Trumpworld: kaputt

Donald Trump in Johnstown, Pennsylvania. Bild:

Die US-Wähler stürmen an die Urnen. Donald Trump lotet neue Tiefen aus

Als "N-Wort" wird, vermutlich in dem Bemühen, dieses aus der Welt zu schaffen, in den USA eine rassistische Beleidigung verklausuliert, die gemeinhin als "Nigger" bekannt ist. Analog ist, um die Sache zu bezeichnen, ohne sie beim Namen zu nennen, oft von einem "John" die Rede, wenn ein Raum, den man im Deutschen als "stilles Örtchen" kennt, gemeint ist.

Hillary Clintons Versuch, in einer Wahlkampfrede im September 2016 ein solches Codewort zu prägen, als sie von den "deplorables" sprach, den "Erbärmlichen", war wenig Glück beschieden. Die Arroganz, die in dieser rhetorischen Fehlbildung zutage trat, trug wesentlich zu dem tiefen Fall von Frau Clinton bei. Sie wäre gut damit beraten gewesen, die gezielte Beleidigung so weit zu verklausulieren, dass sich jeder darunter vorstellen konnte, was er wollte.

Doch die Provokation der Möchtegernpräsidentin war eindeutig: Sie meinte diejenigen, die durch eher unfeine soziale Umgangsformen wie Rassismus, Sexismus, Homophobie, Fremden- und Islamfeindlichkeit auffallen und ihrer Schätzung zufolge etwa die Hälfte der Unterstützer ihres damaligen Gegners ausmachten. Für diese Leute hätte es keiner begrifflichen Neuschöpfung bedurft, weil sie schon lange, hinter vorgehaltener Hand, als "white trash" firmieren.

Gut möglich, dass Frau Clinton, deren sachliche Analyse gar nicht so falsch war, von der man jedoch zum Glück in letzter Zeit dennoch nicht mehr viel gehört hat, der von ihr verunglimpften Unterschicht eine Dame hinzugerechnet hätte, die in diesen Tagen einen unrühmlichen medialen Kurzauftritt hatte. Die nicht mehr ganz junge Person mit ungehobelten Manieren, warf der Gattin des demokratischen Vizegouverneurs von Pennsylvania am letzten Sonntag das "N-Wort" an den Kopf.

Der nicht sehr lange Vortrag soll sich auf dem Gelände eines Supermarkts der Kette Aldi in einem Vorort von Pittsburgh in Pennsylvania zugetragen haben. Gisele Barreto Fetterman, die in Brasilien geborene und in den USA ohne Aufenthaltstitel aufgewachsene Vizegouverneursgattin, war ausnahmsweise ohne Leibwächter beim Einkaufen. Dort wurde sie Ziel eines verbalen Angriffs, der auf einem Video auch für im Lippenlesen Ungeübte erkennbar ist als: "You are a Nigger".

Eifrige Exegeten von "Fake News" könnten einwenden, dass die unschönen Worte gar nicht als Beleidigung gemeint waren. So tauchen sie zum Beispiel in einer Prosasammlung Arthur Rimbauds mit dem Titel "Eine Zeit in der Hölle" auf. Aber man liegt wohl nicht falsch, wenn man aus dem Kontext ableitet, dass der Dame auf dem Aldi-Parkplatz nicht an einer poetischen Darbietung gelegen war.

"Ich bin sehr jung und ich bin in einer super Form"

Ebenfalls aus dem Kontext ergibt sich, dass die ungehobelte Dame in Pennsylvania, die, ohne es zu wissen, Rimbaud zitiert, aber wissentlich eine Mitbürgerin rassistisch beleidigt, der Wählerklientel Donald Trumps zuzuordnen ist. Dafür spricht schon die Tatsache, dass der demokratische Vizegouverneur des Bundesstaates der Ehemann des Opfers der Beleidigung ist, was wiederum der Täterin bekannt gewesen zu sein scheint.

"Kommt alle rein. Wenn Du ein Mörder bist, wenn Du ein Vergewaltiger bist, wenn Du sehr, sehr krank bist mit einer Krankheit, die sich überall ausbreiten kann, kommt einfach rein", stachelte Donald Trump sein Publikum dieser Tage auf seiner ersten Wahlkampfkundgebung an, nachdem er erst kürzlich mit einer Krankheit infiziert war, die sich überall ausbreiten kann. Joe Biden, so Trumps erlogene Behauptung, wolle die Grenzen des Landes abschaffen.

Eigentlich, so könnte man meinen, müsste Donald Trump ungehobelte Hinterwäldler nicht mehr davon überzeugen, dass er, zumindest im Geiste, einer von ihnen ist. Dass er dies unablässig dennoch tut und nicht viel mehr, ist ein deutliches Anzeichen dafür, dass ihm die Optionen ausgehen oder dass er nicht mehr auf Lager hat oder für beides. Neue Konvertiten wird er mit diesen Mitteln wohl kaum gewinnen.

Trumps Vorgehensweise in der aktuellen politischen Auseinandersetzung, die kaum mehr dem ähnelt, was früher als "Wahlkampf" bekannt war, hat sich auf wenige seiner Standardtechniken verdichtet. Er führt sich auf wie der Chef eines Familienclans, der die Gruppe seiner Unterstützer bei der Stange zu halten und gegen diejenigen aufzuwiegeln versucht, von denen er weiß, dass sie seiner Herrschaft gefährlich sind.

Mit solchen, für Personen mit narzisstischer Störung typischen Verhaltensweisen, verspielt er sogar Chancen, die ihm das Schicksal vor die Füße wirft: Sein zweiter "Comeback"-Versuch nach einer coronabedingten Zwangspause in nur wenigen Monaten — das erste "Comeback", ein Wahlkampfauftritt in Tulsa, Oklahoma, ging gründlich in die Hose — liefert keinerlei Hinweise darauf, dass der Mann aus seinen Fehlern lernt.

"I feel powerful", "Ich fühle mich mächtig", so der noch amtierende Präsident in Sanford in der Nähe von Orlando in Florida vor einer dicht gedrängten Menge seiner Anhänger, von denen die meisten keine Masken trugen. "Glücklicherweise bin ich nicht alt, ich bin sehr jung und ich bin in einer super Form", verkündet Trump, der wenige Tage zuvor in einem Krankenhaus mit experimentellen Medikamenten vollgepumpt wurde. Nun, so Trump, sei er gegen das Virus immun.

"Ich werde alle in diesem Publikum küssen. Ich werde die Jungs küssen und die schönen Frauen und die … alle. Ich werde Euch allen einen richtig dicken Kuss geben", so Trump in Florida. COVID-19, das dürfte auch ihm mittlerweile klar geworden sein, ist sein Hauptgegner auf dem Weg zu einer zweiten Amtszeit. Doch selbst nach Monaten der Pandemie fällt ihm noch nichts Besseres ein, als zu versuchen, das Virus verbal aus der Welt zu schaffen.

Wird Trump den Trend umkehren?

Wegreden lässt sich auch nicht mehr, dass Trumps politischer Gegner, weniger durch sein Zutun als durch die Fehler des Amtsinhabers, im Laufe des Wahlkampfs an Statur gewonnen hat. In der bisher einzigen direkten Auseinandersetzung der beiden Kontrahenten während der ersten und möglicherweise letzten Fernsehdebatte wirkte auch Joe Biden wenig souverän. Doch der Tenor nach der beschämenden Vorstellung war, dass deren unwürdiger Ton vor allem von Trumps ständigen Störmanövern ausging.

Von einem zivilisierten politischen Diskurs, zu dem auch die Einhaltung bestimmter Spielregeln gehört, hält Donald Trump bekanntlich nichts. Er verlässt sich auf die Fanatisierung von Massen, deren alleinige Aufgabe es ist, ihm Beifall zu zollen. Dazu gehört, dass man den Gegner schikaniert, ihm das Wort abschneidet, um ihn mundtot zu machen und gehörig durch den Dreck zu ziehen. Doch diese Rechnung scheint dieses Mal nicht aufzugehen.

Nach einem anfänglichen Bonus für Trump zu Beginn der Corona-Krise hatte sich sein Rückstand zu Biden in den Meinungsumfragen im Lauf der Monate vergrößert. Seit der Fernsehdebatte liegt der Abstand zwischen dem Präsidenten und seinem Widersacher in den meisten nationalen Umfragen im niedrigen zweistelligen Bereich. Nach Bekanntwerden seiner Infektion haben sich Trumps Umfragewerte eher noch verschlechtert.

Dies ist der strategische Hintergrund, auf dem sich der manische Aktionismus abspielt, den er seit seiner Krankheit an den Tag legt: Trump muss versuchen, den Trend umzukehren. Wenn die Dinge für ihn weiter so schlecht laufen, wie in den vergangenen Monaten, dann wird er die Wahl verlieren. Vermutlich deswegen wird seine Tonlage von Tag zu Tag schriller. Donald Trump geht Vabanque. Die verbrannte Erde, die er dabei hinterlässt, ist ihm offensichtlich völlig egal.

Dass seine Strategie verfangen könnte, im Rahmen der ihm noch verbliebenen Möglichkeiten, darauf deuten aktuelle Zahlen zur Wählerregistrierung hin. Wie die New York Times berichtet, scheinen sich in manchen der umkämpften "Swing States" weiße Wähler ohne höheren Bildungsabschluss stärker als im Jahr 2016 für die Wahl zu registrieren. In Florida, North Carolina und Pennsylvania lägen die Zuwächse an registrierten Wählern erheblich über denen der Demokraten.

Die subversive Logik hinter dem Chaos

Doch die Aktivierung der eignen Kernklientel allein wird Trump nicht mehr zum Sieg verhelfen. Er muss versuchen, seinen Gegner, der sich im Aufwind befindet, in kurzer Zeit signifikant zu schwächen. Mit politischen Argumenten, von denen er ohnehin nichts hält, wird ihm dies in der noch verbliebenen Zeit kaum gelingen.

Trump setzt stattdessen auf ein ihm kongeniales Instrumentarium, um das Wahlergebnis zu kippen. Darunter die Diffamierung des Gegners: Kaum war die Fernsehdebatte zwischen Vizepräsident Mike Pence und Kamala Harris über die Bühne gegangen, in einer Gesprächsatmosphäre, die viele Beobachter nostalgisch stimmte, meldete sich Trump zu Wort, um für Chaos zu sorgen: Harris, so Trump, sei ein "Monster".

Wohl nicht nur als hohle Verbalattacke zu verstehen, war seine prompt folgende Aufforderung an Justizminister William Barr: Er solle Barack Obama und den damaligen Vizepräsidenten und jetzigen Präsidentschaftskandidaten Joe Biden unter Anklage stellen. Sie hätten ein Komplott gegen ihn im Wahlkampf 2016 zu verantworten, laut Trump das "größte politische Verbrechen" in der Geschichte der USA.

Justizbehörden auf politische Gegner anzusetzen, gehört zum Herrschaftsinstrumentarium von Autokraten. Nach vier Jahren der amerikanischen Chaos-Präsidentschaft ist deutlich, dass der gegenwärtige Amtsinhaber bemüht ist, solche Methoden für sein Land zu normalisieren. Dazu nährt er Zweifel an der Funktionsfähigkeit demokratischer Institutionen — mittels Dysfunktionen, die er herzustellen selbst fleißig bemüht ist.

Aufgrund der Pandemie kommt der Stimmabgabe per Briefwahl in diesem Jahr besondere Wichtigkeit zu. Doch die Zahl der Wähler, die per Brief wählen werden, ist unter Demokraten wesentlich höher als unter Republikanern. Dies ist die subversive Logik hinter dem Chaos: Trump hat ein Interesse daran, diese Wahlmethode oder gleich die ganze Wahl komplett zu diskreditieren, weil ihm dies in die Hände spielt. Indem er die Glaubwürdigkeit des Systems unterminiert, verbrennt er die Brücken hinter sich.

Was von Donald Trump übrig bleibt

Prognosen deuten darauf hin, dass es zu einer sehr hohen Wahlbeteiligung kommen wird. Laut Angaben des United States Elections Project, das von einem Politikwissenschaftler der University of Florida betrieben wird, haben bereits mehr als 16 Millionen Wähler ihre Stimme abgegeben (Stand: 15.10.). Dies entspricht 11,6 Prozent der Gesamtzahl der im Jahr 2016 abgegebenen Stimmen. In fünf Bundesstaaten liegen die abgegebenen Stimmen bereits bei über 20 Prozent des Niveaus von 2016.

Von den bisher per Brief abgegebenen 7,3 Millionen Stimmen gehören 4,1 Millionen zu den Demokraten, 1,7 Millionen zu den Republikanern. Diese Zahlen deuten auf eine sehr hohe frühe Wahlbeteiligung von registrierten Demokraten hin. Allerdings sind die Daten mit früheren Wahlen schwer vergleichbar, da es voraussichtlich insgesamt, also auch unter Anhängern der Republikaner, zu einer sehr starken Wählermobilisierung kommen wird.

In den USA stehen sich zwei heterogene Camps gegenüber, die sich jeweils eigentlich nur in einer Sache wirklich einig sind: Dass ihre Existenz von Feinden in dem jeweils anderen Lager bedroht sei. Donald Trump hat diesen Konflikt vier Jahre lang erfolgreich verstärkt und für seine Zwecke ausgenutzt. Was von Donald Trump übrig bleibt, hängt auch davon ab, ob es einer hinreichenden Zahl von Wählern gelingen wird, dieses Konfliktmuster zu durchschauen und über den eigenen Schatten zu springen. (Thomas Schuster)