"Trumps Körperhaltung signalisiert Angriffsbereitschaft"

Offizielles Präsidentenfoto (Ausschnitt). Bild: Weißes Haus

Lars Bauernschmitt, Professsor für Fotojournalismus, zum offiziellen Trump-Foto des Weißen Hauses

"Mein Land. Mein Haus. Mein Wille. Meine Macht." Das sind die Aussagen, die der Präsident der USA mit seinem offiziellen Foto des Weißen Hauses vermitteln möchte. So sieht es Lars Bauernschmitt , Professor für Fotojournalismus, der im Interview mit Telepolis das außergewöhnliche Foto interpretiert.

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Wer kennt sie nicht, die offiziellen Fotos des Weißen Hauses zu den US-Präsidenten? In der Regel sind es Fotos, die den ersten Mann des Landes zeigen, der mehr oder weniger stark lächelnd sich auf eine sympathische, ja: staatsmännische und staatstragende Weise in Szene setzt.

Natürlich: Das sind PR-Fotos. Es sind Fotos bestimmt für die Öffentlichkeit, die darauf setzen, durch eine freundliche Ausstrahlung die Herzen der Bürger zu gewinnen. Doch mit Donald Trump sieht das anders aus. Das offizielle Foto, das den neuen "Commander in Chief" zeigt, stellt einen radikalen Bruch mit den Aufnahmen der vergangenen Zeit da. Das Foto zeigt keinen Präsidenten, der Wert darauf legt, Sympathiepunkte zu bekommen.

Trump, so sagt es Bauernschmitt, der sich intensiv mit den US-Präsidenten und seinen Fotografen beschäftigt hat, "signalisiert Angriffsbereitschaft". Und: Die Aufnahme setze darauf, Grenzen zu überschreiten.

Offizielles Präsidentenfoto. Bild: Weißes Haus
Herr Bauernschmitt, allgemein gefragt: Was möchte ein Mensch in der Regel bewirken, wenn er ein Portrait von sich veröffentlicht?
Lars Bauernschmitt: Ein Mensch, der ein Portraitbild von sich verbreitet, zeigt, wie er sich selber sieht und wie er von anderen gesehen werden möchte.
Nun haben Sie sich das offizielle Bild des Weißen Hauses von Donald Trump angeschaut. Was ist Ihr erster Gedanke?
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Lars Bauernschmitt: Das ist ein ganz fürchterliches Foto.
Was der zweite?
Lars Bauernschmitt: Das Foto ist keine Überraschung. Es bestätigt die Erwartungen von Gegnern und Anhängern. Wie man das Foto empfindet, ist davon abhängig, wie man die Person Donald Trump und seine politischen Ziele beurteilt.
Zu sehen ist ein - grimmig - entschlossener, weißer Mann, der signalisiert, dass er nicht unbedingt an Gesprächen interessiert ist, die länger dauern als seine Twitter-Botschaften. Für seine Anhänger mag das eine Stärke sein, seine Gegner sehen das anders, genauso wie sie die Größe Amerikas bisher nicht über die rücksichtslose Durchsetzung von eigener Macht definierten, sondern auch über die Bereitschaft, Schwächeren Schutz zu bieten, so wie es auf der Freiheitsstatue geschrieben steht.
Was steht dort?
Lars Bauernschmitt: "Give me your tired, your poor,
Your huddled masses yearning to breathe free,
The wretched refuse of your teeming shore.
Send these, the homeless, tempest-tost to me,
I lift my lamp beside the golden door!"
Diese Sätze sind schon ein paar Jahre alt. Sie haben im vergangenen Jahr einen Artikel veröffentlicht, in dem es heißt: "Eingespielt wie alte Ehepaare entscheiden die amerikanischen Präsidenten und ihre Fotografen darüber, wie die (Nach-)Welt den ersten Mann im Staate wahrnimmt."
Lars Bauernschmitt: Die offiziellen Fotografen der Präsidenten begleiteten die bisher mächtigsten Männer der westlichen Welt nahezu rund um die Uhr. Fotografen und Präsidenten verbrachten dabei oft mehr Zeit miteinander als mit ihren jeweiligen Ehefrauen. In der Regel hatten die Fotografen ungehinderten Zutritt zu den Präsidenten und fotografieren eigentlich rund um die Uhr. Veröffentlicht wurde jedoch nur ein Bruchteil der Bilder - der Teil, den der Präsident freigab.
Wie ein Präsident von der Nachwelt wahrgenommen wird, darüber entscheiden ganz wesentlich auch diese Fotos. Je enger und vertrauensvoller Präsidenten und Fotografen zusammenarbeiten, desto besser sieht der erste Mann der USA später aus - im wahrsten Sinne des Wortes. In der Zeitschrift Pictorial (1/2016) hatte ich geschrieben:
"War die Arbeit der Präsidenten bis 1961 mehr oder weniger umfassend von Mitarbeitern des Signal Corps der US-Armee sowie von verschiedenen Pressefotografen bei unterschiedlichen Anlässen festgehalten worden, dokumentierte ab sofort Cecil Stoughton das Leben von John F. Kennedy und seiner Familie - während der Arbeit und im Privaten. Stoughton übernahm den Job auf Wunsch von Kennedys Militärberater Ted Clifton, der erkannt hatte, dass es nach dessen Amtsantritt eine enorme Nachfrage nach Fotos des jungen Präsidenten und seiner Familie geben würde. Er sorgte so für ein umfassendes Bildangebot, hatte gleichzeitig aber auch die Möglichkeit der völligen Kontrolle über die veröffentlichten - und vielleicht noch wichtiger - die nicht veröffentlichten Bilder."
Die Fotografen der US-Präsidenten fotografieren, journalistische Stilmittel einsetzend, Public-Relation-Fotos. Ein Beispiel guter und erfolgreicher Zusammenarbeit sind Pete Souza und Barack Obama. Ein Präsident, der dagegen große Probleme hatte, einen Fotografen zuzulassen, war Richard Nixon. Ollie Atkins hatte kaum Zugang zum Präsidenten, der ihm nicht wirklich vertraute. Im Ergebnis gibt es kaum Fotos, die Richard Nixon bei der Arbeit zeigen, beziehungsweise bei dem, was die Öffentlichkeit als dessen Tätigkeit sehen sollte. Von Richard Nixon finden sich deshalb kaum vorteilhafte Bilder. Heute erinnert werden vor allem seine Klagen über Maskenbildner, die ihn vor dem Fernsehduell mit John F. Kennedy nicht geschminkt hätten, weshalb er im Gespräch verschwitzt ausgesehen habe und sein trotziger, für viele Betrachter unangemessener, Gruß beim Besteigen des Hubschraubers, der ihn nach seinem Rücktritt vom Weißen Haus flog.
Bild: Weißes Haus
Wie sollten denn bisher die amerikanischen Präsidenten auf ihren Bildern wahrgenommen werden?
Lars Bauernschmitt: Betrachtet man die Reihe der offiziellen Portraits der amerikanischen Präsidenten, die das Weiße Haus unter Presidents veröffentlicht, stellt das dort veröffentlichte Foto von Donald Trump einen Bruch dar. Während auf den Portraits der Präsidenten eins bis vierunddreißig, also von George Washington bis Dwight D. Eisenhower, ernste Männer vor einem neutralen Hintergrund mit geschlossenen Lippen zu sehen sind, zeigt John F. Kennedy erstmals Zähne - und lächelt dabei.
Lyndon B. Johnson und Richard Nixon haben den Mund zwar wieder geschlossen, sehen den Betrachter aber trotzdem offen freundlich an. Die folgende Reihe von Gerald Ford bis Barack Obama strahlt geradezu. Mit leicht geöffnetem Mund sehen sie den Betrachter direkt an. Alle Präsidenten wirken auf den Fotos gewinnend. Blendet man aus, was über ihre Politik bekannt ist und wie man diese aus heutiger Sicht beurteilt, sieht man erst einmal lauter nette Menschen - beziehungsweise Menschen, die sympathisch wirken wollen.
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