Trump sichert für 1,2 Milliarden US-Dollar potentiellen Impfstoff für die Amerikaner

Bild: Vincent Ghilione/unsplash.com

Vor der Wahl soll der Sars-CoV-2-Impfstoff bereits verfügbar sein. US-Wissenschaftler gehen von einer bald einsetzenden zweiten Welle aus, Trump schließt eine erneute Schließung des Landes aus

Um Amerika wieder groß zu machen und die Wirtschaft anzukurbeln, müssen die USA im Sinne ihres Präsidenten Donald Trump zuallererst an sich selbst denken. Allerdings weniger an die eigenen Menschen, die weiter sterben, als an Trumps Wahlkampf und Versuch, möglichst schnell alle Einschränkungen zugunsten der Wirtschaft aufzuheben.

Ausgerufen hatte Trump die "Operation Warp Speed", um bis Januar 300 Millionen Sars-CoV-2-Impfdosen für die Amerikaner herzustellen. Jetzt hat sich das US-Gesundheitsministerium über seine Behörde Biomedical Advanced Research and Development Authority (BARDA) für 1,2 Milliarden US-Dollar den Zugriff auf diese 300 Millionen Dosen des von der University of Oxford entwickelten und vom britischen Konzern AstraZeneca lizenzierten Impfstoffs AZD1222 (vorher: ChAdOx1 nCoV-19) gesichert, bei dem allerdings noch wichtige klinischen Studien fehlen.

Weil alles ganz schnell gesehen und vor dem Wahltermin propagiert werden soll, wird die Produktion in den Centers for Innovation and Advanced Development in Manufacturing (CIADM) von BARDA parallel mit dem klinischen Test der Phase 3 angefahren, verkündet das Gesundheitsministerium. Im Sommer sollen 30.000 Freiwillige den Impfstoff an sich testen lassen. Dabei sind die klinischen Tests der Phase 1 und 2 noch nicht abgeschlossen. Die FDA soll dann bei Erfolg, dem möglicherweise nachgeholfen wird, eine Notfallgenehmigung erteilen.

Die ersten Impfdosen sollen natürlich schon im Oktober verfügbar sein, also vor der Präsidentschaftswahl. Gesundheitsminister Alex Azar meinte, der "amerikanischen Öffentlichkeit einen Impfstoff so schnell als möglich zur Verfügung zu stellen", sei Teil der "vielseitigen Strategie, das Land wieder sicher zu eröffnen und das Leben wieder zur Normalität zu bringen". Neben dem Impfstoff von AstraZeneca fördert BARDA drei weitere mögliche Impfstoffe von ModernaTX 430 Millionen), Protein Sciences (Sanofi) (30 Millionen) und Janssen Research & Development (456 Millionen).

In einer aktuellen Umfrage des Senders Fox News, der bei Donald Trump nach kritischen Worten nicht mehr so geschätzt wird, liegen die Zustimmungswerte für Trump nur noch bei 40 Prozent, 2 Punkte weniger als vor einem Monat, während die seines Konkurrenten Joe Biden um 6 Punkte auf 48 Prozent gestiegen sind. Aber auch im Januar erzielte Trump nur Zustimmungswerte von 40 Prozent. Biden übertrumpft Trump um 20 Prozent bei den Frauen, Trump seinen Widersacher um 7 Prozent bei den Männern. Biden führt bei Gesundheit und Bekämpfung von Covid-19, aber auch beim Umgang mit China, Trump bei der Wirtschaft. Gleichwohl sehen die befragten Amerikaner die Wirtschaftsaussichten dramatisch schlechter als noch im Januar. Damals fanden sie 55 Prozent als exzellent oder gut, jetzt nur noch 20 Prozent.

Während der angeschlagene Trump trotzig verkündet, dass er das Land bei einer zweiten Welle nicht schließen werde, das sei normal, man werde die "Feuer löschen", ist Anthony Fauci da anderer Meinung. Der Direktor des National Institute of Allergy and Infectious Diseases und das prominenteste Mitglied der Coronavirus-Taskforce des Weißen Hauses ist überzeugt, dass es weitere Infektionswellen gebe werde.

US-Wissenschaftler sagen voraus, dass die Zahl der Neuinfektionen und Todesfälle bald wieder ansteigen wird

Wissenschaftler der Columbia University haben in einer kontrafaktischen Analyse abgeschätzt, was geschehen wäre, wenn in den großen amerikanischen urbanen Regionen die Maßnahmen zur sozialen Distanzierung und andere eine Woche früher erlassen worden wären. Jetzt würden die Infektionszahlen noch wegen der Beschränkungen zurückgehen, auch wenn bereits Öffnungen geschehen sind. Das würde aber ein falsches Bild vermitteln, weil die Zahlen dem Infektionsgeschehen etwa zwei-drei Wochen hinterherhinken. Man hätte 703.000 Neuinfektionen (62 Prozent) und fast 26.000 Todesfälle (55 Prozent) bis zum 3. Mai verhindern können, wenn die Maßnahmen schon am 8. März und nicht erst am 15. März ergriffen worden wären.

Für die nahe Zukunft haben sie abgeschätzt, was die Folge wäre, wenn die seit 4. Mai gelockerten Maßnahmen nach zwei oder drei Wochen wieder verschärft worden wären. Im ersten Fall erwarten sie nach ihren Berechnungen ab 1. Juli täglich 35.000 bestätigte Neuinfektionen und 3.400 Covid-19-Todesfälle, bei der dreiwöchigen Verzögerung würde die Zahl der bestätigten Neuinfektionen auf 42.000 und die der Todesfälle auf über 4100 steigen.

Das sind grobe Schätzungen, bald wird man sehen können, ob eine frühere Vorhersage der Wissenschaftler der Columbia University tatsächlich eintrifft. Anfang Mai hatten sie abgeschätzt, dass die Zahl der Neuinfektionen Ende Mai ansteigen werde, wenn die Öffnungen anhalten und die Zahl der Kontakte wieder zunimmt. Die Entwicklung wurde in den 25 Bundesstaaten abgeschätzt, die die Notfallmaßnehmen schon beendet haben oder dies planen.

Nach einem Szenario, das von einer Zunahme der Kontakte um 10 Prozent ausgeht, ist zum ersten Juni mit über 43.000 Neuinfektionen und mehr als 1800 Toten täglich in den USA zu rechnen, nach einem zweiten, das eine Zunahme um 10 Prozent wöchentlich annimmt, sogar mit mehr als 63.000 Neuinfektionen und über 2400 Toten täglich. Würden die Anweisungen bestehen bleiben, Zuhause zu bleiben, würden die Infektions- und Todeszahlen sinken. Wenn, wie erwartet, die Ausbreitung der Pandemie sich in den USA wieder verstärkt, würden die Krankenhauskapazitäten in den Bundesstaaten so überfordert werden, wie man das in New York gesehen habe. (Florian Rötzer)