Trotz zunehmender Vernetzung wird mehr gependelt

Pendeln. Bild: Roger Carvell/CC BY-3.0

Warum Menschen zunehmend länger zur Arbeit fahren müssen

Wir leben in einer vernetzten Big-Data-Gesellschaft, in der wir in Smart Homes mit dem Internet der Dinge in Smart Cities einziehen, mit autonomen Fahrzeugen unterwegs sind, uns alles liefern lassen und sowieso, gleich ob in der Industrie 4.0 beschäftigt oder nicht, mit Computer und Smartphones immer online sind. Man sollte eigentlich annehmen, dass mit der Digitalisierung und Vernetzung auch die Tele(Heim)Arbeit zunehmen sollte, die vor 20 Jahren als demnächst erwartbare Zukunft prophezeit wurden.

Aber die Vorhersagen haben sich bislang nicht eingestellt oder höchstens für eine verschwindend kleine Zahl von Menschen. Telearbeit bedeutet meist, hin und wieder Zuhause oder unterwegs tätig zu sein. Auch wenn die Bereitschaft hoch sein mag, nicht an einem Ort zu bestimmten Zeiten arbeiten zu müssen, was auch bedeutet, zwischen Heim und Arbeitsplatz pendeln zu müssen, und viele Tätigkeiten Telearbeit möglich machen würden, zögern viele Arbeitgeber, ihre Angestellten aus der unmittelbaren Kontrolle zu entlassen, was seltsam ist, weil die Kontrolle über digitalisierte Arbeitsstrukturen weitaus größer ist, als dies in vordigitalen Zeiten je der Fall war (Sind Telearbeiter zufriedener, gesünder und effizienter?).

In den 1990er Jahren wurde mit der sich durchsetzenden Vernetzung auch prophezeit, dass Ort und Raum, räumliche Verdichtung und Zentralität immer unwichtiger würden. So wurde prognostiziert, dass mit den flachen Organisationsstrukturen auch die Städte als räumliche Verdichtung und Verkürzung der Entfernung zur Verkürzung der Zeit zerfallen, weil unnötig würden. Die Stadt als räumliches Gebilde würde gewissermaßen in die Chips einwandern, die immer kleiner und leistungsstärker werden. Fast gleichzeitig setzte freilich die "Renaissance der Städte" ein, immer mehr Menschen ziehen in große Städte, während das Land sich entvölkert, was sich keineswegs alleine dadurch erklären lässt, dass auf dem Land die Bandbreite der Internetverbindung häufig geringer als in den Städten ist. Es ist weiterhin die räumliche Verdichtung, die nicht nur Menschen, sondern auch das Kapital und die Wirtschaft anzieht, dazu gehören große innovative Institutionen wie Universitäten, eine kreative Szene und Freizeitmöglichkeiten.

Nach einem Bericht des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) scheinen die Menschen auch räumlich flexibler zu werden, wenn man darunter versteht, dass sie zunehmend in einer anderen Gemeinde arbeiten, als sie wohnen. Die Trennung der Orte der Arbeit und des Wohnen, Kern der modernen Ideologie und Stadtplanung, funktioniert trotz Vernetzung offenbar immer besser. 2015 pendelten 60 Prozent aller Arbeitnehmer, 2000 waren es erst 53 Prozent.

Mit der zunehmenden Vernetzung der Gesellschaft, so muss man daraus folgern, wird es offenbar zwingender, größere Strecken zur Arbeit zurückzulegen, auch wenn gleichzeitig die Notwendigkeit entfällt, etwa zum Einkaufen in Geschäfte zu gehen, Behörden aufzusuchen oder an Ereignissen körperlich präsent teilzunehmen.

Interessant ist, dass nach dem BBSR, das das Pendlerverhalten von sozialversicherten Beschäftigten zwischen 2000 und 2015 untersucht hat, noch mehr Menschen aus den Vorstädten in die Städte zur Arbeit fahren: "Inzwischen wohnen zwei Drittel der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten, die in den Metropolen Frankfurt am Main, Düsseldorf und Stuttgart arbeiten, außerhalb der Stadtgrenzen. Die meisten Pendler hat München: Hier stieg die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten, die außerhalb der Stadt wohnen, seit dem Jahr 2000 auf 355.000 - ein Plus von 21 Prozent. Frankfurt am Main folgt mit 348.000 Pendlern (+14 Prozent). Am dynamischsten entwickelte sich wiederum Berlin: Hier nahm die Zahl der Pendler gegenüber dem Jahr 2000 um 53 Prozent auf 274.000 zu."

Da die Städte weiter wachsen, müssen sie notwendigerweise jenseits der politischen Stadtgrenzen weiter wachsen. Der Speckgürtel, wie man früher sagte, nimmt zu, auch wenn im Unterschied etwa zur früheren Suburbanisierung durch die Auswanderung der Industrie die Innenstädte selbst wieder zum Wohnen attraktiv wurden, mit der Folge, dass die damit einhergehende Gentrifizierung durch steigende Wohnpreise in den Innenlagen nun die ärmeren Menschen an den Stadtrand drängt. Wahrscheinlich ist, dass die wohlhabenderen Menschen, die bislang in die Gartenstädte emigrierten, in die Zentren zurückziehen, während die Angestellten, die sozialversicherungspflichtig Beschäftigten, eher ins Umland gedrängt werden, weil dort die Immobilienpreise und Wohnkosten günstiger sind. Dazu dürfte kommen, dass bei den steigenden Immobilienpreisen und Wohnkosten ein Umzug kaum mehr in Frage kommt, wenn ein neuer Job angenommen oder gesucht werden muss, der kein wesentlich höheres Einkommen mit sich bringt.

Weil Telearbeit nicht möglich ist, muss also gependelt werden. Und wenn der öffentliche Nahverkehr nicht ausreichend ist, steigt die Angewiesenheit auf das Auto zur Mobilität, zumal wenn die Wege länger werden und mit dem Fahrrad nicht bewältigt werden können. Nicht nur die Zahl der Pendler ist gestiegen, sondern auch die Länge des Arbeitsweges: "Von 14,6 Kilometer im Jahr 2000 auf 16,8 Kilometer im Jahr 2015." Auch die Zahl der Fernpendler, die mehr als 150 km zurücklegen, ist von 1 Million auf 1,3 Millionen angestiegen. In strukturschwachen Gebieten müssen Menschen durchschnittlich mehr als 30 km zur Arbeit fahren.

BBSR-Direktor Herrmann sieht das ganz gemütlich und optimistisch: "Viele Beschäftigte nehmen für eine ihrer Qualifikation entsprechende Anstellung längere Distanzen in Kauf und sind nur über das Wochenende zuhause. Die Ballungsräume sind gut vernetzt. Das fördert die Mobilität, auch über große Distanzen." Was Herrmann als "In-Kauf-Nehmen" bezeichnet, ist schlicht ökonomischer Zwang. Die Menschen müssen abwägen zwischen Einkommen sowie Fahrtkosten und Wohn- bzw. Lebenshaltungskosten. Die gute Vernetzung der Ballungsräume, was die räumliche Mobilität betrifft, ist nur ein Teil der neuen Flexibilität, die auch dann von den Arbeitnehmern erbracht werden müsste, wenn sie schlechter wäre. Oder ist alles ganz anders? Suchen sich die Angestellten ihre Wohnorte nach gusto und nehmen dann lieber längere Fahrtwege zur Arbeit in Kauf?

Die Unbeweglichkeit der Arbeitgeber in Hinblick auf Telearbeit sorgt aber auch für die Mobilisierung der Arbeitnehmer - und dafür, dass wertvolle Zeit beim Pendeln verschwendet wird. Aber möglicherweise ist die Pendelzeit im räumlichen Dazwischen eine der wenigen Möglichkeiten, in der vernetzten Gesellschaft noch Momente des Nichtstuns, der Kontemplation oder der Muße zu erleben.

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