Trump hat 2019 seine Tweet-Kanonade verdoppelt

Bild: Weißes Haus

Dazu kommen immer mehr Retweets, so könnte Trump die Aufmerksamkeit der Fans und der Medien überreizen und eine seiner mächtigen politischen Waffen stumpf werden

Eine wichtige Waffe von Donald Trump ist sein Twitteraccount, mit dem er direkt und ungefiltert die Massen, aber auch die Medien erreichen kann. Mit über 60 Millionen Followern ist das ein mächtiges Beeinflussungsinstrument, wenn Trump es weiter schafft, auf dem persönlichen, höchstens semioffiziellen Account von "real DonaldTrump" mit frechen, unverschämten, witzigen, aggressiven, politisch nicht korrekten Tweets, die man tatsächlich als "weaponized information" verstehen kann oder muss, immer wieder Aufmerksamkeit als Person zu finden, der gerade auch mal Präsident ist. Wichtig dabei ist die stereotype Personalisierung der Gegner wie "Crooked Hillary", "Sleepy Joe Biden", "Crazy Nancy", "Do Nothing Democrats", "Corrupt Lamestream Media", "Fake News" etc.

Die Wirksamkeit der Twitter-Kanonande könnte sich allerdings ändern. 2019 ist Trump in die Wahlkampfmaschine eingetreten und hat mit dem Impeachment, das ihm bislang nicht geschadet, sondern mehr Wahlkampfspenden eingebracht hat, sein Twitter-Staccato gegenüber dem Vorjahr mehr als verdoppelt. Über 7700 Tweets verbreitete er - oder wer auch immer dies macht - letztes Jahr, 2018 waren es erst 3600. Insgesamt sollen es über 44.000 Tweets seit 2009 sein, 732 davon hat er gelöscht.

Fast 8000 Tweets in einem Jahr dürfte jedenfalls ein Rekord für die Mitteilsamkeit eines Regierungschefs sein, der sich aus dem geschützten Binnenraum der Macht direkt seinen Anhängern und Gegnern zuwendet. Um die Masse zu erreichen, steigerte Trump auch die Retweets. Hier war er anfangs vorsichtig und gezielter, in den ersten zwei Jahren gab es nur 775, 2019 kam er auf etwa 3000. Auch das ist ein Instrument, um das Selbstlob anderen zu überlassen, aber auch den Einfluss zu steigern. Die von Trump erzielte Aufmerksamkeit wird über Retweets an Anhänger und Fans weitergegeben, deren Accounts dann vielleicht auch einmal ein paar Millionen Klicks durch die gelenkte Flut erhalten, was Anhänger an den Präsidenten bindet, der seine Aufmerksamkeitsmacht instrumentalisiert, indem er sich gewissermaßen unters Volk mischt.

Aber der Effekt dürfte sich ab nützen, wenn Trump im Impeachment-Fieber, Wahlkampfgetöse und konfrontiert mit zunehmenden Auslandskonflikten (Irak, Iran, Nordkorea, Libyen …) meinte, er muss den Durchsatz noch steigern, um die Masse der Fans an sich zu binden. Jetzt lässt sich schon allmählich bemerken, dass die Medienaufmerksamkeit gesunken ist, die Medien hecheln nicht mehr jedem provokantem Tweet des Präsidenten hinterher. Das wird bei den Fans nicht anders sein, zumal wenn die Retweets und die ganz offensichtlich vom Team geschriebenen gegenüber den originalen Präsidententweets zunehmen, die auch schon oft genug sich selber wiederholen. Die Möglichkeit besteht also, dass Trumps virtuelle Kampfmaschine allmählich verglüht, wenn die Wahlen sich nähern.

Noch ist es nicht so weit. Erstaunlich an Trump ist, dass seine Beliebtheit zwar schwankt, aber im Durchschnitt mit knapp unter 50 Prozent ziemlich konstant ist. Skandale schwächen ihn nicht, sondern gehören zum Geschäft. Obamas Popularitätskurve war auch schon eine Abweichung. Auf hohem Niveau sank sie zweimal, stieg aber auch zweimal wieder an, zuletzt ganz außergewöhnlich am Ende seiner zweiten Präsidentschaft. Bei Vorgänger Bush ging die Popularität nach dem Peak (9/11, Irak-Krieg) Schritt für Schritt bis zum Ende nach unten. Das war auch, mit Ausnahme von Bill Clinton, bei vielen früheren Präsidenten der Fall. (Florian Rötzer)