Trumps Afghanistan-Strategie: Mehr Bomben

Task Force Marauder in einem Chinook-Hubschrauber in Südafghanistan am 15.2.2018. Bild: DoD

Zahl der Opfer steigt, Erfolge der neuen Strategie sind bis jetzt nicht erkennbar

Laut dem aktuellen Bericht der Unterstützungsmission der Vereinten Nationen in Afghanistan (UNAMA) wurden im Jahr 2017 mindestens 10.453 zivile Kriegsopfer am Hindukusch dokumentiert, über 3.400 davon waren Todesopfer. Bei der Zählung verfolgt UNAMA eine sehr strenge Methode. Für die Bestätigung jedes zivilen Opfers sind drei verschiedene Quellen erforderlich, was sich in einem Land wie Afghanistan mit vielen abgeschiedenen Regionen oftmals als schwierig erweist. Aus diesem Grund handelt es sich auch bei den jüngsten Veröffentlichungen um absolute Mindestzahlen.

Die meisten Opfer gingen auf das Konto aufständischer Gruppierungen, allen voran auf jenes der Taliban und der afghanischen IS-Zelle "Islamischer Staat in der Provinz Khorasan" (ISKP). Laut UNAMA verursachte allein der IS im vergangenen Jahr mindestens 1.000 zivile Opfer, darunter 399 Todesopfer. Selbstmordattentate und Bombenangriffe in den vergangenen Monaten haben deutlich gemacht, dass die Gruppierung auch in den urbanen Gebieten des Landes, etwa in der Hauptstadt Kabul, stark präsent ist.

Auch hinsichtlich ziviler Opfer durch US-amerikanische Luftangriffe sieht UNAMA eine massive Zunahme. Mindestens 631 Opfer, darunter 295 Tote, wurden 2017 dokumentiert. Die Zahl der Luftangriffe, ausgeführt durch Drohnen und konventionelle Kampfflugzeuge, hat im Vergleich zum Jahr 2016 um sieben Prozent zugenommen. Außerdem wurden die meisten Luftoperationen seit Beginn der UN-Zählung im Jahr 2009 aufgezeichnet.

Insgesamt macht die UN die Luftangriffe der NATO für sechs Prozent der zivilen Opfer verantwortlich. Da viele Angriffe allerdings in abgelegenen Regionen, die von der Kabuler Regierung nicht kontrolliert werden, stattfinden, erweist sich eine detaillierte Zählung als schwierig. Oftmals sind weder Journalisten noch Menschenrechtsbeobachter vor Ort.

Schon zu Beginn der Amtsübernahme Donald Trumps hat die US-Administration deutlich gemacht, einen aggressiveren Krieg gegen "Terroristen" führen zu wollen. Bereits seit 2012 ist bekannt, dass "jede männliche Person im wehrfähigen Alter", die sich um Umfeld eines Drohnen-Angriffs befindet, für Militär und Geheimdienst per se als "feindlicher Kombattant" gilt. Die jüngsten Entwicklungen im Land machen deutlich, dass Trumps einzige Strategie am Hindukusch tatsächlich nur noch mehr Bombenregen und Zerstörung zu sein scheint.

Denn während weite Teile der Welt seit der Übernahme Trumps die Geschehnisse in den USA und die verstärkte Militarisierung des Landes mit Besorgnis verfolgen, ist dies in Afghanistan nicht der Fall. Sowohl führende US-Militärs als auch der afghanische militärisch-industrielle Komplex, bestehend aus dem Sicherheitsapparat der Regierung Ashraf Ghanis und der Armee-Führung, sind der Meinung, dass dank des neuen US-Präsidenten ihr Sieg nun greifbar geworden ist.

Für manche US-Generäle scheint die sogenannte "Südasien-Strategie" Trumps mittlerweile zur "neuen Bibel" geworden zu sein, attestierte das US-Militärmagazin "Defense One" etwa vor Kurzem. Das angebliche Ziel: Durch die neue Strategie soll Druck auf die Taliban ausgeübt werden.

Dies meinte auch General John Nicholson in einem kürzlich erschienen Interview mit dem Spiegel. Nicholson ist der gegenwärtige Kopf der NATO-Mission "Resolute Support" als auch Befehlshaber der US-Streitkräfte in Afghanistan. "Die Taliban können unserem militärischen Druck auf Dauer nicht standhalten. Sie müssen sich entscheiden: Entweder sie verhandeln über einen Friedenspakt. Sonst bleibt ihnen nur, in einem aussichtslosen Kampf zu sterben. Oder sie können sich irgendwo in Afghanistan verstecken und irrelevant werden", so Nicholson.

CIA und Militär von den Fesseln befreit

In Afghanistan ist sowohl die CIA als auch das US-Militär aktiv. Beiden Akteuren hat Präsident Trump mehr Befugnisse erteilt. Dadurch kann der Geheimdienst freier agieren und selbstständiger geheime Spezialeinheiten und Drohnen einsetzen. Währenddessen muss das Militär nach Bombardements kaum noch Rechenschaft gegenüber der Öffentlichkeit abgelegen, auch wenn Zivilisten getötet werden.

Ende Januar veröffentlichte das US-Militär neue Zahlen zum Luftkrieg in Afghanistan. Demnach wurden 2017 mindestens 4.300 Bomben in Afghanistan abgeworfen - doppelt so viele wie in den zwei Jahren zuvor. Darunter befand sich auch die größte nichtatomare Bombe - die 11-Tonnen schwere "Massive Ordnance Air Blast" (MOAB), euphemistisch bekannt als sogenannte "Mutter aller Bomben" - die im April in der östlichen Provinz Nangarhar abgeworfen wurde (US-Militär wirft stärkste nicht-nukleare Bombe auf Ziel in Afghanistan ab. Die Opfer dieses Angriffs sind bis heute nicht bekannt. Das Pentagon zog es vor, kein Wort darüber zu verlieren. Nangarhar galt im vergangenen Jahr als am meisten bombardierte Provinz.

Durchschnittlich fanden täglich fünfzehn Luftangriffe statt. Erfolge der neuen Strategie sind bis jetzt nicht erkennbar. Während Trumps Luftkrieg eskalierte, stieg auch die Militanz in Afghanistan an. Laut einer aktuellen BBC-Recherche werden siebzig Prozent des Landes von den Taliban bedroht. In vielen Distrikten verliert die Regierung tagtäglich an Kontrolle (Afghanistan: Mehr als 60.000 Taliban-Kämpfer).

Das afghanische BBC-Team hat hierfür vor Ort von August bis November 2017 recherchiert. Insgesamt wurden über 1.200 Menschen in 399 Distrikten interviewt. Die Taliban selbst reagierten unter anderem verbal auf Trumps Pläne. Mittels Twitter wurde in trollhafter Manier erklärt, dass die Strategie zum Scheitern verurteilt sei. (Emran Feroz)