Trotz Wirtschaftswachstum: Die Menschen in Deutschland sind mehrheitlich unzufrieden und ängstlich

Nach einer Umfrage erleben viele Deutsche einen Kontrollverlust, der durch Nationalismus und Rechtsruck kompensiert wird

Nicht nur der SPD geht es in Deutschland schlecht. Nach einer Umfrage, für die 5000 Wahlberechtigte vom Berliner Politikforschungsinstitut Policy Matters für die Böckler Stiftung im Januar/Februar und April/Mai 2017 befragt wurden, herrscht im Land zunehmend miese Stimmung. Das vor allem in der Mittelschicht und den unteren sozialen Schichten, die abgehängt sind oder fürchten, abgehängt zu werden. Es soll etwa die Hälfte der Gesellschaft betreffen, die von einer "Ambivalenz wirtschaftlicher Stabilität und neuen sozialen und kulturellen Unsicherheiten geprägt" sei.

"Gefühle von Ohnmacht, Frustration und Enttäuschung haben insgesamt zugenommen", sagen Rita Müller-Hilmer, Richard Hilmer und Jérémie Gagné von Policy Matters. Diagnostiziert wird ein "Kontrollverlust". Das könnte mithin auch der Grund sein, warum 2015 während der "Flüchtlingswelle" der "Kontrollverlust" des Staats viele Verunsicherte so geängstigt hat, so dass sie als Ausgleich zur eigenen erlebten oder befürchteten Schwäche oder Ohnmacht einen starken, autoritären Staat erwarten. Und wenn der, verkörpert durch die Regierung und vor allem Angela Merkel, dann auch als schwach erscheint, entsteht Wut.

Für die Studie "Soziale Lebenslagen" wurden mit der Umfrage Werte und Einstellungen zu Staat und Gesellschaft, Politik, Parteien und Gewerkschaften sowie konkrete Lebens- und Arbeitsbedingungen ermittelt. Interessant ist, dass man die Ergebnisse dieser Umfrage mit denjenigen vergleichen kann, die sich bei der ersten derartigen Umfrage 2006 ergeben haben. Danach gab es deutliche Veränderungen in den vergangenen 10 Jahren. So hätten die Tendenzen zur Vereinzelung zugenommen, "während zur Kompensation konservative Haltepunkte wie Nationalstolz und Recht und Ordnung an Bedeutung gewinnen". Es vertieft sich nicht nur die Kluft zwischen Einkommen, sondern auch die zwischen Weltoffenheit und Abschottung.

Der Studie liegt die Annahme zugrunde, dass der "politische Raum" durch zwei sich überschneidende Achsen geprägt sei: libertär/offen vs. autoritär/geschlossen und regulierend vs. marktorientiert. Überdies werden die Menschen in neun unterschiedliche, den drei Schichten zugeordneten "Typen" eingeteilt. So werden der Oberschicht mit einem Anteil von 37 Prozent die konservativen Besitzstandswahrer (mehr Männer), die kritische Bildungselite und das engagierte Bürgertum zugerechnet. Der Mittelschicht, zu der 48 Prozent der Wahlberechtigten gehören, soll die zufriedene Generation Soziale Marktwirtschaft (mehr Frauen), die verunsicherten Leistungsindividualisten, die gesellschaftsfernen Einzelkämpfer (mehr Männer) und die desillusionierte Arbeiternehmermitte (mehr Frauen) umfassen, der Unterschicht mit einem Gesamtanteil von 18 Prozent werden die missachteten Leistungsträger (mehr Frauen) und das abgehängte Prekariat zugerechnet.

Die Unterschicht wäre, was den Anteil betrifft, relativ klein und daher vielleicht auch politisch ohne große Macht, während die aus den Typen zusammengesetzte Pyramide einen deutlichen Hang nach oben hätte.

Die Anteile der verschiedenen Typen an der Gesamtbevölkerung unterscheiden sich stark. Zur Gruppe des abgehängten Prekariats werden nur 5 Prozent der Wahlberechtigten zugerechnet. 9 Prozent jeweils stellen die kritische Bildungselite und die verunsicherten Leistungsindividualisten, 10 Prozent die desillusionierte Arbeitnehmermitte, die missachteten Leistungsträger und konservativen Besitzstandswahrer. Mit 13 Prozent ist der Anteil der gesellschaftsfernen Einzelkämpfer und mit 16 Prozent der der zufriedenen Generation Soziale Marktwirtschaft relativ hoch. Am stärksten soll das engagierte Bürgertum mit 18 Prozent sein.

Die Wissenschaftler konstatieren eine Dreiteilung der Gesellschaft in zufriedene, verunsicherte und enttäuschte Gruppen. Dabei stellen die mit ihrer persönlichen und der gesellschaftlichen Situation weitgehend zufriedenen Gruppen etwa 43 Prozent der Wahlberechtigten. Wahrscheinlich könnte man sie als die viel beschworene Mitte bezeichnen. Zu ihnen zählen die Wissenschaftler das engagierte Bürgertum und die kritische Bildungselite aus der Oberschicht und die zufriedene Generation Soziale Marktwirtschaft aus der Mittelschicht. Sie sind gewissermaßen die von den Rechten den Gutmenschen und dem links-grün-liberalen Lager zugerechneten Kosmopoliten, die offen und libertär sind und die "die Chancen der Globalisierung und Vorteile der Neuen Technologien für sich nutzbar machen können". Dazu kämen ältere Menschen, die ganz gut leben und keine Angst vor einem Absturz haben.

Nach den Wissenschaftlern ist allerdings der Bevölkerungsteil höher, der unzufrieden ist oder Angst vor dem Abstieg hat. Zu den Verunsicherten, zu denen 32 Prozent der Wahlberechtigten gerechnet werden, gehören auch die konservativen Besitzstandswahrer aus der Oberschicht, die schon dem Namen nach sich sorgen, dass sie ihren Wohlstand nicht halten könnten.

Dazu kommen die verunsicherten Leistungsindividualisten und gesellschaftsfernen Einzelkämpfer aus der Mittelschicht. Sie werden nach Ansicht der Wissenschaftler von Angst geprägt, Angst vor der Globalisierung, Angst vor den Veränderungen durch Neue Technologien und auch Angst vor der Zuwanderung: "Sie plädieren insgesamt für eine härtere und kompetitivere Gesellschaft", die also auch ausgrenzt und die Mauern hochzieht, während Solidarität nicht so gefragt ist. Es ist womöglich auch die Schicht, die rechtsnationalen, autoritären und aggressiven Bewegungen zum Durchbruch verhelfen, wie das schon in der Weimarer Zeit so war. Und es die Schicht, die für solche Parteien wie die AfD die verunsicherten und wütenden Menschen aus der Ober- und Mittelschicht mit den Abgehängten scheinbar verbindet, obgleich die Interessen sehr verschieden sind zwischen denen, die den Absturz fürchten, und denen, die einen größeren Anteil am Wohlstand haben wollen.

Und dann soll es noch die Enttäuschten geben, die aus der Mittelschicht mit der desillusionierten Arbeitnehmermitte und mit den missachteten Leistungsträgern und dem abgehängten Prekariat aus der Unterschicht: "Sie bemängeln sowohl ihr eigenes Schicksal als auch den Zustand der Gesellschaft insgesamt - sozial wie politisch. Ungerechtigkeitsgefühle und die Wahrnehmung, politisch kein Gehör zu finden, sind hier sehr stark ausgeprägt."

Politisch haben die ehemaligen Volksparteien an Einfluss verloren, wie sich an den letzten Wahlen zeigte. Das ist aber in den verschiedenen Gruppen anders. Die Union ist am stärksten bei der zufriedenen Generation Soziale Marktwirtschaft, wo sie vor allem mit der SPD konkurriert. Beim engagierten Bürgertum dominieren die Union und SPD, aber auch die Grünen sind hier relativ stark. Die kritische Bildungselite neigt zu den Linken, aber auch zur SPD und den Grünen. Man könnte daraus den Schluss ziehen, dass die Grünen nicht mit den Linken oder den Liberalen, sondern eher mit der SPD und der Union um die obere Mitte konkurrieren.

Die FDP hingegen konkurriert am ehesten mit der AfD, die ja auch die rechte Abspaltung der Liberalen ist. Die AfD ist zur neuen Arbeiterpartei geworden und am stärksten im abgehängten Prekariat, aber auch in den ängstlichen und wütenden Bevölkerungsgruppen der missachten Leistungsträger, der verunsicherten Leistungsindividualisten und der konservativen Besitzstandswahrer. Wenig überraschend ist die AfD bei den Zufriedenen kaum vertreten. Die Linke hat ausgerechnet beim abgehängten Prekariat am meisten seit 2006 verloren. Die Grünen am meisten bei der kritischen Bildungselite, wo wiederum die Linke die größten Zugewinne hatte. Die Union verlor am meisten bei den konservativen Besitzstandswahrern. Die SPD verlor in fast allen Gruppen.

Aus einer anderen Studie von Policy Matters geht hervor, dass Menschen in festen oder tarifrechtlich geregelten Arbeitsverhältnissen deutlich weniger zu Rechtspopulisten tendieren als Menschen mit atypischen oder tariflich nicht geregelten Jobs. Aber das dürfte nur die eine Seite des Erfolgs der Rechtsnationalen sein, die eben auch vom verunsicherten Bürgertum getragen werden, das um seine Privilegien fürchtet. (Florian Rötzer)

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