Trump in Tulsa: Comeback mit skurriler Corona-Logik

Bild: Trump/Twitter

Erster Wahlkampfauftritt vor Publikum nach mehrmonatiger Pause. War die Halle halbvoll oder halb leer?

Nach Maßstäben, die noch bis vor Kurzem dominierten, löste eine "indoor"-Veranstaltung mit mehr als zehntausend Besuchern Angst und Schrecken aus. Doch zeigte das Trump-Wahlkampf-Team vor dessen Auftritt im BOK Center, das Plätze für 19.000 Besucher hat, auf den politischen Gegner. Bei den Protesten infolge des gewaltsamen Todes von George Floyd seien doch die Sicherheitsabstandsregeln längst außer Kraft gesetzt worden.

"Great American Comeback Celebration"

Also machte sich die Air Force 1 mit Präsident Trump an Bord gestern Abend mitteleuropäischer Zeit auf den Weg nach Tulsa, Oklahoma, damit der in Umfragen deutlich zurückliegende Amtsinhaber Boden gegen seinen Konkurrenten Biden gut machen kann - trotz der Nachrichten von ansteigenden Corona-Infektionszahlen in Oklahoma und Tulsa und trotz der Vorwürfe, dass die Wahlkampfshow in der Halle zu einem "Super-Spreader-Ereignis" werden könnte.

Dazu kamen noch andere Risiken. In Tulsa fand vor 99 Jahren ein Massaker gegen Schwarze statt, das angesichts der gegenwärtigen Proteste neu ins öffentliche Bewusstsein kam. Trump befeuerte Spannungen mit seinem ursprünglichen Plan, die Veranstaltung bereits am Freitag abzuhalten, genau an dem Tag, an dem die Abschaffung der Sklaverei gefeiert wurde. Der Wahlkämpfer ließ davon ab, stellte aber zugleich heraus, dass er mit seiner Absicht und der daraus folgenden Debatte, den Juneteenth-Tag erst richtig berühmt gemacht habe.

Dann gab es außer den Corona-Zahlen noch andere, die der 40 Millionen Arbeitslosen, die das Spektakel in Tulsa zu einem viel beachteten Ereignis machten. Wie würde Trump dies drehen können, um aus der Veranstaltung die angekündigte "Great American Comeback Celebration" zu machen? Er und sein Wahlkampfteam schürten die Spannung gekonnt, als sie von "unglaublichen Mengen" sprachen, die den Auftritt des Präsidenten in Tulsa erwarteten.

Die schweigende Mehrheit

Am Tag danach folgt der Streit, den es seit Amtsbeginn Trumps gibt: Wie viele Leute waren tatsächlich da? Wohl zeigen die Kameras des Trump-Teams eine dicht gedrängte Menge im Parkett und vollbesetzte untere Ränge in der BOK-Center-Halle. Doch waren die oberen Ränge voller freier Plätze, wie es nicht nur die Kameras offenbaren, die nach Ansicht Trumps fake news verbreiten - die leeren Ränge sind auch auf den Videoclips der Rede Trumps zu sehen, die auf seinem Twitteraccount gepostet sind, sekundenschnell; der Schneideraum bekommt vielleicht noch was zu hören.

"Die schweigende Mehrheit ist stärker denn je zuvor", so Trump in Tulsa. Heute Morgen halten ihm die Medien von der New York Times, über den lokalen ABC-Newssender, CNN sowieso, bis zum Drudge Report ("MAGA less mega") entgegen, dass es die angekündigte "crowd" nicht gab.

Als Zeichen dafür, dass dies auch dem Trump-Wahlkampfteam bewusst war, wird die Absage von geplanten Auftritten vor der Halle herangezogen. Auch Fox lieferte Bildmaterial, das dem Präsidenten nicht gefallen wird.

Kolportiert wird auch, dass Trump sehr wütend darüber war, dass vor der Veranstaltung an Medien weitergegeben wurde, dass sechs Mitarbeiter seines Wahlkampfteams in Tulsa positiv mit Sars-CoV-2 getestet wurden.

Absurde Corona-Test-Logik

In seiner Rede ging der Wahlkämpfer ebenfalls auf Tests ein und kündigte an, dass man sie verlangsamen werde ("slow the testing down"). Absurde Logik: Wir testen weniger, also haben wir weniger Fälle? Man kann sich vorstellen, dass da in manchen Regierungssitzen weltweit gegrinst wurde, möglicherweise im Kreml. In Russland hat man bessere Zahlen als in den USA, obwohl dort viel getestet wird. Dort gebe es höhere Pro-Kopf-Testzahlen pro Tag als in den USA, hält die New York Times, eigentlich keine Freundin Russlands, Trump vor, aber der "Anteil der positiv Getesteten ist niedriger".

Da ihm die Bemerkung böse ausgelegt werden kann - "Hauptsache, sein Image stimmt, wie es um die Gesundheit der Bevölkerung steht, ist nachrangig" -, bemühte man sich hinterher, diese Bemerkung ähnlich wie andere Böcke zuvor (siehe Desinfektionsmittel im Blut als Kampfmittel gegen das Virus) als Jökelei hinzustellen. Der Wortlaut der Rede, die eine Stunde und 42 Minuten lange Aufzeichnung des Auftritts auf Trumps Twitter-Account, gibt Interessierten die Gelegenheit, dies nachzuprüfen.

Tulsa sollte nach 110 Tagen Pause des Showmasters liebste Bühne neu eröffnen, damit er mit seinen als elektrisierend beschworenen Auftritten den "lahmen Biden" (Trump) in dessen Grenzen verweisen kann. In Oklahoma gab es seit mehreren Jahrzehnten keinen demokratischen Gouverneur mehr, es ist eine Bastion der Republikaner, von dort aus sollte ein starkes Signal an die umkämpften Staaten (Battlestates) gehen.

Es sollte eine sichere Startrampe sein, mit einem kalkulierten Mix an Provokation - das Juneteenth-Gedenken, die besondere Geschichte Tulsas, der Corona-Virus, über den sich Trump mit "Kung Flu" lustig machte, und die Pandemie, mit der man unglaublich gut, "tremendously", zurechtgekommen sei - und zuletzt mit der Stilisierung seiner Gegner als radikale Linke.

Ob das noch so gut funktioniert, ob Trump einfach an den früheren Erfolgs-Faden wiederanknüpfen kann, danach sieht es nach diesem Comeback-Auftakt eher nicht aus.

Doch heißt es in Hintergrundartikeln, dass die Show nicht unbedingt das Allerwichtigste bei solchen Wahlkampfereignissen ist. Es geht auch darum, Informationen von Anhängern vor Ort zu sammeln, damit man sie bis zum Wahltag mit e-Mails begleiten kann und gezielt ansprechen - und um möglichst viel Trump-Wähler dazu zu bringen, dass sie sich in Wählerlisten eintragen lassen.

Ob die Trumpwahlkämpfer hier viel sammeln konnten, ist ebenfalls noch offen, ohnehin ist Oklahoma, wie beschrieben, ein sicheres Gelände, wo nicht viele wichtige Punkte gemacht werden konnten. (Thomas Pany)