Tschernobyl

Eine Katastrophe wird 20

Am 25. April 1986 beginnen die Mitarbeiter des Lenin-Kraftwerks nahe der damals noch sowjetischen Stadt Tschernobyl mit einem umstrittenen Experiment. Sie wollen überprüfen, ob die Turbine mit der Restwärme eines abgeschalteten Reaktors so lange weiterläuft, bis die Dieselgeneratoren einsatzbereit sind. Zu diesem Zweck werden wichtige Sicherheitssysteme abgeschaltet.

Am 26. April 1986, um 1: 23 : 44 Uhr explodierte Block IV des Kernkraftwerks von Tschernobyl. Bild: Tschernobyl Interinform

Menschliches Versagen, simple Bedienungsfehler des ganz offensichtlich überforderten Personals und technische Mängel des störanfälligen RBMK-Reaktors führen innerhalb weniger Stunden zur Katastrophe. Um 1.23 des 26. April kommt es zu einer nuklearen Leistungsexkursion. Sie überschreitet in Millisekunden das Hundertfache des Nennwertes, der 1.000 Tonnen schwere Deckel des Reaktors wird abgesprengt, und eine radioaktive Wolke verteilt gefährliche Isotope wie Iod-131 und Cäsium-137 über Tausende von Kilometern.

In der Folgezeit werden rund 350.000 Menschen umgesiedelt, Block 4 verschwindet unter einem gigantischen Sarkophag, der allerdings nicht für die Ewigkeit gebaut ist und im Rahmen des Shelter Implementation Plan dringend modernisiert werden muss. Die anderen Blöcke laufen weiter, Nr.2 bis 1991 ein Feuer ausbricht, Nr.1 bis 1996 und Nr.3 – nach internationalen Protesten und Ausgleichszahlungen – bis zum Jahr 2000.

Auch 20 Jahre nach der fatalen Kernschmelze gibt es höchst unterschiedliche Ansichten über die Details des Unfallhergangs, die gesundheitlichen, ökologischen und ökonomischen Folgen sowie die energiepolitischen Konsequenzen, die aus den Ereignissen gezogen werden sollten. Gleichwohl gilt Tschernobyl noch immer als Inbegriff des Super-GAUs und – neben der 30 Jahre lang geheim gehaltenen Explosion, die 1957 das sowjetische Chemiekombinat Majak erschütterte – als größte Katastrophe in der Geschichte der zivilen Nutzung der Kernenergie (sofern man in Majak von einer zivilen Nutzung sprechen durfte).

Der Rest ist Streit um Zahlen, Fakten und Interpretationshoheiten, als ob Tschernobyl überhaupt kein historisches Ereignis, sondern nur noch ein Symbol wäre, an dem sich Befürworter und Gegner der Kernenergie abarbeiten müssen, um ihre Auseinandersetzungen anschließend desto ungerührter fortsetzen zu können. Die Unmöglichkeit präziser Berechnungen liegt zwar in der Natur der Sache, doch die Differenz zwischen den verschiedenen Einschätzungen (20 Jahre nach dem GAU) deutet recht unverblümt auf die politische Interessenlage der jeweiligen Expertenteams hin.

Während das Tschernobyl-Forum, an dem nicht nur die Internationale Atomenergiebehörde und die Weltgesundheitsorganisation, sondern auch die betroffenen Länder Russland, Weißrussland und die Ukraine beteiligt sind, in einer aktuellen Studie von 4.000, vielleicht auch knapp 10.000, aber keinesfalls sehr viel mehr bereits gestorbenen oder potenziellen Opfern ausgeht, rechnen Umweltschutzorganisationen und Gegner der Atomenergie wie beispielsweise Greenpeace in einem Bericht mit Zehntausenden oder mehr Todesfällen, die schon jetzt und in Zukunft unmittelbar auf die Ereignisse in Tschernobyl zurückgeführt werden können.

Die Organisation „Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs, Ärzte in sozialer Verantwortung“ (IPPNW) hat deshalb mit einigem Recht darauf hingewiesen, dass es 20 Jahre nach dem Unfall nicht vorrangig darum gehen kann, richtige und falsche Zahlen gegeneinander auszuspielen. Gegen ein solches Vorgehen spricht neben dem eigenartigen Umstand, dass sich nicht einmal Atomenergiebehörde und Weltgesundheitsorganisation auf eine gemeinsame Datenbasis einigen konnten, auch eine Vielzahl methodischer Probleme. Viele Informationen unterliegen bis heute der Geheimhaltung, die Verteilung der Radioaktivität in Europa lässt sich nicht präzise berechnen und außerdem erschweren die großen Wanderungsbewegungen, die damit einhergehende Veränderung der Alterstruktur oder simple Sprachprobleme verlässliche Aussagen.

Das zerstörte Reaktorgebäude wurde provisorisch durch einen Stahlbetonmantel gesichert, der nun dringend ersetzt werden muss. Bild: Tschernobyl Interinform

Mit Horrormeldungen – etwa der auch von IPPNW kolportierten russischen Meldung, über 90% der nach dem Unfall zur Schadensbegrenzung eingesetzten „Liquidatoren“, sprich: zwischen 540.000 und 900.000 Menschen, seien heute krank und arbeitsunfähig – ist ohne entsprechende Nachweise vorerst niemandem gedient.

Entscheidender als solch vermeintliche Bilanzen und die oft ausschließliche Konzentration auf Krebserkrankungen und nachfolgende Todesfälle ist das Ausmaß gesundheitlicher Schäden, das durch den Reaktorunfall verursacht oder begünstigt wurde. Auch wenn dieser Bereich ebenfalls nicht zahlenmäßig erfasst werden kann, weist die deutliche Erhöhung der Kindersterblichkeit in mehreren europäischen Ländern, die Zunahme von genetischen und teratogenen Fehlbildungen oder der Anstieg von psychischen und somatischen Erkrankungen darauf hin, wie breit die Streuwirkung gesundheitsschädlicher Folgen tatsächlich gewesen ist.

Ihre Bedeutung lässt sich auch dann noch erkennen, wenn sie den Weg über die Verseuchung der Umwelt nehmen. Das Bundesamt für Strahlenschutz hat unlängst darauf hingewiesen, dass Pilze und Wildbret im süddeutschen Raum auch nach zwei Jahrzehnten noch immer überdurchschnittlich radioaktiv belastet sind. Während Lebensmittel in Deutschland nur mit einem Radiocäsiumgehalt von maximal 600 Becquerel pro Kilogramm verkauft werden dürfen, lag der Wert bei Wildschweinen im Bayerischen Wald 2004 zwischen 80 und 40.000 Becquerel pro Kilogramm, wobei der Mittelwert mit 7.000 Becquerel beziffert wurde.

Die Bedeutung der Katastrophe von Tschernobyl lässt sich aber auch durch diesen dankenswerten und immerhin nachprüfbaren Versuch nicht wirklich statistisch erfassen. Sie hat Menschen getötet, krank gemacht, große Landstriche kontaminiert, erhebliche finanzielle Schäden verursacht – darüber hinaus aber einmal mehr das Vertrauen in eine Technologie erschüttert, die - unter sehr speziellen, aber eben auch sehr realen Umständen – wohl als unbeherrschbar angesehen werden muss. Schließlich war Tschernobyl nur das prominenteste und am meisten diskutierte Beispiel einer langen Reihe größerer und kleinerer "Betriebsunfälle", die jeder für sich schon zu ähnlichen Erkenntnissen hätte führen können.

Trotzdem droht selbst die Erinnerung an den Super-GAU von 1986 langsam zu verblassen. Laut einer Forsa-Umfrage unter Jugendlichen zwischen 12 und 16 Jahren, die das Bundesumweltministerium zum 20. Jahrestag in Auftrag gegeben hat, konnten nur noch 33% sagen, „um was es sich bei Tschernobyl handelt bzw. was dort passiert ist.“

Neben den Sicherheitsaspekten gibt es weitere gewichtige Argumente gegen die Nutzung der Kernenergie – die begrenzten Uran-Reserven, das Problem der Endlagerung und die mögliche Gefährdung durch terroristische Anschläge, der Streit um die Proliferation (Iran) oder den beachtlichen Fortschritt im Bereich der erneuerbaren Energien. Hinzu kommen die in verschiedenen Studien vermuteten gesundheitsschädlichen Beeinträchtigungen, die durch die bloße räumliche Nähe von Kernkraftwerken verursacht werden könnten. So gingen einige Wissenschaftler bereits in den 90er Jahren davon aus, dass die Krebsrate bei Kleinkindern unter 5 Jahren im Nahbereich von deutschen Kernkraftwerken um 54% erhöht ist. Ende 2006 will das Bundesamt für Strahlenschutz hierzu eine aktuelle epidemiologische Studie vorlegen.

Unabhängig davon wurden Ende letzten Jahres 444 Kernkraftwerke in 31 Ländern betrieben und in 10 Ländern befanden sich 23 weitere Atommailer im Bau. Bis 2020 könnten gut drei Dutzend Reaktorblöcke dazukommen, und in Deutschland, wo derzeit noch 17 Anlagen im Einsatz sind, wird über die Zukunft der Kernenergie nach wie vor kontrovers diskutiert. Dabei ist der Ausstieg aus dieser Form der Energiegewinnung längst beschlossen, und Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) erklärte schon im Vorfeld der Anfang dieser Woche anberaumten Tagung Tschernobyl 1986-2006: Erfahrung für die Zukunft, dass es mit seiner Partei aller Voraussicht nach keinen Rücktritt vom Rücktritt geben wird.

Für die Zukunft unseres Energiesystems kommt, gemeinsam mit einer besseren Energieeffizienz, den erneuerbaren Energien eine zentrale Rolle zu. Atomkraft ist ein Auslaufmodell und keine Zukunftstechnologie, denn sie verhindert Innovation. Die Atomenergie ist mit prinzipiellen Sicherheitsrisiken verbunden und deshalb nur noch für begrenzte Zeit verantwortbar.

Sigmar Gabriel

Von Seiten des Koalitionspartners kommen durchaus andere Signale. Hessens Ministerpräsident Roland Koch ist der festen Überzeugung, dass die Zustimmung zur Nutzung der Kernenergie noch steigen wird. Er würde den Ausstiegsbeschluss - wie ein Großteil seiner Parteifreunde – am liebsten wieder rückgängig machen. Die energiepolitische Sprecherin der FDP-Bundestagsfraktion, Gudrun Kopp, sieht angesichts der „fortgesetzten Drohungen des Gazprom-Konzerns“ sogar die Gefahr, dass Deutschland „in eine gefährliche politische Abhängigkeit von Russland“ gerät.

Szene aus dem Film „Die Wolke“

Die Interessenvertreter der Kernenergie sind Gegenargumenten traditionell nicht besonders zugängig, wie die jüngste Reaktion des Deutschen Atomforums auf den Kinostart des Films Die Wolke, der sofort als „Fiktion“ und „fernab jedweder Realität in Deutschland“ verortet wurde, eindrucksvoll unter Beweis stellte. Präsident Walter Hohlefelder erklärte auf der Tschernobyl-Tagung folgerichtig: „Alle Optionen für die Energieversorgung künftiger Generationen müssen offen gehalten und weiterentwickelt werden.“ Allerdings ist nach verschiedenen Umfragen auch die Hälfte der deutschen Bevölkerung nicht unbedingt der Meinung, dass der Ausstieg aus der Kernenergie perspektivisch die richtige Entscheidung war.

Die Erzählung „Störfall. Nachrichten eines Tages“, die Christa Wolf im Sommer 1986, wenige Wochen nach der Katastrophe von Tschernobyl, schrieb, hat damit zumindest ihre prophetischen Qualitäten unter Beweis gestellt.

An jenem Abend haben sie auf mehreren Fernsehkanälen zum ersten Mal den Umriss des verunglückten Reaktors gezeigt, ein Schema, das sich uns mit der Zeit ebenso einprägen müsste wie das Symbol des Atompilzes. Herren haben sie vor die Kameras gesetzt, die allein durch ihre gut geschnittenen grauen oder graublauen Anzüge, durch die dazu passenden Krawatten, den dazu passenden Harrschnitt, ihre besonnene Wortwahl und ihr ganzes amtlich beglaubigtes Dasitzen eine beruhigende Wirkung ausgestrahlt haben – ganz im Gegensatz zu den paar jüngeren, bärtigen Pulloverträgern, die durch ihr aufgeregtes Reden und heftiges Gestikulieren den Verdacht erweckten, sie hätten die Mikrofone widerrechtlich erobert, und ich habe an die Leute im Lande denken müssen, an die arbeitsamen stillen Leute in den beiden Ländern, die ihre Blicke abends auf dem Bildschirm vereinen, und mir ist klar geworden: Auf die im Pullover werden sie weniger hören als auf die in den Maßanzügen mit ihren maßvollen Meinungen und ihrem maßvollen Verhalten; sie wollen nach den Mühen des Tages am Abend im Sessel sitzen wie ich und ihr Bier trinken – bei mir ist es Wein, na schön -, und sie wollen etwas vorgeführt kriegen, was sie freut, und das kann gerne ein verzwickter Mordfall sein, aber es soll sie nicht zu sehr angehn, und das ist das normale Verhalten, das uns anerzogen wurde, so dass es ungerecht wäre, ihnen dieses Verhalten jetzt vorzuwerfen, bloß weil es dazu beiträgt, uns umzubringen.

Christa Wolf: Störfall

(Thorsten Stegemann)

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