Trumps "Fake News Awards"

Der US-Präsident hat die Negativpreise nicht an ganze Medien, sondern an einzelne Berichte vergeben

Die berühmte Dr.-House-Catchphrase "everybody lies" gilt nicht nur im Gesundheitsbereich, sondern auch in der Politik - und in den mit ihr verflochtenen Medien. Insofern hatte Donald Trump bei der Suche nach Beispielen für Falschmeldungen in US-Massenmedien ebenso wenig Schwierigkeiten wie diese Massenmedien bei der Suche nach (ihrer Ansicht nach) Falschem in Trumps Äußerungen.

Gestern läutete der US-Präsident im inzwischen seit 2015 andauernden Tit-for-Tat zwischen ihm und den amerikanischen Mainstreammedien eine neue Runde ein, indem er für einen "Fake News Awards" betitelten Negativpreis zehn Artikel präsentierte, die seiner Ansicht nach besonders grob falsch oder irreführend waren. Dass Trump seine Liste nicht mit ganzen Medien, sondern nur mit einzelnen Berichten bestückte, überraschte zwar manche Beobachter in US-Medien, ist aber angesichts der Bandbreite der Berichterstattung, die es dort trotz der Polarisierung immer noch gibt, durchaus nachvollziehbar.

Prophezeiung eines Wirtschaftswissenschaftlers

Auf Platz 1 Fake-News-Awards-Liste des Präsidenten landete der New-York-Times-Kolumnist und Wirtschaftsersatznobelpreisträger Paul Krugman mit seiner am Tag der Präsidentenwahl geäußerten Prophezeiung, die "Märkten" würden sich von einem Wahlsieg des Milliardärs "nie erholen". Drei Tage später räumte Krugman dazu selbst ein, er habe überreagiert.

Dass diese Prophezeiung ganz vorne landete (und deshalb in fast allen Berichten über die Negativauszeichnung erwähnt wird) hat den wahrscheinlich nicht ganz unerwünschten Nebeneffekt, dass man die Wähler damit an die tatsächliche wirtschaftliche Lage erinnern kann. Mit der sind viele Amerikaner eher zufrieden, weil die Börse (an der oft die Altersversicherung hängt) boomt und weil sich die Arbeitslosenrate mit 4,1 Prozent unter Berücksichtigung einer dreiprozentigen Fluktuationsarbeitslosigkeit der faktischen Vollbeschäftigung nähert (vgl. Promisierung der Politik). Das führt Trump auch in einer Liste mit zehn Erfolgen aus, die er an die Fake-News-Award Liste angehängt hat.

Dass sich die Wirtschaftslage wieder verschlechtern kann, ändert nichts daran, dass viele Wirtschaftswissenschaftler nicht nur in Bezug auf Trump eine Haltung einnehmen, die sich in den Sozialwissenschaften teilweise noch deutlicher zeigt: Sie forschen nicht mehr wirklich ergebnisoffen, sondern wollen eher einen protoreligiösen Glauben bestätigen und verbreiten. Prophezeiungen, die sie in diesem Zusammenhang unternehmen, tragen das gleiche Risiko wie die religiösen Weltuntergangs- und Paradiesvorhersagen der Vergangenheit.

Auf Platz zwei landete ein nachweislich falscher Bericht des Fernsehsenders ABC, der den Dow-Jones-Index zeitweise um über 350 Punkte fallen ließ. In ihm wurde behauptet, dass der ehemalige Nationale Sicherheitsberater Michael Flynn aussagen wolle, Trump habe ihn angewiesen, Kontakt mit russischen Staatsvertretern aufzunehmen, als er noch Kandidat war.

Auf Platz drei steht ein inzwischen ebenfalls korrigierter Bericht des Senders CNN, Trumps ältester Sohn habe von Wikileaks vorab Informationen über geleakte Dokumente aus der Demokratischen Partei erhalten. Tatsächlich wurde Trump junior von Wikileaks erst einen Tag nach der Veröffentlichung kontaktiert, als die Dokumente bereits der ganzen Welt bekannt waren.

Die doch nicht entfernte Martin-Luther-King-Büste und die doch nicht leere Wahlkampfveranstaltung

Platz vier wert war Trump ein Bericht des Time-Magazine-Korresapondenten Zeke Miller, Trump habe eine Büste des Bürgerrechtlers Martin Luther King aus dem Oval Office entfernen lassen. Miller hatte das ohne vorher nachzufragen gemeldet, weil er sie bei einem Empfang wegen einer geöffneten Tür und wegen eines davorstehenden Sicherheitsbeamten nicht sehen konnte.

Platz fünf ging an David Weigel von der Washington Post, der mit einem Stunden vor Beginn der Veranstaltung aufgenommenen Foto den Eindruck erweckte, Trump rede auf einer Wahlkampfveranstaltung in Pensacola, Florida vor leeren Rängen. Tatsächlich war die Veranstaltung ausverkauft und Weigel löschte das (nicht in der Zeitung abgedruckte) Foto später wieder.

CNN

Mehr Aufmerksamkeit in Europa erzeugte ein an sechster Stelle platziertes CNN-Video von einem Besuch Trumps in Japan, das durch seinen Schnitt suggerierte, der US-Präsident habe sich beim Füttern von Zierfischen wie ein ungeduldiger Barbar verhalten und nach ein paar Prisen die komplette Futterschachtel in den Teich gekippt. Ungeschnittene Aufnahmen zeigen jedoch, dass Trump damit nur den japanischen Ministerpräsidenten Abe imitierte, der es genauso machte.

Ebenfalls an CNN gingen Platz sieben für einen zurückgezogenen Bericht über ein angebliches Treffen von Trumps kurzzeitigem Kommunikationsdirektor Anthony Scaramucci mit einem Russen und Platz neun für die Meldung, der von Trump entlassene FBI-Direktor James Comey werde einer Aussage des Präsidenten zu Ermittlungen gegen ihn widersprechen (was er nicht machte). Dazwischen liegt auf Platz acht Newsweek mit der Falschmeldung, die polnische Präsidentengattin Agata Kornhauser-Duda habe Trump den Handschlag verweigert.

Absprachen mit Russland "vielleicht die größte Ente, die man dem amerikanischen Volk jemals vorgesetzt" hat

Am Ende der Liste steht (wie am Anfang) die New York Times - diesmal mit der nicht zutreffenden Schlagzeile, das Weiße Haus habe einen Klimareport versteckt. Allerdings gibt es noch einen zusätzlichen Bonusplatz elf, auf dem der Präsident nicht eine einzelne Meldung, sondern einen ganzen Meldungskomplex angreift: Die Behauptungen, es habe vor seiner Wahl Absprachen mit Russland gegeben. Das,so Trump, sei "vielleicht die größte Ente, die man dem amerikanischen Volk jemals vorgesetzt" habe.

Kritik an der Liste gibt es bislang weniger von den gescholtenen Medien (die, wie beispielsweise Newsweek, lediglich auf andere Falschmeldungen in anderen Medien verweisen, die ihrer Ansicht nach schlimmer waren), als von Politikern wie den republikanischen Senatoren Jeff Flake und John McCain, die den öffentlichen Tadel von Regierungsseite als unangemessenen Eingriff in die Pressefreiheit werden und befürchten, dass die USA damit anderen Ländern ein schlechtes Vorbild sein könnten. Dort ist man jedoch häufig weit über den bloßen Tadel hinaus. (Peter Mühlbauer)

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