Trumpsche Selbstinszenierung am Hindukusch

Archivbild: US-Verteidigungsministerium/gemeinfrei

Kommentar: Kurz vor dem Jahrestag der Anschläge des 11. Septembers hat Donald Trump die Friedensgespräche mit den Taliban via Twitter stillgelegt. Dieser Schritt war fatal

Trumps Schritt macht nur folgendes deutlich: Dem US-Präsidenten geht es nicht um Frieden, sondern um Selbstinszenierung. Damit muss Schluss sein.

Nach neun Gesprächsrunden mit der politischen Delegation der Taliban im Golfemirat Katar waren sich viele Afghanistan-Beobachter einig: Der Friedensdeal steht vor der Tür, und er wird bald abgesegnet werden. Doch kurz darauf wurde abermals deutlich, wie unvorhersehbar die US-amerikanische Politik dank Donald Trump geworden ist.

Via Twitter meldete sich der US-Präsident kurz vor der Absegnung des Friedensdeals zu Wort und blies jegliche Gespräche mit den afghanischen Aufständischen ab. Als Grund nannte er einen Taliban-Anschlag in Kabul, bei dem ein US-Soldat und "elf weitere Menschen", wie Trump schrieb, getötet wurden.

Dass der genannte Grund als Vorwand diente, war klar. Immerhin ist es - leider - nichts Neues, dass während der Friedensverhandlungen weiter Krieg geführt und Menschen getötet werden - und zwar von allen Seiten. Wer in diesen Tagen etwa meint, auf die Gewalt der Extremisten aufmerksam machen zu müssen, sollte nicht vergessen, dass laut UN im ersten Halbjahr 2019 mehr Zivilisten am Hindukusch durch US-Militär, afghanische Armee und CIA-Milizen getötet wurden. Auch die Anzahl von Luftangriffen und Drohnen-Operationen, die seit jeher hauptsächlich Zivilisten treffen, haben immens zugenommen.

Donald Trump wollte mit den Taliban verhandeln, doch zeitgleich ließ er auch die Gewalt im Land eskalieren. Die Opfer dieser Gewalt kümmerten den amerikanischen Präsidenten wenig bis gar nicht. Dass er sich nun darüber echauffiert, ist deshalb mehr als nur unglaubwürdig.

In den USA wurde besonders die Tatsache kritisiert, dass Trump mit den Taliban in Camp David den Friedensdeal absegnen wollte - und das auch noch drei Tage vor dem 18. Jahrestag der Terroranschläge des 11. Septembers. Für weite Kreise der US-Öffentlichkeit wäre dies ein Skandal gewesen. Immerhin wird - entgegen aller bekannten Fakten - den Taliban bis heute eine Mitbeteiligung an den Anschlägen vorgeworfen.

Fakt ist nämlich weiterhin, dass kein einziger Afghane an den Anschlägen des 11. Septembers beteiligt gewesen ist. Die Mehrheit der Täter waren Saudis, doch der wichtigste US-Verbündete im Nahen Osten blieb in jeglicher Hinsicht vollkommen verschont. Stattdessen fungierte das absolutistische Königreich als eine der Schaltzentralen des Krieges am Hindukusch.

Doch Trump hatte bezüglich Afghanistans etwas gänzlich anderes im Sinn. Er wollte den längsten Krieg, den das US-Militär je geführt hat, beenden und sich als Friedensstifter, der einen Nobelpreis verdient hat, stilisieren. Schauplatz hierfür wäre natürlich Camp David gewesen, wo sich einst auch Menachem Begin und Anwar as-Sadat mit Jimmy Carter trafen.

Trump dachte, dass sein Plan perfekt gewesen sei. Ihm ging es dabei nur um sich selbst. Seine Soldaten interessierten ihn dabei so wenig wie all jene Afghanen, auf die er - ohne zu zögern - nur wenige Monate nach seiner Machtübernahme die "Mutter aller Bomben" abwarf.

Für Afghanistan ist alles, was zu einer Fortführung oder Eskalation des Konflikts beiträgt, schlecht. Während die Taliban-Diplomaten in Katar verhandelten, fühlen sich nun ihre Hardliner an der Front bestätigt und werden Washington wohl nie wieder trauen. Währenddessen kündigte Trump, der noch vor wenigen Wochen vor versammelter Presse mit der Fantasie spielte, zehn Millionen Afghanen auslöschen zu können, mehr Gewalt an.

Trumps Twitter-Tirade endete übrigens mit einer Frage: "Wie lange wollen die Taliban noch kämpfen?" Die Antwort ist einfach: Länger als das US-Militär. Der permanente Kriegszustand findet allerdings nur ein Ende, wenn es auch wirklich um Frieden geht - und nicht um Selbstinszenierung. (Emran Feroz)