Trump im Twitter-, Rede- und Schwindelrausch

Ein Bild von Trump, wie er twittert, gibt es nicht. Bild: Weißes Haus

Eine Seite sammelt alles, was Trump sagt und twittert - und zeigt bemerkenswerte Veränderungen

Natürlich, US-Präsident Donald Trump ist im Wahlkampfmodus. Aber erklärt das alleine, warum er mehr Tweets postet als in den ersten zwei Jahren seiner Präsidentschaft? Er spricht auch mehr vor Kameras - und seine Reden wurden länger.

Factba.se verfolgt, transkribiert und indexiert alles, was Trump sagt und twittert. Auch vorhandene Videos werden archiviert, zudem Tweets, die gelöscht wurden. So gibt es ein öffentliches Archiv über Trump, das weit über das hinausgeht, was bislang in den Archiven von Präsidenten gesammelt und aufbewahrt wurde. Gesammelt werden auch Daten über das Einkommen und das Vermögen. Danach hat Donald Trump ein Einkommen von etwa 600.000 US-Dollar, ein Vermögen von 1,466 Milliarden US-Dollar und Schulden in der Höhe von etwa 300 Millionen US-Dollar.

Seit 2009 hat Trump über 41.000 Tweets veröffentlicht und 625 wieder gelöscht. Eingeschätzt wird auch, ob ein Tweet von Trump selbst oder von seinen Mitarbeitern stammt oder ob sich dies nicht sagen lässt.

Daniel Dale von CNN hat die gesammelten Daten einmal ausgewertet und festgestellt, dass Trump 2019 durchschnittlich 83 Tweets pro Woche absetzte, 43 Prozent mehr als 2018 und gleich 91 Prozent mehr als 2017, als der Präsident vielleicht noch mehr ausprobierte, was er auf diesem halboffiziellen Medienkanal machen kann, mit dem er die Massenmedien und ihre Berichterstattung umgehen und sich direkt an die Öffentlichkeit wenden konnte. Mutiger wurde er auch bei Retweets. 2017 hatte er nur sechs und 2018 neun Retweets pro Woche gepostet, 2019 waren es durchschnittlich 38 Prozent, 326 Prozent mehr. Ein Geheimnis bleibt, was er selbst oder seine Mitarbeiter posten, kenntlich gemacht wird dies programmatisch nicht.

Er scheint auch Geschmack an Reden gefunden zu haben. Wenn man Videos seiner Wahlkampfreden betrachtet, bemerkt man, wie es ihm zusagt, die Emotionen zu steuern. Er ist Populist, der seine Zuhörer und Leser erregen, in Emotionen versetzen will. 2017 sprach er durchschnittlich nur 59 Minuten, 2019 schon eine Stunde und 22 Minuten. Das zeigt, dass er weiß, dass er den Erregungslevel seiner Anhänger länger aufrechterhalten kann, er ist selbstbewusster geworden.

Das wird auch bei Gesprächen mit Journalisten vor und nach seinen Flügen deutlich, die um 78 Prozent länger als 2018 wurden. Und bei Fernsehaufnahmen, die wöchentlich 25 Minuten länger als 2018 wurden.

Je mehr er spricht und sich mitteilt, desto sparsamer wurden die offiziellen Mitteilungen oder Pressekonferenzen des Weißen Hauses. Vor Trump waren tägliche Pressekonferenzen des Sprechers üblich, jetzt finden sie hin und wieder statt, ähnlich im Außenministerium. Das hat sicher damit zu tun, dass Trump lieber ungefiltert zum "Volk" spricht, Sprecher brechen diese Direktheit, die Medienvertreter überdies, die nur Teile herauspicken. Zudem müsste Trump sich ausführlich abstimmen und festlegen, während er die schnelle Reaktion und das Umschalten, die Unberechenbarkeit, liebt.

Dale hat vermutlich Recht, wenn er vermutet, dass Trumps erhöhte Mitteilsamkeit nicht nur mit dem Wahlkampf zu tun hat, sondern auch damit, dass praktisch niemand mehr um ihn herum ist, der ihn bremsen, kritisieren oder in eine andere Richtung drängen könnte. Zuletzt hatte er noch den Falken John Bolton als Sicherheitsberater rausgeschmissen, der ihm offensichtlich zu forsch war und militärische Abenteuer forcierte, die Trump mit Blick auf den Wahlkampf um jeden Fall nicht eingehen will. Berater hat er jetzt nicht mehr, nur noch subalterne Hörige, die ihm das Feld überlassen: "This is Trump unleashed", meint Dole.

Er sagt auch, dass mit Trumps Befreiung aus der Klammer der Disziplinierung durch eigenständige Berater und Minister auch die Frequenz der Lügen zugenommen habe. Nach seinem Amtsantritt habe er 343 Tage gebraucht, um 1000 falsche Behauptungen zu machen. Für die nächsten 1000 waren nur noch 197 Tage notwendig, dann für die nächsten 93 und schließlich 75 Tage. Während Trump von den "Fake News" scharf beobachtet wird, findet dies bei Merkel, Macron, Johnson oder anderen europäischen oder ausländischen Regierungschefs nicht statt. Trump kann wohl darauf vertrauen, dass in Zeiten des gestiegenen Misstrauens, der mangelnden Ausübung der Urteilskraft und der oft parteiischen Faktenfinder auch mehr Fake durchgeht, wenn er von der weltanschaulich richtigen Seite kommt. (Florian Rötzer)