Tsipras und die Revolte gegen den Krawattenzwang

Die neue griechische Regierungsmannschaft, fast ohne Krawatte, aber brav im dezenten Anzug. Bild: Syriza

Zieht mit der neuen griechischen Regierung ein Ausbruch aus der Konformität ein?

Mit der neuen griechischen Regierung, vor allem mit Regierungschef Tsipras und seinem Finanzminister Yanis Varoufakis, zieht ein neuer Stil in die Politik ein. Es tritt nicht nur eine neue Generation an, die zumindest erst einmal die Spielregeln auf dem politischen Parkett in Frage stellt, sie verweigert sich auch - endlich! - der Uniformität, der sich vor allem Männer zu unterwerfen scheinen. Mit der Unterstützung von Bischof Lanthimos aus Alexandroupolis verweigerte Tsipras auch den in Griechenland ansonsten bei der Vereidigung als Regierungschef den Eid auf die Bibel, also auf eine bedeutungslose Zeremonie in einem säkularen Staat.

Zugeschnürte Krawatte gegen offenes Hemd. Bild: EU-Parlament

Es ist lange her, da zogen die Grünen langhaarig, mit bunten Kleidern, Bärten und Turnschuhen, in das Parlament ein. Spätestens seit die deutschen Grünen unter Fischer regierungstauglich wurden, wurden sie auch spießig in der Kleidung. Das geht nicht spurlos am Geist vorbei, schließlich ist die Unterwerfung unter den Kleidercode der Macht auch eine Bereitschaft zur politischen Uniformität.

Der modernen Uniform, die demonstriert, keiner schmutzigen und körperlich anstrengenden Arbeit nachgehen zu müssen, ist für die Männer der Anzug mit der obligatorischen Krawatte, dem bürgerlichen Signum. Sie ist schon äußerlich als kenntnisreich gebundener Knoten am Hals der Hinweis darauf, angebunden und eingebunden zu sein, nicht frei Luft holen zu können, sondern diszipliniert und eingeschnürt aufzutreten.

Wer die Krawatte ablegt, kann nicht nur aufatmen, er tritt auch aus der seltsamen Zwangsveranstaltung aus, nur mit diesem Zeichen dazuzugehören und ernst genommen zu werden. Krawatten schützen bekanntlich nicht davor, Verbrecher oder Gauner zu sein, denn wer es geschafft hat, erfolgreich zu sein, oder in irgendwelchen Funktionen oder Ämtern krumme Dinge macht, den Spuren der Macht folgt oder sich unmoralisch bereichert, trägt immer auch diesen Ausweis deutlich mit sich - mit Variationen, lässig oder streng, breit oder dünn, farbig oder grau.

Mag sein, dass die Krawatte auch etwas mit der Demonstration des Mannseins zu tun hat. Sie zeigt nicht nur auf den Penis als den Mittelpunkt des Mannes, sie ist selbst eine Penisdarstellung, wenn auch schlapp herunterhängend. Damit würde man die Virilität verdoppeln und schon von weitem im eingepackten Zustand als Anzugträger, der nur wenig Haut zeigt, demonstrieren, dass hier ein Mann kommt, der als solcher wahrgenommen werden will.

Viril sind die neuen griechischen Herrscher allerdings weiterhin. Sie haben zwar die Krawatte abgelegt, nicht aber den Rest der Uniform. Zu weit soll der Aufstand gegen die bürgerlichen Konventionen doch nicht gehen. Man bleibt "seriös" schwarz, blau, grau gekleidet, ohne Ausnahme in Anzug, auch wenn das Kabinett nur wenige Krawattenträger ausweist.

Und viril ist die neue Regierung auch deswegen, weil sie zwar die Ministerposten löblicherweise auf 10 eingedampft, aber dafür keinen Platz mehr für eine Frau gefunden hat. Gerade einmal fünf Frauen dürfen bei der Dominanz der linken Syriza in untergeordneten und wenig bedeutsamen Rollen von insgesamt 41, wenn ich richtig gezählt habe, mitregieren. Maria Kollia-Tsaroucha ist Vizeministerin für Makedonien-Thrakien, Tasia Christodoulopoulou ist Vizeministerin für Immigration, Eleni Kountoura ist Vizeministerin für Tourismus und Nantia Valavani die Vizeministerin für Finanzen. Zoi Konstantopoulou ist Vorsitzende Parlaments. (Florian Rötzer)