrufen von den Eingängen unterbrochen wurden, die merkwürdig klingende Wortfetzen wie „Pentagon zerstört“, der „zweite Turm auch eingestürzt“ und „der Dritte Weltkrieg hat begonnen“ riefen, was noch an Absurdität dadurch gewann, dass man als regelmäßiger Kinogänger die Zerstörung amerikanischer Großstädte aus Kinofilmen wie „Fight Club“ oder „Independence Day“ ja schon gut kannte (mehr dazu im Artikel von Peter Bürger: Hollywood und Nine Eleven) .

Es war eine schwierige Entscheidung für Eva Matlok, die Vorsitzende der AG Kino, dafür zu plädieren, die unter so unglücklichen Vorzeichen gestartete Messe trotzdem durchzuziehen. Und so kam es, dass die ca. 300 Gäste an diesem Tag in den Kinos ausharrten, während der Rest der Nation gebannt vor dem Fernsehbildschirm den Kollaps der Türme des World Trade Center verfolgte . Die Entscheidung war die richtige, kann man rückblickend sagen. Die Filmkunstmesse, die zwischen dem 12. und dem 16. September stattfand, feierte in diesem Jahr ihren fünften Geburtstag und ist inzwischen die wichtigste Branchen-Veranstaltung im Arthouse-Bereich. Die Zahl der akkreditierten Gäste hat sich von knapp 400 (2001) auf 850 (2005) mehr als verdoppelt und die Zahl der Filme ist von 33 (2001) auf 57 (2005) gestiegen. Erstmals musste die Messe in diesem Jahr Filme ablehnen, weil kein Programmplatz mehr frei war – so Burkhard Voiges, einer der Mitorganisatoren.

Rot ist die Farbe der Messe

Mit diesen Erfolgszahlen reiht sich die Leipziger Filmkunstmesse nahtlos in die Erfolgsgeschichten von der im März stattfindenden Leipziger Buchmesse und der Games Convention im August ein – auch diese beiden Veranstaltungen wachsen noch hinsichtlich Größe und Zuschauerzahl.

Zum Konzept: Kern der Messe sind über 50 Filmpräsentationen für ein Branchenpublikum, das aus Verleihern und Kinobetreibern besteht, die sich mit Filmkunst beschäftigen. Damit ist die Filmkunstmesse eine Mischung aus Tradeshow, wie sie die Majors ausrichten, um ihre neuen Blockbuster vorzustellen, und einem Festival. Sie umfasst einen internen und einen öffentlichen Teil.

Im internen Teil, der tagsüber stattfindet, stellen Verleiher dem ausschließlich aus Kinobetreibern zusammengesetzten Publikum ihre Neuerscheinungen der kommenden Monate vor. Diese Vorstellungen sind moderiert, um Gespräche in Gang zu bringen und um den Austausch über Marketingstrategien und Marktpositionierung zu optimieren. Gerade in Zeiten, wo immer mehr Filme in die Kinos kommen (zu viele nur mit Fernsehniveau– lauteten einige Stimmen auf der Messe), wo ein deutlicher Einbruch bei den Kinobesuchern zu vermelden ist und wo die Kinobesucher immer älter werden, werden Vermarktungsstrategien, genaue Zielgruppendefinitionen, Öffentlichkeitsarbeit, Gestaltung der Website zunehmend wichtiger – so der übereinstimmende Tenor bei Verleihern und Kinobetreibern.

Hier gibt es also jedes Jahr viel Work in Progress zu sehen, werden Filmtitel einer Revision unterzogen, werden Plakatentwürfe diskutiert und auch schon mal verworfen und wird gemeinsam überlegt, welche spezifischen Kooperationspartner man für bestimmte Filme finden kann. Presse und Öffentlichkeit sind von diesem tagsüber stattfindenden Teil ausgeschlossen, um den laufenden und unabgeschlossenen Vermarktungsprozess nicht zu stören.

Abends laufen ausgewählte Filme für die breite Öffentlichkeit und werden häufig von Regisseuren und Darstellern selbst präsentiert. In diesem Jahr stellte z. B. Leander Hausmann („Sonnenallee“, „Helden wie wir“) seine neue Komödie „NVA“ über die berüchtigte DDR-Armee vor, Volker Petzold präsentierte „Gespenster“, eine sensible Geschichte über drei Frauen auf der Suche. Besonderer Bonus für das Publikum: Wie schon in den vergangenen Jahren ermöglichte die Aktion „Für Dich mein Herz...“ zwei Karten zum Preis von einer zu erwerben.

Die Zuschauer sind dabei gleichzeitig auch Pretester, denn sie sind angehalten, Fragebögen zum Film auszufüllen – dafür winken allerdings attraktive Preise wie z. B. Kino-Jahreskarten oder Gutscheine für ein Abendessen. Das Leipziger Publikum nutzte begeistert die Gelegenheit, zahlreiche, meist noch in Originalfassung oder Original mit Untertiteln Sneak Previews mehrere Monate vor dem offiziellen Kinostart zu sehen. Wie schon in den vergangenen Jahren waren die öffentlichen Vorführungen teils schon im Vorfeld fast ausverkauft. Auch hier waren Zugewinne gegenüber dem Vorjahr zu verbuchen: Rund 4000 Zuschauer fanden 2005 den Weg in die öffentlichen Voraufführungen (2004 = 3000), die in den nächsten Monaten in die Arthouse-Kinos kommen.

Das Kinomatch-Eingabegerät Foto: Karin Wehn

Neu in diesem Jahr war Kinomatch, ein qualitatives Umfragetool für die Messung der Zuschauerakzeptanz von Kinofilmen, das in dem vom Bundesministerium für Wirtschaft und Arbeit veranstalteten Gründerwettbewerb ausgezeichnete wurde. Die Ergebnisse des von Jurys, Journalisten und anderen Meinungsbildern unabhängigen Messverfahrens werden in einer zentralen Online-Datenbank zusammengeführt. Die bundesweite „Hitparade“ der spontanen Publikumsmeinungen kann Kinobetreibern, Produzenten und Filmverleihern unmittelbar und sehr direkt wertvolle Informationen zur Programmgestaltung liefern.

Kinomatch fand in diesem Jahr bereits bei der Berlinale Anwendung und wird in Berliner Kinos bereits eingesetzt, eine bundesweite Ausweitung des Projekts ist geplant. In jedem Kino wurde am Ausgang ein Gerät fest installiert, dessen Bedienung keine Anleitung erforderte. Sechs gelbe, mit Smileys bedruckte Knöpfe mit von strahlendes Lächeln bis mürrisches Mundwinkel Herunterziehen entsprachen der Notenskala von eins bis sechs. Jeder Besucher einer Vorstellung war aufgefordert, dem gerade gesehenen Film eine bestimmte Wertung zukommen zu lassen.

In den internen Vorführungen waren die Ergebnisse von Kinomatch ein erster Eindruck für die Verleiher, wie ihr Film bei den Kinobetreibern angekommen war. In den öffentlichen Vorführungen hingegen waren die per Knopfdruck ermittelten und per Palm ausgelesenen und zusammen geführten Ergebnisse Grundlage für die Vergabe des mit 2.500 Euro dotierten Zuschauerpreises, der in diesem Jahr erstmals an eine Verleihfirma vergeben wurde. Der Preis ging in diesem Jahr an „Eine andere Liga“ von Buket Alakus, ein Film über eine leidenschaftliche deutsch-türkische Fußballerin, deren Leben durch Brustkrebs ins Wanken gerät und ihren Kampf zurück ins Leben.

Neben Kinovorführungen gab es Seminare zu aktuellen Problemen und Fragen der Branche. Hier ging es schwerpunktmäßig um die Zukunft des Kinos. Gefragt waren Visionen dazu, wie das Kino der Zukunft aussieht und welche Publika neu erschlossen werden könnten. Im traditionsreichen Seminar „Digitales Update“ ging es vor allem darum, eine Bestandsaufnahme zu liefern, welche digitalen Pilotprojekte schon gestartet und wie sie bisher angenommen wurden.

Alles schreit in diesem Jahr - die Kinobesitzer, weil der Zuschauer ausbleibt; die Verleiher, weil die Kinobesitzer ihre Filme nicht spielen wollen oder weil der Zuschauer sie nicht sehen will; die Produzenten, weil ihre Filme immer schwieriger Verleiher und damit ihr Publikum finden. Jeder sucht die Schuld beim anderen.

Alfred Hürmer, Blickpunkt Film

Im Seminar „Die fetten Jahre sind vorbei ?!?“ versuchte man Lösungsstrategien zur aktuellen Krise des unabhängigen Kino zu entwerfen, die bedingt ist durch den Einbruch der Besucherzahlen, den Umbruch der Sehgewohnheiten, ein verändertes Freizeitverhalten, die Konkurrenz der DVD und Heimkino sowie die Verkürzung der Auswertungsfenster, worüber Ernst Corinth in Telepolis (Schlechte Aussichten fürs Kino) kürzlich berichtete. Weitere Seminare beschäftigten sich mit der Kinder- und Jugendkinoarbeit und dem Kino als Ausbildungsplatz.

Auf folgende Filme dürfen sich Kinogänger in den nächsten Monaten unter anderem freuen: Andreas Dresens Komödie „Sommer vorm Balkon“ wird es mit ihrer erfrischenden Ehrlichkeit, der genauen Beobachtung der Figuren und Lust zum Leben sicherlich schaffen, beim Kinostart im Januar die Sonne in die Herzen zurückzuholen. Das epische chinesische Werk „Shower“ (Regie: Xhang Yang, Filmtitel wird vermutlich noch geändert) über ein traditionelles Badehaus in Peking schlägt eine Brücke zwischen dem traditionellen und dem modernen China.

„Go West, Young Man“ (Regie: Peter Delpeut, Mart Dominicus), ist ein nicht nur für Western-Fans spannender Film-Essay, der die Originalschauplätze von Western bereist und dabei humorvoll zu zeigen vermag, wie lebendig der Mythos vom Western im Südwesten der USA noch ist, diesen Mythos gleichzeitig aber dabei auch dekonstruiert. „Stay“ (Regie: Marc Forster) ist ein rätselhafter Thriller in New York mit äußerst opulenten, in einer Clip-Ästhetik virtuos aneinander montierten Einstellungen von Manhattan. Erst am Ende, wenn sich in den letzten Minuten des Films die Story erschließt, begreift man, wie kongenial Geschichte und visuelle Umsetzung miteinander verwoben sind.

Dänemark verbindet man vor allem mit Dogma-Filmen. Dass dort aber auch ganz andere kreative Winde wehen, zeigt die abgefahrene dänische 3D-Animation „Terkel in Trouble“ (Regie: Kresten Vestbjerg Andersen, Thorbjorn Christofferson), die in Dänemark den erfolgreichsten Kinostart des Jahres verbuchen konnte. Der Streifen über die Probleme eines Elfjährigen, der von seinen Mitschülern gehänselt und dessen zeitungslesender Vater und seine kettenrauchende Mutter auch keine Vorbilder sind, hat so einen rabenschwarzen Humor, dass sich die Macher von „South Park“ neue Anregungen holen können.

Wer dann noch das umfangreiche Rahmenprogramm bestehend aus dem traditionellen Get Together mit Eröffnungsfilm, der Vergabe der Kinoprogrammpreise Mitteldeutschland, der Gilde-Filmpreise und den Empfängen und Partys absolvierte, reiste am Freitag nachmittag verkatert, mit Eindrücken überfrachtet und knitterhagelkaputt nach Hause. Und freut sich trotzdem schon auf das nächste Jahr. (Karin Wehn)